Es gibt immer noch eine Vielzahl von Menschen, die meinen, wenn das Internet ausfällt, dann schreibt man eben wieder Briefe, telefoniert über das Festnetztelefon und genießt einfach wieder lineares Fernsehen. Doch dem ist nicht so. Der Schritt zurück, der geht nicht mehr. Und für alle unter 35 Jahre ist "das Internet" ohnehin immer schon da gewesen, es gab doch nie ein anderes Leben. Was aber, wenn es wirklich einmal ausfällt? Wie gefährdet ist die Infrastruktur? Kann man das Internet einfach abschalten oder zerstören?

Ein Blick auf die globale Weltkarte des Internets zeigt eine unglaubliche Vielzahl von Verbindungen und Knotenpunkten. Vor allem die Unterwasserleitungen, die den Internetverkehr zwischen den Kontinenten sicherstellen sollen, erscheinen als sehr fragile Konstrukte. Die Glasfaserkabel dieses Netzwerkes sind mancherorts immer wieder unterbrochen - sei es, wie gerade eben durch Biberverbiss in Kanada, der vorige Woche für einen 36-stündigen Ausfall von Internet, Fernsehen und Mobilfunk gesorgt hat, oder durch eine 75-jährige Pensionistin, die 2011 ein Glasfaserkabel in Georgien durchschnitt und so zehntausende Internetnutzer in Armenien und Teilen Georgiens fast zwölf Stunden lang vom Netz trennte.

Auch die jüngste große Störung durch ein Problem beim Cloud-Dienstleister Fastly war eigentlich kein großes Drama. Ein Kunde des Unternehmens soll durch ein schlechtes Update für den Ausfall gesorgt haben. Doch auch wenn man bei Fastly die Ursache des Problems bereits 40 Minuten nach Bekanntwerden der Störung fand und dieses weitere 49 Minuten später zu 95 Prozent wieder behoben hatte, zeigte es, wie anfällig das Internet sein kann.

Alles in allem passiert relativ wenig. Auch wenn man im Homeoffice durchaus den Eindruck gewinnen könnte, dass es um das Internet schlechter bestellt ist, als man dachte, sind dies nur lokale Störungen. Ein weltweiter Ausfall des Internets oder eine komplette Zerstörung wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Experten beantworten Fragen zum Ende des Internets gerne mit der Gegenfrage: "Könnten Sie alle Flüsse der Welt auf einmal stoppen?" Man kann einzelne Bäche stauen oder umleiten, aber alle Flüsse auf einmal zu blockieren, ist praktisch unmöglich, da das Wasser immer wieder versucht, bergab einen neuen Weg zu finden.

Das Herzstück des Internets

Ebenso ist das Internet ein riesiges und komplexes Gebilde, das von einer Mischung aus Regierungs- und Wirtschaftsbehörden sowie Milliarden von Privatpersonen betrieben wird. Es gibt keinen einzigen Verbindungspunkt, durch den alle Daten fließen, und das Internetprotokoll wurde speziell so entwickelt, dass Daten einen Weg um Teile des Netzwerks finden, die ausgefallen sind. Da die Daten zudem in Paketen verschickt werden, können sich diese auf unterschiedlichen Wegen zu ihrem Ziel bewegen.

Das Herzstück des Internets sind die weltweiten Datenzentren, bereitgestellt von Internetinfrastruktur-Providern, die selbst weder Inhalte erschaffen, noch kommunizieren oder Content verändern oder löschen. In den Datenzentren stehen dann jene Server, die die Inhalte verteilen. Um das Internet wirklich zu zerstören, müsste man also alle Datenzentren weltweit vernichten.

Mehr als 30 Jahre ist es nun schon her, dass das Internet in Österreich Einzug hielt. Im Jahr 1990 wurde sowohl das ACOnet als gemeinsame, herstellerunabhängige Kommunikationsinfrastruktur der österreichischen Universitäten errichtet, als auch im Rahmen der "European Academic Supercomputer Initiative" die erste mit TCP/IP Protokollen betriebene Standleitungsverbindung mit 64kbit/s von der Universität Wien nach Genf (CERN) mit Anbindung ans NSFnet in den USA in Betrieb genommen und damit der Anschluss Österreichs an "das Internet" hergestellt. Seit dieser Zeit ist das Netz weiter und weiter gewachsen. Auf die Möglichkeit, weltweit Wissen zu transferieren, folgten der Warenverkehr und bald auch das Privatleben.

