Es war nur eine einzeilige Ankündigung auf Twitter und doch löste sie am Dienstag spürbare politische Gravitationswellen im bürgerlichen Lager aus. Lisa Totzauer, derzeit Channel-Managerin von ORFeins lud ein Bewerbungsvideo auf eine private Website hoch und machte hiermit ihre Ambitionen auf den Chefsessel im sechsten Stock des ORF-Zentrums sozusagen "amtlich". Sie wird sich um das Amt bewerben.

Überraschend ist das nicht. Lisa Totzauer (50) ist im Gegenteil eine der logischen Kandidatinnen: Erfahren, ein Vollprofi im Fernsehen mit niederösterreichisch-bürgerlichen Wurzeln und beeidruckender Karriere. Mit ihr war jedenfalls zu rechnen. Überraschend ist nur die Art und Weise ihrer Bewerbung. Der Vorgang, seine Bewerbung Wochen vor dem Ende der Frist per Video in die Öffentlichkeit zu tragen, ist, gelinde gesagt, unüblich. Normalerweise bleiben Kandidatinnen und Kandidaten länger in Deckung, auch um hinter den Kulissen um Unterstützung der Politik zu werben und den Gegnern möglichst wenig Zeit zu geben, die Kandidatur zu demontieren. Daher bewerben sich Kandidaten oft gar nicht erst offiziell, sondern werden von Stiftungsräten kurz vor der Wahl nominiert. Das minimiert die Exposition.

Noch nicht offiziell: Vizefinanzchef Roland Weißmann. - © ORF / Ramstorfer
Noch nicht offiziell: Vizefinanzchef Roland Weißmann. - © ORF / Ramstorfer

Denn aktiv wahlberechtigt sind ohnehin nur 35 Menschen. Sie, die Mitglieder des ORF-Stiftungsrates, bestimmen, wer in den ORF-Direktionen Platz nimmt. Der Stiftungsrat wird großteils politiknah bestückt. Sechs Mandate von den Parlamentsparteien, neun von der Bundesregierung, neun von den Ländern, sechs aus dem Publikumsrat (mittelbar wiederum vom Bundeskanzleramt nominiert) und fünf Betriebsräte. Rechnet man das alles nach der Farbenlehre durch, haben ÖVP-nahe Räte eine knappe Mehrheit. Auf dem Papier könnte das Bundeskanzleramt also einen Kandidaten oder eine Kandidatin durchwinken. Allerdings nur theoretisch.

Mit Video beworben: ORF1-Managerin Lisa Totzauer. - © apa / Neubeuer
Mit Video beworben: ORF1-Managerin Lisa Totzauer. - © apa / Neubeuer

Eine Frage der Realpolitik

Denn dem steht die Realpolitik des Landes entgegen. Die Parteien sind bekanntlich keine Monolithen (wie man derzeit sehr schön bei der SPÖ verfolgen kann). Die Ländern pochen in guter, alter Tradition auf ihre Eigenständigkeit. Sie wollen umworben und überzeugt werden und sich ganz sicher nicht einen Kandidaten "aus Wien" aufs Auge drücken lassen - zumindest nicht ohne den Deal mit Zugeständnissen zu versüßen. Bei knappen Mehrheiten lassen sich vor allem die westlichen Bundesländer sehr gerne bitten. Und in dieser Phase dürfte man gerade sein.

Rekord-Amtsinhaber Alexander Wrabetz. - © apa / Georg Hochmuth
Rekord-Amtsinhaber Alexander Wrabetz. - © apa / Georg Hochmuth

Denn in den letzten Wochen soll ein anderen bürgerlicher Kandidat auf Überzeugungstour unterwegs gewesen sein: Roland Weißmann, 53, Vize-Finanzchef des ORF, Chefproducer und Online-Geschäftsführer. Er verantwortet etwa das Projekt "ORF-Player", das wohl in Kürze zu einer der wichtigsten Apps des Landes werden soll. In Sitzungen des bürgerlichen Freundeskreises soll er bereits Konzepte präsentiert haben. Eine weitere, kommende Woche geplante Sitzung wurde nach Totzauers Bewerbung übrigens ersatzlos abgesagt, berichtet der "Standard".

