Es war ein Graus. Eine Folter. Ein Albtraum. Kaum begann man ein Word-Dokument mit dem Worte "Liebe/r" - da erschien er schon. In voller Pracht und ohne Genierer. Er mischte sich ein, gab ungefragt Tipps und wollte doch nur helfen. Im Gegensatz zu heutigen (Sprach-)Assistenten, die zwar auch dauernd mitlauschen und zuhören, musste man Karl Klammer, die bekannteste Büroklammer der Welt, die im englischen Original auf den Namen Clippy hörte, nicht erst aufrufen oder ansprechen, er war einfach immer da. Auch, wenn man das gar nicht wollte.

Die Hilfe, die keiner wollte

Karl Klammer klopfte gegen den Bildschirm, fuhr in Gestalt eines Fahrrades, in das er sich verwandeln konnte, in der Gegend herum und war ein Spaltpilz unter den Microsoft-Office-Nutzern. Die einen mochte ihn, zumindest hin und wieder, die anderen aber, sie hassten ihn. Vor allem konnte man ihn nicht einfach deaktivieren. Aber es steht außer Zweifel, dass die animierte Büroklammer Karl Klammer ein fixer Bestandteil im Microsoft-Universum war.

Und jetzt könnte es das Comeback des Jahres in der Software-Landschaft werden: Im Jahr 1997 erschien Karl Klammer zum ersten Mal. Er sollte wohl den Anwendern die Angst vor dem Unbekannten, dem PC und langweiliger Textverarbeitung nehmen. Mitte der 1990er Jahre waren in den heimischen Haushalten Computer noch eher die Ausnahme als die Regel. Beim US-Konzern Microsoft in Redmond bei Seattle dürfte man damals der Meinung gewesen sein, dass eine Büroklammer mit Knubbelaugen und Groucho-Marx-Augenbrauen diese Berührungsängste am besten abbauen könnte.

Doch der gute Karl übertrieb es. Denn er ging einem mit seiner rechthaberischen Art nicht nur schnell auf die Nerven, im Grunde genommen war er auch alles andere als hilfreich. Wer auf die berühmt-berüchtigte Frage, ob man einen Brief schreiben wolle, mit "Ja" antwortete, bekam etwa lediglich ein graues Menü zu sehen, an dessen Ende eine Standard-Briefvorlage wartete. Nützlich war dies nur in den seltensten Fällen. Zwölf Jahre nach seiner Premiere schickte Microsoft Clippy in den Ruhestand.

Hinter Karl und seinen Freunden (so gab es auch einen Hund, eine gezeichnete Katze und einen Zauberer) steckt übrigens der Informatiker Eric Horvitz, der noch heute bei Microsoft als führender Wissenschafter (Chief Scientific Officer) tätig ist und die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz vorantreibt. Karl Klammer war gewissermaßen einer der ersten Schritte in diese Richtung. Aus seinem Scheitern dürfte Horvitz einiges gelernt haben. So gab er in der Rückschau zu, damals zu weit gegangen und "fahrlässig mit der Aufmerksamkeit der Nutzer" umgegangen zu sein, zitiert ihn das Technologieportal "Heise".

2010, also noch drei Jahre nach seinem Ende, bezeichnete das "Time"-Magazin die Büroklammer als eine der schlechtesten Erfindungen aller Zeiten. Karl hatte eine Generation von PC-Anwendern gequält, gefoltert und sich in die Gehirne eingebrannt. "Der anmaßende Büroassistent feierte sein Debüt in Microsoft Office 97 als akrobatische virtuelle Büroklammer, die bereit war, bei der Erledigung jeder Aufgabe zu helfen", schrieben die Autoren in ihrer Begründung. "Das einzige Problem war, dass Clippy Schwierigkeiten hatte, seinen Mund zu halten. Sobald das Wort ‚Liebe‘ auf der Seite auftauchte, ging er in den Briefschreibmodus über und war bereit, die intimsten Gedanken einer Person zu strukturieren."

Bereits 2020 kam Karl Klammer kurz wieder in der Windows-Welt an. Microsoft schenkte ihm einen Auftritt in seinem Kollaborationstool Teams. Diesmal aber als schweigender Sticker.

