Bei der ORF-Generaldirektorenwahl am Dienstag treten fünf Kandidaten an. Sie wurden von zumindest einem Stiftungsrat für das nicht öffentliche Hearing eingeladen. Weitere neun Bewerber können das nicht von sich behaupten und schieden im Rennen um den ORF-Chefsessel vorzeitig aus. Es folgen Kurzporträts der fünf Kandidaten:

Alexander Wrabetz

Alexander Wrabetz ist seit Anfang 2007 ORF-Generaldirektor. Anfang Mai gab er seine erneute Kandidatur bekannt. Sollte die Wahl abermals auf ihn fallen, würde er einen Rekord aufstellen: Noch nie amtierte jemand länger als Generaldirektor des öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens. Der gebürtige Wiener und promovierte Jurist gilt als SPÖ-nahe, war er doch Bundesvorsitzender des Verbands Sozialistischer Studierender (VSStÖ) und SPÖ-Mitglied. Seine Karriere startete er im Bankenbereich. 1998 wurde er Kaufmännischer Direktor des ORF. 2006 gelangte er in seine derzeitige Funktion, als sich der heute 61-Jährige bei der damaligen ORF-Generaldirektorswahl gegen Monika Lindner und gegen die regierende ÖVP-Mehrheit im Stiftungsrat durchsetzte. Seine SPÖ-Mitgliedschaft stellte er mit Antritt seiner Funktion als ORF-Chef ruhend.

2011 wählten den Opernliebhaber und Rapid-Fan aus freiheitlichem Elternhaus auch etliche ÖVP-Stiftungsräte mangels Alternativen. Fünf Jahre später setzte er sich mit Stimmen der SPÖ, Grünen, NEOS und Unabhängigen knapp gegen Richard Grasl durch. Die Unterstützung der SPÖ war Wrabetz aber nicht immer gewiss. So zeigten der damalige Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) und sein Staatssekretär Josef Ostermayer phasenweise Lust daran, ihn abzusägen. Auch Attacken unter Türkis-Blau auf den ORF, etwa eine laut FPÖ bereits vereinbarte Abschaffung der GIS-Gebühren, überstand der Taktiker.

Wrabetz kann als Amtsinhaber finanziell auf eine solide ORF-Bilanz verweisen. Auch im vergangenen Pandemiejahr wurden keine Verluste eingefahren. Die "Fernseh- und Radioflotte" sieht er hinsichtlich der Quoten auf Kurs. Um den neuen Sehgewohnheiten vor allem junger Zielgruppen begegnen zu können, will Wrabetz seit Jahren den ORF zu einer "multimedialen Public-Service-Plattform" samt ORF-Player und umfassend zugänglicher TVthek machen. Dafür benötigt er jedoch eine Novelle des ORF-Gesetzes. Diesen Transformationsprozess, aber auch weitere Projekte wie den derzeit in Bau befindlichen multimedialen Newsroom sowie eine gemeinsame Login-Plattform mit heimischen Medien, will Wrabetz nicht nur gerne auf den Weg gebracht haben, sondern sie auch mit Leben erfüllen. Dafür muss er zumindest Teile der bürgerlichen - oder ihnen nahestehende - Stiftungsräte für sich gewinnen. Seine Chancen sieht er als gegeben an. Nicht zuletzt, weil er davon ausgeht, dass die obersten Gremienmitglieder des ORF auch nach dem Kriterium der Erfahrung den Posten vergeben.

Roland Weißmann

Roland Weißmann wurde lange als Bewerber gehandelt, am 22. Juli hat er seine Kandidatur dann auch schließlich bekannt gegeben. Der 53-jährige gebürtige Linzer gilt als ÖVP-Wunschkandidat und hat mehrere gewichtige Positionen im ORF inne. So agiert er seit 2012 als "Chefproducer Fernsehen", womit er das größte Programmbudget im ORF verwaltet. Seit 2017 ist er zudem Vizefinanzdirektor. Diese Funktion soll für ihn geschaffen worden sein, nachdem sich unter anderem die SPÖ-nahen Vertreter im Stiftungsrat gegen ihn als ORF-Finanzdirektor ausgesprochen hatten. Seine Aufgabenpalette wuchs im Jahr 2020 weiter an: Damals wurde er zum dritten Geschäftsführer der ORF-Onlinetochter orf.at und zum Projektleiter für den geplanten ORF-Player bestellt.