Das alles lässt darauf schließen, dass Weißmann jener Kandidat war, dem die ÖVP-Spitze ihr Wohlwollen signalisiert hatte. Obwohl dieser, aus den oben genannten Gründen, bisher noch gar nicht offiziell in Erscheinung getreten ist. Seine offizielle Bewerbung steht ja noch aus. Wohl auch deshalb, weil nicht alle in Begeisterung ausgebrochen sind.

Totzauers unüblich öffentliche Bewerbung war da wohl auch nicht hilfreich. Hier wurde, um im Jargon der eben zu Ende gegangenen Fußball-EM zu bleiben, ordentlich hineingestiegen. Da sich keiner der Beteiligten öffentlich äußern will (Totzauer bat auf Anfrage "um etwas Zeit"), sind Interpretationen angezeigt. Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten: Möglich, dass Totzauer das als Signal der Stärke verstanden wissen will. Sie will sich ganz offiziell als Alternative zu Weißmann präsentieren, die das Licht der Öffentlichkeit nicht scheut. Oder das "Window of Opportunity" schließt sich gerade und sie versucht, in einem mutigen Schritt, das Steuer noch einmal herumzureißen.

Grinsend aus der ersten Reihe

Der langjährige Amtsinhaber, der Sozialdemokrat Alexander Wrabetz, kann sich das Schauspiel interessiert aus der ersten Reihe ansehen. Er hat seine Wiederbewerbung bereits angekündigt. Auch das keine Überraschung - hier wäre ein Versteckspiel auch ziemlich sinnlos. Denn natürlich ist er als Amtsinhaber von seiner Leistung überzeugt, sonst müsste er ja sofort zurücktreten. Wrabetz hat zudem schon öfter Mehrheiten gebastelt, wo vorher keine waren. Würde sich nun der bürgerliche Block spalten, kann das nur gut für ihn sein.

Darauf spekulieren kann man aber nicht. Es ist noch immer eher unwahrscheinlich, dass die ÖVP sich diese Gelegenheit entgehen lässt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Grünen, die mit immerhin vier Stimmen im Stiftungsrat keine zu vernachlässigende Größe sind. Möglich, dass hier Totzauers Bewerbung auf Sympathie stößt. Möglich auch, dass die Grünen schon am Package für die zweite Runde arbeiten. Denn zuerst wird die Generaldirektion besetzt, einige Wochen später die vier Direktoren und Landesdirektoren. Es ist üblich, dass diese Bestellung mit großer Mehrheit im Gremium erfolgt. Hier ist also ein Kompromisspaket gefragt. Und auch dafür braucht es mehrere mehrheitsfähige Kandidatinnen und Kandidaten. Wohl auch den einen oder anderen Grünen.

Fahrplan steht fest

Wie auch immer, der Fahrplan für die Erklimmung des Küniglbergs steht fest: Die Bewerbungsfrist für den ORF-Generaldirektorenposten endet mit 28. Juli. Eine Möglichkeit für Nachbewerbungen ist bis 3. August eingeräumt. Um zum nicht-öffentlichen Hearing am 10. August und damit dem Tag der Wahl eingeladen zu werden, müssen Bewerber mindestens von einem Stiftungsrat des 35-köpfigen obersten ORF-Gremiums nominiert werden. Diese haben dafür bis 6. August Zeit. An diesem Tag spätestens müssen die Karten auf dem Tisch liegen.

Mitunter wurde aber in der Vergangenheit auch noch in laufender Sitzung mit einzelnen Stiftungsräte vor der Tür heftig gestikulierend verhandelt. Ein paar Teppiche, Gewürze und eine Wasserpfeife noch und der Basar wäre komplett. Auch das eine der Traditionen, die sich offenbar nicht ausrotten lassen.