Dienstag werden im sechsten Stock des ORF-Zenturms auf dem Wiener Küniglberg die Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Es steht die Wahl des neuen ORF-Generaldirektors an. Langzeit-Amtsinhaber Alexander Wrabetz tritt erneut an, zudem haben die Stiftungsräte weitere Bewerber für das Hearing nominiert: ORF-Vizefinanzchef Roland Weißmann, ORFeins-Managerin Lisa Totzauer sowie Technik-Vizechef Thomas Prantner und Harald Thoma. Aus ihnen wählt der stets politiknah besetzte 35-köpfige Stiftungsrat den Generaldirektor.

Im Hintergrund dürfte die Sache wohl mittlerweile gelaufen sein. Roland Weißmann soll nach einen wackeligen Start nun gute Chancen auf eine solide Mehrheit im Gremium haben, sagen Menschen mit Einblick. Wrabetz’ zuletzt immer heftigere Attacken auf Weißmann, der sich zurückhält, sind zumindest nicht als Zeichen der Stärke zu interpretieren. Wrabetz hat zwar schon mehrfach unmögliche Mehrheiten gefunden, diesmal dürfte das erstmals nicht gelungen sein.

Zwar hat die ÖVP von Haus aus eine knappe Mehrheit im Stiftungsrat, diese besteht jedoch nur auf dem Papier. Vor allem die ÖVP-Länder pochten auf Eigenständigkeit, könnten zuletzt jedoch eingelenkt haben. Zudem soll es mit den Grünen erfolgreiche Verhandlungen gegeben haben. Diese dürften nun auch Weißmann ihre drei Stimmen geben und können dafür Wünsche für die Verteilung der Direktionen abgeben, die im Herbst in einer eigenen Sitzung bestellt werden. Auch die Betriebsräte werden angesichts der sich abzeichnenden breiten Mehrheit mit der ÖVP für Weißmann stimmen. Das war schon immer so: Kein Betriebsrat will sich am Ende auf der Verliererseite finden. Sogar die FPÖ, darunter Stiftungsrats-Vorsitzender Norbert Steger, könnte letztlich für Weißmann stimmen, wie zu hören ist.

Spatt und Hofer als Direktoren?

Daher stellt sich zwangsläufig die Frage, wer im Herbst in das Direktorium einziehen wird und wie dort die Geschäftsverteilung sein wird. Derzeit gibt es vier Direktoren: Programm, Finanzen, Radio und Technik. Möglich, dass die Digitalagenden zusammengezogen werden. Im Gespräch war auch eine Art Generalsekretär mit den Agenden für Marketing, Kommunikation und Digitales. Zudem werden wohl die umfangreichen Agenden des bisherigen De-facto-Generalsekretärs Pius Strobl (zuständig etwa für den Neubau) umverteilt werden. Strobl wird wohl in den Ruhestand treten.

Für das Direktorium werden durchaus bekannte Namen genannt: Ö3-Chef Georg Spatt etwa könnte Programmchef oder Radiodirektor werden. Ersteres ein Job, an dem auch ORF2-Channelmanager Alexander Hofer interessiert sein soll. Vizedirektor Thomas Prantner könnte technischer Direktor einer abgespeckten Technischen Direktion werden.

Bei so vielen Männern stellt sich die Fragen nach einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis. Ganz oben auf der Liste: ORFeins-Channelmanagerin Lisa Totzauer. Bei ihr stellt sich die Frage, ob ihr ihre betont öffentlichkeitswirksame Bewerbung als Generaldirektorin nicht auch geschadet haben könnte. HR-Chefin Kathrin Zierhut werden Ambitionen auf einen Posten im Direktorium nachgesagt. Gut möglich auch, dass man außerhalb des ORF fündig wird. Grünen-Stiftungsrat Lothar Lockl hingegen könnte, bei Einigung unter den Regierungsparteien, Norbert Steger als Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats ablösen.

Neue Radiostrategie

Auf der To-do-Liste des neuen Generaldirektors stehen jedenfalls etliche wichtige Punkte. Einer davon: den ständigen Quotenschwund auf ORFeins endlich zu beenden. Zudem muss der ORF digital aufrüsten. Die neue Player-App kann hier nur ein erster Schritt sein. Auch eine neue Flottenstrategie beim Radio dürfte anstehen. Denn FM4 wird wohl nicht beim Alten bleiben, wie aus den Konzepten der Bewerber hervorgeht. Das Jugendradio des ORF ist schlicht zu alt, das Durchschnittsalter der Hörerschaft liegt zu nahe bei Ö3. Die Zielgruppen von FM4 und Ö1 sind zudem zu ähnlich. "In seiner Ausrichtung als Jugendradio verfehlt FM4 sein Mission Statement und ist in der erreichten Zielgruppe zu spitz positioniert", meint Weißmann. Es gelte, FM4 nach 25 Jahren neu zu denken und mit der Entwicklung des Players und einer neuen Social-Media-Strategie zu synchronisieren.