Am Donnerstag herrschte Wahlkampfstimmung im ORF. Der 35-köpfige Stiftungsrat des Unternehmens tagte zum letzten Mal vor der Neubestellung des Generaldirektors am 10. August dieses Jahres. Thema der Sitzung: Vom derzeitigen Generaldirektor Alexander Wrabetz öffentliche Antworten auf einen Fragenkatalog der ÖVP-nahen Räte einfordern. Der fiel ungewöhnlich umfangreich aus. Wenig subtiler Subtext der Aktion: Wrabetz hat das Prestige-Projekt Newsroom nur bedingt im Griff. Was dieser wortreich auf 41 Seiten Antwortschreiben bestreitet.

ORF-Chef Alexander Wrabetz. - © apa / G. Hochmuth
ORF-Chef Alexander Wrabetz. - © apa / G. Hochmuth

Doch abseits des gremialen Geplänkels könnte die Neuwahl im August, auch ungeachtet des sommerlichen Termins, eine heiße Schlacht werden. Denn die Ausgangslage ist auf dem Papier klarer als in der Realpolitik des ORF. Auf dem Papier hat die ÖVP eine komfortable Mehrheit im Rat, könnte also den ORF-Chef auch alleine ohne den Koalitionspartner bestimmen. Wenn - und das ist der Knackpunkt - alle an einem Strang ziehen. Gerade mit den VP-regierten Bundesländern gab es da zuletzt Dissonanzen. So blieben deren Mandatare den vorbereitenden Fraktionssitzungen fern, um sich statt dessen im Länderkreis abzustimmen. Wohl ein mehr als deutliches Signal an die Bundesregierung in Wien, sich der Sache ORF nicht allzu sicher zu sein.

In der Bundes-ÖVP unter Kanzler Sebastian Kurz sieht man unterdessen in ORF-Chefproducer Roland Weißmann einen geeigneten Kandidaten, um Wrabetz zu beerben. Dieser kommt, wie der letzte, dann gescheiterte Kandidat Richard Grasl (der diesmal aus privaten Gründen nicht antreten wird), aus Niederösterreich. Weißmann war später bei Ö3 und wurde unter Grasl Büroleiter in der Kaufmännischen Direktion (KD) des Hauses. Eine Funktion, die 2017 massiv aufgewertet wurde, als die finanzmächtige Programmwirtschaft in die KD integriert wurde (wohl um die VP-Stimmen im Rat für die Gebührenerhöhung zu sichern). Weißmann wurde so Chefproducer des ORF und führt diese mit Fachkompetenz und Engagement, wie selbst Gegner ihm bescheiden.

Zeichen der Erneuerung?

Dies sei, so wenden jedoch Skeptiker ein, allerdings eine rein administrative Funktion fern des Programmes. Denn Journalist oder Fernsehmacher ist der studierte Kommunikationswissenschafter Weißmann offensichtlich nur bedingt. Und er ist eines sicher nicht: ein leuchtendes Zeichen der Veränderung für den ORF.

Faktum scheint zudem zu sein, dass die Bundesländervertreter im Stiftungsrat hinter vorgehaltener Hand von der Kandidatenwahl gerade einmal nur so mittelbegeistert wirken. Das ist ein Problem, hat doch gerade die berüchtigte West-Achse schon so manche Entscheidung zum Kippen gebracht. Selbst in Niederösterreich scheint man noch nicht gänzlich von Weißmann überzeugt. Immerhin stünde mit ORFeins-Managerin Lisa Totzauer auch eine geeignete Niederösterreicherin zur Verfügung, heißt es.

Klar ist, es wäre ebenso ein naiver Fehler, zwei Monate vor der Wahl jedes kritische Wort auf die Goldwaage zu legen. So manches kann sich da auch als Theaterdonner erweisen. Immerhin gilt es ja auch, ein mindestens vierköpfiges Direktorium zu besetzen - auch die neun Landesdirektoren werden neu bestellt. Der neue zentrale Newsroom des ORF und seine völlig neu geschaffene Struktur bieten neben besseren Arbeitsbedingungen auch eines: Mehrere Dutzend neue Chefposten, die es sukzessive zu besetzen gilt. Hier dürfte also genügend Verschubmasse für eventuelle Verhandlungen verfügbar sein.

Ausgeschrieben wird die Funktion des Generaldirektors Ende Juni - wie gesetzlich vorgesehen im Amtsblatt dieser Zeitung. Überraschungen sind da keine zu erwarten, die Ausschreibung dürfte im Wesentlichen wortgleich zur letzten sein.

Alternative Wrabetz?

Naiv wäre es freilich auch, Amtsinhaber Alexander Wrabetz vorzeitig abzuschreiben. Wrabetz, immerhin schon seit 2006 ungeschlagener Generaldirektor, hat bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, auch unwahrscheinliche Mehrheiten zu basteln. Sollte sich eine Mehrheit für einen der logischen ÖVP-Kandidaten nicht zeigen, könnte die Stunde des Amtsinhabers neuerlich schlagen.

Oder es kommt ein anderer Kandidat aus der Deckung. In zwei Monaten kann bekanntlich im ORF viel passieren.