Es ist einer der Webdienste, die durch die Corona-Krise so richtig profitieren konnten: Was tun, wenn man den Job verliert, zu Hause bleiben muss und trotzdem dringend Geld braucht? Für viele junge Frauen (aber durchaus auch Männer) war die Antwort: Onlyfans. Der fragwürdige Webdienst lässt seine Nutzer ein Profil wie bei Facebook oder Instagram erstellen, sehen können die Inhalte jedoch nur zahlende "Fans" des jeweiligen Profils. Ab einem Mindestpreis von 4,90 Dollar kann man so auf die oft erotischen, manchmal auch pornografischen Inhalte zugreifen.

Der Abo-Preis ist nach oben hin offen. Manche Onlyfans-"Stars" können sogar 200 Dollar verlangen und finden noch immer genügend Männer, die bereit sind, für die Inhalte zu zahlen. Einzelne, besonders freizügige Bilder oder Videos sind dann per "Pay-per-view" extra zu bezahlen.

Die Antwort auf die Grundfrage, warum sich tatsächlich (meist männliche) Abonnenten finden, die bereit sind, für erotische Bilder zu bezahlen, wenn man Abermillionen gratis im Netz finden kann, ist vielschichtig. Schlüssel dürfte sein, dass auf Onlyfans, ähnlich wie bei Facebook, ein Austausch möglich ist. Die Fans werden persönlich angesprochen, auch Direktnachrichten sind möglich. Diese Interaktion ermöglicht es wohl, dass so eine Art "Beziehung" entsteht. Für manche Männer ist das offenbar ein Anreiz.

Die Summen, die bei Onlyfans verdient werden, sind nicht unbeträchtlich. Bei gut gehenden Accounts sind mehrere tausend Dollar pro Monat durchaus drin. Onlyfans behält 20 Prozent der Umsätze als Provision ein, der Rest wird (angeblich) an die Content-Ersteller ausgeschüttet. Zeitungsberichte von Menschen, die von Onlyfans leben können, animieren immer mehr junge Menschen, eine Seite zu erstellen. Erst diese Woche erschien in der "Krone" ein Artikel "Am Bau gekündigt: Fescher Handwerker (28) lebt von Onlyfans".

Immer wieder gelingt es Onlyfans, auch Stars und Sternchen an Land zu ziehen. So behauptete der ehemalige Disney-Star Bella Thorne, innerhalb der ersten 24 Stunden über verkaufte Abos eine Million US-Dollar eingenommen zu haben. Ihr Starttag bei Onlyfans soll sogar zu Engpässen bei der Verfügbarkeit der Plattform geführt haben.

Ein Milliarden-Business

Laut Bloomberg erzielte Onlyfans im vergangenen Jahr einen Umsatz von mehr als 2 Milliarden US-Dollar. Über den britischen Betreiber mit Sitz in London ist, wie oft bei zwielichtigen Erotikseiten, wenig bekannt. Onlyfans soll bereits mehr als 130 Millionen registrierte Nutzer haben und ist seit der Corona-Pandemie um mehr als 100 Prozent gewachsen.

Eine Finanzierungsrunde ist derzeit im Laufen. Angeblich hat das Unternehmen angekündigt, etwas gegen das Schmuddel-Image zu unternehmen, das Investoren offenbar immer noch abschreckt. Der Hardcore-Content könnte in die Schranken gewiesen werden, hieß es vor etwa zwei Wochen. So sollen zum Beispiel echte Hollywood-Stars für die Plattform gewonnen werden. Durch diese zumindest auf dem Papier seriöseren Inhalte erwartet man sich offensichtlich das noch größere Geschäft. Jedenfalls mehr als mit halbseidenen Schmuddelbildchen von Teilzeitkellnerin Jessica aus Bielefeld.

Hauptsache nackt

Besonders durchdacht dürfte so ein Paradigmenwechsel jedenfalls nicht sein. Denn wenn man die erotischen Inhalte abzieht, bleibt von Onlyfans so gut wie nichts mehr übrig. Wer glaubt, dass Männer teure Abonnements für Stars im Bikini zahlen, hat vom Leben nichts verstanden.

Es ist ja auch nicht so, dass die erotischen Inhalte bei dem Anbieter einfach von selber so "passiert" sind. Onlyfans hat im Unterschied zu ähnlichen Bezahlplattformen von Anfang an pornografische Inhalte nicht nur nicht verboten, sondern ausdrücklich zugelassen. Viele Inhalte aus Onlyfans gelangen zudem nach kurzer Zeit auf frei zugängliche Porno-Portale.

Offiziell sind das "Leaks", allerdings werden in die Videos automatisch erzeugte Wasserzeichen eingebaut, die die Netzadresse des Onlyfans-Nutzerprofils beinhaltet. Dadurch sollen offenbar neue Nutzer gewonnen werden. Wer ernsthaft glaubt, dass das nicht im großen Stil gewünscht ist, ist wohl auch davon überzeugt, dass der Google-Konzern gut auf die von ihm erhobenen Nutzerdaten aufpasst.

Sicherlich, es gibt auch vereinzelt männliche - sagen wir einmal - "Models", die mit dem Dienst Geld verdienen. Die große Masse sind jedoch junge Frauen. Und zwar im großen Stil. Es mehrten sich sogar Berichte, dass sehr junge Mädchen Accounts eröffneten und dabei die Altersprüfung austricksten. Teenager, die für Trinkgeld Nacktfotos an ältere Männer verkaufen, sind nicht das, was die Online-Welt ganz dringend gebraucht hat. Hier soll Onlyfans zuletzt unter Druck technisch nachgebessert haben, um sicherzustellen, dass sich nur Erwachsene anmelden.

Gesellschaftlich fragwürdig

Dennoch ist der Dienst gesellschaftlich fragwürdig. Es wird so getan, als sei das Verkaufen von Nacktfotos ein ganz normales "Business". Man kann sich "Businesscards" ausdrucken (zum Verteilen) und sozusagen als echte "Unternehmerin" fühlen. Dadurch wird den Userinnen suggeriert, das alles sei ganz "normal". Dass da bei manchen Accounts die Grenzen zur Pornografie und Prostitution fließend sind, wird unter den Teppich gekehrt. Wenn ganz offen für ein paar tausend Dollar persönliche Treffen mit den Onlyfans-"Stars" angeboten werden, wird man dabei wohl nicht nur gemeinsam eine Tasse heiße Schokolade trinken. Wer das nicht als Einstieg in die Prostitution erkennt, muss schon sehr naiv sein.

Und das ist sehr wohl ein gesellschaftliches Problem. Gerade in der Corona-Krise, in der viele Menschen unverschuldet arbeitslos wurden, ist der Einstieg in dieses "Business" wohl von ökonomischen Zwängen getrieben. Und ob der Ausstieg dann noch funktioniert, wenn einmal die Bilder und Videos überall im Netz sind, ist eine andere Frage.