Das Internet hat ein Problem. Den Menschen. Und der wiederum hat gleich mehrere Probleme mit dem Internet, die dazu führen werden, dass man das weltweite Datennetz in naher Zukunft radikal umbauen und neudenken muss. Sicherheit, Stabilität, Diversität, Zugangskontrolle, Monopolbildungen und der Dauerbrenner Datenschutz - all diese Themen werden in nächster Zeit eine große Rolle spielen.

Es geht dabei letztendlich, um die Frage einer aktiven Mitgestaltung und der Partizipation aller Menschen in einem dezentralen Netz der Zukunft. Weg von den nun vorherrschenden Problemen der Plattformökonomie hin zu einem freien Internet für alle. Unter dem Namen "Web3" wird dies auf Basis der Blockchain bereits angedacht. Diese Kette aus Nutzern, Anwendungen und Server, die sich gegenseitig kontrollieren und Vertrauen ohne Mittelsmänner schaffen, soll die zukünftige Grundlage des Internets darstellen.

Die Grundwerte neu gedacht

Wenn man es genau betrachtet, handelt es sich beim "Web3" nicht nur um eine Weiterentwicklung, sondern auch um eine Rückbesinnung auf den Gründungsgedanken des Internets - denn im Prinzip ist das Internet ursprünglich dezentral organisiert. Es gehört niemandem. Allerdings werden wichtige Teile des Internets mittlerweile von zentralisierten Diensten zur Verfügung gestellt. Egal, ob Internet-Service-Provider, Suchmaschinen, E-Mail, soziale Medien oder die Cloud - sie alle laufen auf einer begrenzten Zahl von Servern, die von wenigen, dafür aber sehr großen Unternehmen kontrolliert werden. Das heutige Internet ist geprägt von Plattformen wie Google, Amazon, Facebook und YouTube. Dieser Umstand ist der Grund dafür, dass eine wachsende Zahl von Menschen das Internet in seiner aktuellen Form als "kaputt" bezeichnet. Eine zentralisierte Architektur, wie sie in der Plattform-Ökonomie vorherrscht, bringt nämlich gleich eine ganze Reihe an Nachteilen mit sich, die die Urväter des Internets so sicher nicht gewollt haben.

Wie sich in den letzten Wochen mehrfach zeigte, können Server ausfallen, sodass die Nutzer keinen Zugriff mehr auf wichtige Funktionen haben. Wenn ein Anbieter gehackt und erpresst wird, wie gerade in der letzten Woche passiert, dann sind mehrere andere Unternehmen ebenfalls betroffen. Die Besitzer der Server können theoretisch unbemerkt und ohne Zustimmung die Daten von Nutzern verkaufen oder an Regierungen herausgeben. Zensur und die priorisierte Ausspielung von Inhalten (das Stichwort hierbei ist Netzneutralität) sind dank der mittlerweile zentralisierten Struktur des Internets ebenfalls wesentlich einfacher. Aktuell ist die Blockchain noch zu sehr mit dem Wort Geiz verbunden. Das schnelle Geld mit Kryptowährungen und digitalen Gütern, so genannten NFTs, die Millionen Dollar bringen - allerdings bricht der Markt aktuell wieder ein.

Nach dem Geiz kommen dann die nachhaltigen Anwendungen der Blockchain. Nicht mehr Konzerne und Plattformen kontrollieren, regeln und stellen den Zugriff auf Inhalte sicher. Die Nutzer haben zu lange zugesehen, wie "vertrauenswürdige" Plattformen und Konzerne mit den Daten gearbeitet haben. Als "vertrauenswürdige" Vermittler machen diese Plattformen das Leben der Nutzer leicht und bequem. Das Ganze hat aber einen Haken, denn die Plattformen haben die volle Kontrolle über die Daten des Nutzers und können zudem ihre eigenen Regeln aufstellen und bestimmen, wer wann welche Dienstleistung in Anspruch nehmen darf und wer was genau zu sehen bekommt. Monopole, Überwachung und Kontrolle sind die Folge. Doch im Web3 sollen die Nutzer selbst zur wesentlichen Schnittstelle werden. Einer der wohl wichtigsten Bereiche, die dezentralisiert werden sollen, dreht sich um das Speichern von Daten.