Das Internetprotokoll steckt in so vielen Anwendungen, dass ein Leben ohne praktisch nicht mehr möglich ist. Weshalb auch immer wieder der Ruf nach einem Menschenrecht auf Internet laut wird. Im Vergleich zu einem großflächigen Ausfall sind lokale Angriffe und Störungen viel wahrscheinlicher. Eine Forschungsgruppe am deutschen Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie zeigte, dass Ende 2016 92 Prozent des Internets durch Manipulationen des "Domain Name System" (DNS) verwundbar waren. Das DNS sorgt beispielsweise dafür, dass Anfragen an eine bestimmte Web-Adresse auch tatsächlich beim richtigen Web-Server ankommen. Auch mehr als 68 Prozent der von Telekommunikationsunternehmen betriebenen Netze und mehr als 73 Prozent der Unternehmensnetze sind angreifbar - also Netze, die typischerweise gut geschützt sind.

Wie sich die Gesellschaft ändert

In Österreich widmet sich ein aktuelles Forschungsprojekt mit der Frage, wie würde sich ein lang anhaltender, großflächiger Ausfall des Internets auf Infrastruktur und Gesellschaft in Österreich auswirken? "Das Internet ist für unsere Gesellschaft zu einer kritischen Infrastruktur geworden. Durch die netzförmige Struktur scheint es relativ krisensicher; lang anhaltende, großflächige Ausfälle gab es bisher kaum. Das vermittelt den Eindruck einer gewissen Verlässlichkeit, der dazu geführt hat, dass umso mehr Vernetzung über das Internet erfolgte. Redundanzen oder eigene Leitungen wurden oftmals zu Gunsten gestiegener Effizienz aufgegeben. Dadurch entstand eine Abhängigkeit von diesem Netz", heißt es auf der Webseite von ISIDOR. "Die Folgen einer lang anhaltenden, großflächigen Einschränkung oder sogar eines Totalausfalls, sind derzeit schwer abzuschätzen und werden im neuen Sicherheitsforschungsprojekt "ISIDOR - Folgen einer langandauernden und großflächigen Einschränkung der Internet-basierten Dienste und Infrastrukturen", vom Institut für
Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW), gemeinsam mit den anderen Projektpartnern, und unter der
Leitung des Instituts für Produktionswirtschaft und Logistik an der BOKU
untersucht.

Die Forscher betrachten dabei den Zeitraum ab Eintritt des Ereignisses, und beschäftigt sich mit dem Thema daher im Rahmen der Cyber-Resilienz. Es soll erforscht werden, mit welchen Abhängigkeiten und Kaskadeneffekten man es im Ereignisfall zu tun hätte: Was passiert, wenn alle Notfallpläne in Kraft gesetzt werden? Kommt es zu Versorgungsengpässen, und wenn ja, ab wann? Gefragt wird auch, wie sich das staatliche Krisen- und Katastrophenschutzmanagement auf so eine Situation vorbereiten kann.

Es ist die Angst der Menschen vor dem großen Nichts oder drastischer Änderungen. Natürlich können Störungen durchaus gravierende Auswirkungen haben, man denke nur an tagelangen Stillstand der Wirtschaft. Doch auch dies haben wir gerade erlebt. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie wachsen die Sorgen und Ängste vieler Menschen in Bezug auf andere Katastrophen. Stromausfälle, Zwischenfälle mit Atomkraft oder Angriffe auf die Internet-Infrastruktur werden noch bedrohlicher wahrgenommen, als sie es ohnehin schon wären. Ohne Strom gäbe es früher oder später natürlich auch keinen Internetzugang. Was für den Einzelnen eine Tragödie sein kann, bedeutet aber immer noch nicht das weltweite Ende. Eingedenk dieser Tatsache sollte man sich die Auswirkungen durchaus einmal vor Augen führen, aber für Panik und Angst ist kein Grund. Das weltweite Netz lässt sich nicht abdrehen.