Die Weichen für die kommenden fünf Jahre im ORF sind gestellt. Am Dienstag bestellte der Stiftungsrat des Unternehmens ORF-Vizefinanzdirektor Roland Weißmann zum Generaldirektor. Er löst somit mit Jahresende Alexander Wrabetz als ORF-Generaldirektor ab. Der Sozialdemokrat Wrabetz war seit 2006 ohne Unterbrechung im Amt. Für Weißmann stimmten 24 von 35 Stiftungsräten. Wrabetz kam auf sechs Stimmen. ORF1-Managerin Lisa Totzauer kam auf fünf Stimmen, Vize-Technikchef Thomas Prantner und Filmmanager Harald Thoma erhielten keine Stimme.

Weißmann wurde demnach mit den Stimmen von ÖVP, Grünen und fast allen Betriebsräten sowie des Vorsitzenden Norbert Steger (FP) gewählt. Das reichte für eine komfortable Mehrheit. Für VP-Fraktionschef Thomas Zach war "die Kombination von journalistischen, programmwirtschaftlichen und digitalen Kompetenzen für die Wahl entscheidend". Grünen-Fraktionschef Lothar Lockl sieht die grünen Stimmen als "Vertrauensvorsprung" an Weißmann, betonte aber, dass der "Lackmustest" für Weißmann die Unabhängigkeit des ORF ist. SP-Fraktionschef Heinz Lederer sprach im Anschluss hingegen von einer "Zäsur". Man werde die "Checks and Balances" künftig genau beobachten.

"Gemeinsam entscheiden"

Weißmann selbst verwies auf zuletzt gute Marktanteile, an die es anzuknüpfen gelte. Seine neue Aufgabe will er mit "Respekt und Demut" angehen. Der ORF solle "informativ, objektiv, unterhaltsam und spannend sein". Noch vor seinem Amtsantritt anstehende Personalentscheidungen sollen "gemeinsam und auf Augenhöhe" entschieden" werden. Vorsitzender Steger verwies auf einen Stiftungsratsbeschuss aus 2006, der ein gemeinsames Vorgehen in der Übergangsphase vorschreibt. "Der Wahlkampf ist vorbei", so Steger. Das sei "auch vom Verlierer zu akzeptieren".

Weißmanns Kandidatur war lange kein Geheimnis, auch wenn der 53-jährige gebürtige Linzer zögerte, sie bekanntzugeben. Weißmann gilt als ÖVP-Wunschkandidat und hat mehrere gewichtige Positionen im ORF inne. So agiert er seit 2012 als "Chefproducer Fernsehen", womit er das größte Programmbudget im ORF verwaltet. Seit 2017 ist er zudem Vizefinanzdirektor. Diese Funktion soll für ihn geschaffen worden sein, nachdem sich unter anderem die SPÖ-nahen Vertreter im Stiftungsrat gegen ihn als ORF-Finanzdirektor ausgesprochen hatten. Seine Aufgabenpalette wuchs im Jahr 2020 weiter an: Damals wurde er zum dritten Geschäftsführer der ORF-Onlinetochter orf.at und zum Projektleiter für den geplanten ORF-Player bestellt.

Weißmann kommt, wie viele ORF-Manager, aus der Kaderschmiede des ORF-Landesstudios Niederösterreich, wo er 1995 nach einem Publizistik-
studium andockte. Nach Zwischenstopps als Chef vom Dienst bei Ö3 und als stellvertretender Chronikressortleiter in der ORF-Radioinformation zog es ihn erneut nach Niederösterreich, wo er von 2003 bis 2009 stellvertretender Chefredakteur unter Richard Grasl war. Ab 2010 war Weißmann dann Grasls Büroleiter in der ORF-Finanzdirektion. Der knapp von Wrabetz bei der ORF-Wahl 2016 Geschlagene machte seinen langjährigen Wegbegleiter Weißmann schließlich auch zum "Chefproducer Fernsehen". Weißmann gilt als gut vernetzt ins bürgerliche Lager und in die ÖVP. Während ihm Kritiker dabei Willfährigkeit unterstellen, beschreiben ihn andere als verbindlich, verlässlich und professionell.

Was ist zu erwarten?

Weißmann hat in seinem Konzept mehrere Schwerpunkte genannt, darunter den Ausbau der Landesstudios sowie ein neues Flottenkonzept für das Radio. Weißmann will, dass FM4 seinem eigentlichen Zweck als Jugendradio des ORF nachkommt. Derzeit ist das Publikum angeblich zu alt und unterscheidet sich zu wenig von Ö1. Das könnte für die Stammhörerschaft schwer verdauliche Änderungen nach sich ziehen und wohl noch zu Kontroversen führen. Der Spartensender ORF Sport+ dürfte früher oder später teilweise auf den geplanten ORF-Player migrieren. Zeithorizont: circa 2025.

Weißmann hob hervor, einen Kulturwandel im Unternehmen vornehmen zu wollen. Der ORF müsse "digitaler, jünger und diverser" werden, so Weißmann in seinem Konzept. Als Alleinstellungsmerkmal des ORF erachtet er, nicht gewinnorientiert für die breite Masse als auch Nischen zu berichten.

Weißmann wird nun dem Stiftungsrat vier zentrale Direktoren und neun Landesdirektoren vorschlagen. Deren Wahl steht in der September-Sitzung des Gremiums an. Programmdirektor soll dem Vernehmen nach Ö3-Chef Georg Spatt werden.

Der scheidende Generaldirektor Alexander Wrabetz zeigte Verständnis für die Entscheidung der Regierung, sieht es jedoch als "Abwahl, die zu respektieren ist". Er sagte eine kooperative Amtsübergabe mit dem neu gewählten Generaldirektor zu.