Und keine Sorge, wer sich schon die Anschaffung von Office-Alternativen überlegt haben sollte: Auch bei seinem Comeback in Office wird Karl Klammer in Zukunft schweigen. Microsoft wird seine Kultfigur mit neuer Aufgabe zurückkehren lassen. In einem Blog-Eintrag kündigte das Software-Unternehmen an, rund 1.800 Emojis zu überarbeiten und von 2D in 3D umzuwandeln. Auch Clippy wird einer davon, er wird das jetzige Büroklammer-Emoji ersetzen. "Klar, wir verwenden heute vielleicht weniger Büroklammern als zu Clippys Blütezeit, aber wir konnten dem nostalgischen Drang nicht widerstehen", heißt es in dem Beitrag. Bis es soweit ist, dauert es gar nicht mehr lange: Teams und Windows sollen schon bis zum Ende des Jahres die neuen Bildchen erhalten, auch Clippy findet dann den Weg zurück auf die Bildschirme. Andere Programme wie Outlook werden erst im Laufe des nächsten Jahres adaptiert.

Wirklich für jedes Gerät

Auch wenn Karl Klammer für Nostalgiker mit einem dicken Nervenkostüm vielleicht die größte Errungenschaft darstellt, muss man doch sagen, dass Microsofts kommendes Betriebssystem Windows 11 mit zahlreichen anderen und tiefergehenden Veränderungen aufwarten wird. Microsoft hat diesmal eine Oberfläche geschaffen, die erstmals tatsächlich das Label "Für jedes Gerät" verdient. Egal, ob auf einem Notebook, einem Convertible, einem Tablet oder einem großen Screen am Desktop-PC - Windows 11 sieht aus wie dafür gemacht.

Dies ist nach den ersten Tests schon einmal ein sehr erfreulicher Ausblick. Eine wesentliche Design-Veränderung gibt es für die Taskleiste. Diese ähnelt jetzt eher dem Dock aus Apples macOS-Welt, weil sie mittig platziert ist. Das Start-Symbol gibt es noch, es öffnet weiterhin das Menü und den Suchschlitz. Die Optik ist aber eher die eines modalen Fensters als die eines von unten hochfahrenden Menüs. Überhaupt schweben die Elemente in Windows 11 souverän über dem Hintergrund.

Auch den Microsoft Store hat der Hersteller bereits völlig im neuen Design-System überarbeitet. Er wirkt jetzt eher wie eine Systemfunktion denn wie eine separate App. Das hat Microsoft mit einigen anderen Apps ebenfalls getan: So ist jetzt Teams ins System integriert, ebenso wie die Xbox-App und das Game-Streaming per xCloud. Der Edge-Browser ist ebenfalls kaum noch als eigenständige App zu identifizieren. Genau diese Bereiche sind es auch, auf die der US-Konzern den Fokus setzen wird, weil er sich dort die meisten Nutzer erwartet.

Eine neue Offenheit zeigt sich in der nahen Zukunft auch darin, dass Android-Apps unter Windows 11 funktionieren. Sie werden im Store gelistet und dann über den integrierten Amazon-Appstore installiert. Damit hat Windows 11 Apps wie TikTok oder Instagram auf dem Desktop anzubieten. Einmal installiert, stehen die Apps wie jede andere über das Startmenü oder die Taskleiste zur Verfügung.

Für den Umstieg kann man sich freilich Zeit lassen. Microsoft wird Windows 10 noch bis zum 14. Oktober 2025 vollumfänglich unterstützen. Und wer weiß, welche Neuauflagen oder liebgewonnenen Traditionen dem Software-Konzern für Windows 11 noch einfallen. Fest steht aber, dass der berühmte "Blue Screen of Death" - jener blaue Bildschirm, der erscheint, wenn der Rechner abstürzt - künftig schwarz sein wird. Für Microsoft-Anwender wohl eine drastische Änderung, aber in diesem Fall kann man wenigstens sagen: Es bleibt lästig. Egal, in welcher Farbe sich der Rechner aufhängt.