Datenhoheit und Diversität

Wer heute das Internet nutzt, kommt kaum umhin, seine Daten anderen Unternehmen anzuvertrauen. Dabei kann einiges schiefgehen, wie diverse Vorfälle der vergangenen Jahre gezeigt haben, bei denen Hacker Datensätze von Millionen von Nutzern gestohlen haben. Einer der großen Vorteile der Blockchain ergibt sich daraus, dass Nutzer Dienstleistungen in Anspruch nehmen und Apps verwenden können, ohne die Hoheit über ihre Daten aufgeben zu müssen.

Das Internet, wie wir es kennen, wird im Web3-Konzept um einige Funktionalitäten erweitert - und soll eine selbstregulierende Plattform ermöglichen, bei der Vertrauen und Verifikation durch eine durchgehende Kette an Nutzern gewährleistet werden, auch Bezahlfunktionen sind bereits eingebaut.

Das neue Internet müsste auch einige gesellschaftspolitische Themen korrigieren. Der Zugang muss unabhängig von Geschlecht, Vermögen und Herkunft sichergestellt werden. Mehr Diversität auch und gerade in der Entwicklung neuer Anwendungen wird Einzug halten müssen. Digitale Gräben müssen ebenso geschlossen werden, wie Überwachung und Zensur eingeschränkt werden müssen. Gerade auch die Politik ist hier gefragt, um das Thema biometrische Überwachung und Kontrolle durch Algorithmen einzudämmen. Zahlreiche Initiativen und Vereine versuchen hier eine Veränderung zu erreichen - vor allem durch Aufklärung über mögliche oder bereits bestehende Gefahren. Auch scheint die Zeit reif für Initiativen aus der Zivilgesellschaft. Sei es beim Thema Energieverbrauch der Kryptowährung Bitcoin und von Rechenzentren oder bei Überlegungen zu neuen Menschenrechten. Der Autor Ferdinand von Schirach hat in seinem aktuellen Buch "Jeder Mensch" sechs neue Grundrechte vorgeschlagen, um die europäische Verfassung zu erneuern. Dazu gehören neben dem Recht, in einer gesunden und geschützten Umwelt zu leben, das Recht, dass Äußerungen von Amtsträgern der Wahrheit entsprechen, das Recht, dass ihm nur solche Waren und Dienstleistungen angeboten werden, die unter Wahrung der universellen Menschenrechte hergestellt und erbracht werden. Zudem kann jeder Mensch wegen systematischer Verletzungen dieser Charta Grundrechtsklage vor den Europäischen Gerichten erheben. Zwei Punkte befassen sich mit der digitalen Zukunft: So schlägt Schirach ein Recht auf digitale Selbstbestimmung vor, dass die Ausforschung oder Manipulation von Menschen verbietet und ebenso das Recht, dass den Menschen belastende Algorithmen transparent, überprüfbar und fair sind. Wesentliche Entscheidungen muss ein Mensch treffen.

In einem wirklich dezentralen Internet würde das System selbst und Dienste nicht von einigen wenigen Unternehmen oder Organisationen betrieben. Stattdessen würden alle Nutzer und ein Netzwerk unabhängiger Rechner und Server das Netzwerk betreiben. Der Übergang vom plattformgetriebenen Internet zum dezentralen Internet wird nicht radikal sein, sondern sich Schritt für Schritt vollziehen. Es ist aber nicht davon auszugehen, dass das Internet irgendwann komplett dezentral sein wird, denn auch zentralisierte Systeme haben Vorteile, auf die Nutzer nicht verzichten wollen.