Seine ORF-Karriere begann der Magister der Kommunikationswissenschaften 1995 im aktuellen Dienst im ORF-Landesstudio Niederösterreich. Nach Zwischenstopps als Chef vom Dienst bei Ö3 und als stellvertretender Chronikressortleiter in der ORF-Radioinformation, zog es ihn erneut nach Niederösterreich, wo er von 2003 bis 2009 stellvertretender Chefredakteur unter Richard Grasl war. Ab 2010 war Weißmann dann Grasls Büroleiter in der ORF-Finanzdirektion. Der knapp von Wrabetz bei der ORF-Generaldirektorwahl 2016 Geschlagene machte seinen langjährigen Wegbegleiter Weißmann schließlich auch zum "Chefproducer Fernsehen".

Lisa Totzauer

Lisa Totzauer machte ihre Kandidatur mit einem Video auf Twitter bekannt. Dabei positionierte sie sich als unabhängige, dem Publikum verpflichtete Bewerberin. Der ORF-Managerin wird jedoch hartnäckig ÖVP-Nähe nachgesagt, auch wenn sie selbst von dieser Zuordnung nichts wissen will. Die 1970 geborene Wienerin wurde 2018 von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz zur Channelmanagerin für ORF 1 bestellt. Die Gerüchtebörse meinte damals zu wissen, dass es sich um eine politisch mit den Regierungsparteien ÖVP und FPÖ akkordierte Bestellung gehandelt habe. Parallel wurden Alexander Hofer zum Channelmanager von ORF 2, Wolfgang Geier zum ORF-1-Chefredakteur und Matthias Schrom-Kux zum Chefredakteur von ORF 2 ernannt. Alle Personen hatten rund um die Bestellung der Channelmanager stets betont, keine parteipolitische Punzierung haben zu wollen.

Die Magistra der Vergleichenden Literaturwissenschaft begann ihre ORF-Karriere 1997 im Aktuellen Dienst des Landesstudios Niederösterreich. Ab 1999 war sie Mitglied der "Zeit im Bild"-Redaktion, zunächst als Redakteurin und Reporterin, später als ZiB-Sendungsverantwortliche. 2010 galt sie als aussichtsreiche Bewerberin für die Leitung der TV-Magazine. 2013 wurde sie auf Vorschlag von Programmdirektorin Kathrin Zechner von Wrabetz zur Infochefin von ORF 1 bestellt. Fünf Jahre später gelangte sie in ihre derzeitige Funktion: Channelmanager von ORF 1 - kein leichter Job angesichts der Sogwirkung vieler Streamingplattformen auf vor allem junge Zielgruppen.

Thomas Prantner

Thomas Prantner gab seine Kandidatur am letzten Tag der regulären Bewerbungsfrist bekannt. Der 56-Jährige ist derzeit als Technik-Vizedirektor zuständig für die Onlineaktivitäten des ORF. So agiert der Wiener seit 2012 als Leiter der Abteilung "Online und neue Medien" und damit auch als Chef der ORF-TVthek. In dieser Funktion zog er Mitte Mai den Ärger des Redakteursrats auf sich. Dieser kritisierte, dass mit der Entscheidung Prantners, den Bundestag der Jungen Volkspartei (JVP) per Livestream in der ORF-TVthek zu zeigen, der Eindruck "politischer Wunscherfüllung" entstanden sei. Auch seine Bestellung im Jahr 2012 verlief nicht reibungslos. So ortete der Redakteursrat in dieser eine "Folge von im Zuge der ORF-Generaldirektorwahl geleisteten Versprechungen".

Prantner wurde bereits 2016 als Kandidat gehandelt. Es wurde spekuliert, er könnte mit einer taktischen Kandidatur dem Gegenkandidaten von Wrabetz, Richard Grasl, Stimmen wegnehmen. Auch diesmal wurde Prantners Ankündigung von Beobachtern als strategische Kandidatur gedeutet, um sich für einen Direktorenposten in eine gute Position zu bringen. Prantner gilt als gut vernetzt, vor allem in Richtung FPÖ. Allerdings positionierte er sich in der Vergangenheit auch schon als gut vernetzter Bürgerlicher im obersten Management des ORF. Prantner arbeitet seit über 30 Jahren im ORF und war in dieser Zeit unter anderem als Pressesprecher und Marketingchef tätig. Davor arbeitete er etwa für die Zeitschriften "Wiener" und "Basta".

Harald Thoma

Harald Thoma wurde etwas überraschend von einem Stiftungsrat zum Hearing am Tag der Wahl eingeladen. Der Sohn des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma startete seine Karriere bei der "Kronen Zeitung". Später war er unter anderem bei RTL2, den Universal Studios sowie Bertelsmann tätig. Derzeit ist Thoma Geschäftsführer der Pocketfilm Media Entertainment GmbH und somit der einzige ORF-externe Kandidat. (apa)