Kleinstädte wirken auf Großstädter oft ein wenig creepy. Die soziale Überwachung, das Getuschel, das Mobbing an der Schule. In "Fear Street: 1994", dem ersten Teil der neuen Horror-Trilogie auf Netflix, sind es gleich zwei Kleinstädte, die dem unbedarften Zuschauer das Gruseln lehren sollen. "Shadyside" (der Name sagt hier alles) ist besonders hart getroffen. Hier werden die Menschen nur so dahingerafft. Schon vor den Opening Credits beißen ganze sieben (!) Menschen ins Gras. "Mord-Hauptstadt des Landes" nennen die Medien die Stadt, in der aus ungeklärten Gründen die Messer tief fliegen.

In der Nachbarstadt "Sunnyvale" hingegen (sicher nur zufällig fast wortgleich mit dem Handlungsort von "Buffy the Vampire Slayer") gab es schon seit Jahrzehnten kein Kapitalverbrechen mehr. Das Städtchen prosperiert, während in Shadyside die kollektive Angst und die Depression regiert. Kein Wunder also, dass es ordentlich kracht, als am Tag nach dem Massaker bei einer Gedenkveranstaltung die High-School-Delegation aus Sunnyvale zu wenig Mitgefühl zeigt. Ein Liebesdrama unter zwei Teenagern eskaliert zur zünftigen Schlägerei, die die Handlung so richtig in Gang bringt.

Die Hexe aus der Vergangenheit

Doch das ist nur die Oberfläche. Denn wie so oft sitzt die Ursache des Grauens tief - und sie ist übernatürlich. Denn im Jahr 1994 (in dem die Handlung des ersten Teils spielt) entdeckt eine Gruppe von Jugendlichen einen Zusammenhang zwischen den fürchterlichen Ereignissen, die sich seit Generationen in ihrer Stadt zutragen. Noch dazu müssen sie feststellen, dass sie die nächsten Opfer sein könnten. In Wahrheit geht es um Verbrechen, die seit 300 Jahren andauern und die kein Ende zu finden scheinen. Was steckt wohl dahinter? Netflix liefert mit seinen drei Teilen (die beiden restlichen erscheinen am 9. und 16. Juli) eine gelungene Verfilmung der erfolgreichen Horrorromanreihe von R. L. Stine ab. Die Romane drehen sich um Jugendliche, die in der "Fear Street" wohnen oder Freunde haben, die dort leben.

Gemeinsam ist den Buch-Geschichten, dass sie nur einen wirklichen Protagonisten haben. Im Laufe der Handlung sterben oft dessen Freunde oder Bekannte, aber er selbst nicht. Man lässt den Protagonisten zwar lebend, aber doch sozial verstümmelt zurück. Das Konzept stößt offensichtlich auf Nachfrage: Bis heute wurden weltweit rund 80 Millionen Bände verkauft - die Reihe ist eine der erfolgreichsten Produktionen für junge Erwachsene.

Im ersten Teil lernen wir also Deena kennen, die von der kanadischen Newcomerin Kiana Madeira gespielt wird. Deena ist eine toughe Schülerin, die sich nichts gefallen lassen will und zunächst über den Horror-Geschichten steht, die ihre Freundinnen erzählen. Madeira legt die Heldin mit allen Attributen an, die eine Horror-Figur braucht: "Deena ist der widerstandsfähigste, stärkste, leidenschaftlichste und furchtloseste Charakter, den ich je gespielt habe. Sie ist bereit, alles und alles für die Menschen zu tun, die sie liebt. Sie ist eine wahre Heldin." Sie stellt sich mutig der Hexe Sarah Fier, die im 17. Jahrhundert lebte und die Stadt verfluchte. Und die seltsamer weise kürzlich wieder gesehen wurde.

"Fear Street: 1994" schließt nahtlos an den 90er- und den Jugendlichen-Trend im Streaming an ("Stranger Things"). Auch wenn manche Szenen eher an die Parodie "Horror Movie" erinnern, als an einen Schocker ist der Film doch einen Blick wert. Und nicht zu arg erschrecken, wenn das Messer niedersaust!