Wir leben in der Tat in einem goldenen Zeitalter der TV-Serien. Die Entwicklung der Streaming-Technologie sorgt dafür, dass wir eine monströs große Auswahl auf Knopfdruck zur Verfügung haben. Auch wer vermeintlich exotisches Material sehen will, muss heute keine DVDs mehr aus Übersee bestellen, um beim Zoll abgezockt zu werden. Es ist alles da, nur einen Klick mit der Fernbedienung entfernt. Und das Entstehen mehrerer konkurrierender Streaming-Dienste hat dazu geführt, dass mehr und bessere TV-Serien produziert werden als je zuvor. Der verzweifelte Kampf um das bessere Abo-Argument gibt auch Produktionen eine Chance, die noch vor fünfzehn Jahren nicht einmal eine vage Chance auf Verwirklichung gehabt hätten. Man denke nur an den neuen deutschen SciFi-Klassiker "Dark" - der Hit wäre ohne Netflix wohl nie entstanden.

Das alles führt zu einer ungeahnten Vielfalt, die uns bequem zur Verfügung steht. Sogar die Vorauswahl nimmt uns ein Algorithmus ab, der uns meist besser kennt als wir uns selbst. Er sorgt dafür, dass wir sofort über neues Material unseres vermeintlichen Geschmacks informiert werden. Und doch ist es bei vielen Konsumenten so, dass wir dem Neuen an vielen Tagen die kalte Schulter zeigen. Denn es gibt doch unsere Lieblinge, unsere Favoriten, unsere Stammserien. Und an vielen Tagen landen wir dann ja doch wieder dort, wo wir uns schon vor zwanzig oder mehr Jahren pudelwohl gefühlt habe n: bei "Star Trek" in all seinen Facetten etwa, bei den "Gilmore-Girls", bei "Friends" oder bei "Buffy the Vampire Slayer".

Sie sind manchmal unsere kleinen, dunklen Seriengeheimnisse, zu denen wir uns nur gegenüber wenigen, ausgewählten Menschen bekennen. Ja, wir kennen sie alle. Haben alle Folgen schon vielfach gesehen, können gewisse Passagen mitsprechen. Und ja, natürlich, sie sind nicht in 4K, ja oft nicht einmal in HD. Und Teile unseres hypermodernen Fachbildschirms bleiben abgedunkelt, weil es vielfach noch 4:3-Produktionen sind. Es soll sogar Menschen geben, da bräuchte es noch nicht einmal einen Farbfernseher zum Glück - Stichwort "Miss Marple".

Doch das stört uns alles nicht. Denn diese Serien sind viel mehr für uns: unsere Freunde nach einem harten Tag, der keine große Aufmerksamkeitsspanne mehr zulässt; unsere Wohlfühl-Medizin für die Seele. Hier geht es nicht um Spannung oder Neuigkeit. Es geht vielmehr darum, Zeit mit alten Freunden zu verbringen. Freunden, die man eine Weile nicht mehr gesehen hat. Und Freunden, die man auch in Zeiten der Pandemie völlig gefahrlos treffen kann.

Dank den klickgenauen Auswertungen der Streaming-Dienste wissen wir: Das Phänomen ist so weit verbreitet, dass es neuerdings sogar einen Fachbegriff dafür gibt: "Comfort Binge". Das bezeichnet jene Serien, die man sich immer wieder anschaut, wenn man gerade etwas erschöpft oder zu faul zum Suchen ist. "Beim ‚Comfort Binge‘ geht es darum, mit minimalem Aufwand größtmögliches Vergnügen zu bekommen", schreibt US-Fachautorin Alexis Nedd.

Auch noch Programmdirektor!

Denn die Einführung des Streamings war natürlich eine Art Empowerment des Zuschauers. Man sitzt selbst im üppigen Leder-Chefsessel des Programmdirektors. Gespielt wird, was man selbst anschafft. Nun passiert aber genau das, womit keiner gerechnet hat: dass viele Konsumenten gar keinen Zweitjob als Television-Executive haben wollen. Denn das Suchen und Ausmachen geeigneten Materials aus der Fülle des Angebots ist schließlich auch irgendwie Arbeit. US-Psychologe Barry Schwartz nennt das ein "Paradoxon der Wahlmöglichkeiten": Je besser die Optionen sind, zwischen denen sich Menschen entscheiden müssen, desto schwieriger fällt es ihnen, überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

Verständlich, oder? Es kann eben Zeiten geben, da will man in seinem Lieblingscafé einfach nur "das Übliche" bestellen, ohne groß die nicht enden wollende Karte zu studieren. Dies sind die Tage, an denen es mit dem gefühlten zehnten "Re-Binge" von "Star Trek: Deep Space Nine" oder "Big Bang Theory" weitergeht.

Apropos Sheldon: In der Folge "The 2003 Approximation" (4x9) der "Big Bang Theory" aus dem Jahr 2015 will Sheldon über Lennards Auszug hinwegkommen. Er tut dies, indem er sein Betriebssystem auf die letzte stabile Version des Jahres 2003 zurücksetzt; mit brandneuem Motorola-Klapphandy und den kargen Möbeln von damals in seiner sonst leeren Wohnung. Ein Nerd halt. Aber sind wir nicht alle ein bisschen Sheldon Lee Cooper, wenn wir uns mit einem Fernbedienungsklick in die Neunzigerjahre zurückversetzen? Wenn man zumindest das Fernsehprogramm auf Zeitreise schicken kann, zurück in eine Zeit, in der alles vielleicht noch übersichtlicher, einfacher und unbeschwerter war? Als man wusste: Wenn Captain Picard das Kommando hat, kann ja gar nichts schiefgehen. "Make it so!"

Wunderschön, aber zu wenig

Das heutige Fernsehen strebt nach Exzellenz, hat an seine Produktion qualitative Ansprüche wie das Kino. Das ist dann eben auch teuer wie Kino. Und statt 26 Folgen pro Staffel bekommen wir gerade einmal acht oder bestenfalls zehn. Was zur Folge hat, dass nur ein Bruchteil der Handlung zur Verfügung steht, um den Figuren Hintergrund, Tiefe und damit Projektionsfläche zu geben, damit sie uns ans Herz wachsen. Diese Form der Liebe braucht aber Zeit, und die gibt uns das Fernsehen heute nicht mehr. In "Deep Space Nine" gibt es eine Folge ("Who mourns for Morn?"), die als Hintergrundfolge dient für ein Alien, das ausschließlich stumm an der Bar sitzt - also im Wesentlichen ein Statist ist. Das ist eine Art von inhaltlicher Tiefe, die heute nicht mehr zu erreichen ist.

Wird man heute kurz durch WhatsApp abgelenkt, wurden etwa in "Game of Thrones" bereits zwei Hauptfiguren geköpft - und man schreckt unvermittelt auf. Vielleicht gerade wegen dieser Entspanntheit in der erzählten Welt kehren wir eben immer wieder zu unserer alten Liebe zurück. Vielleicht nicht jeden Tag, dazu ist die schöne neue TV-Welt dann doch optisch zu furios. Aber oft genug sind unsere Serien von damals exakt das, was wir grade brauchen. Und das ist auch gut so.

Also stehen wir doch zu unseren dunklen Seriengeheimnissen von früher. Bringen wir diese schöne Beziehung aus den Sphären der Heimlichkeit ans Tageslicht. Zeigen wir uns stolz mit den "Gilmore-" und den "Golden Girls". Das haben sich unsere guten "Friends" doch verdient.