Zuerst wippt er im Beat der Musik, aber als ich näherkomme, hebt er die Hand zum Gruß. Er nimmt sie nicht wieder runter. "High-five!", scheint er zu fordern. Und als ich einschlage, beginnen seine Augen zufrieden zu leuchten, sein überdimensionierter Kopf kindlich zu nicken. Miraitowa heißt das ungefähr 30 Zentimeter hohe, weiß-blaue Männchen mit kurzen Beinen und Hasenohren, das dank eingebauter Kameras im Kopf Passanten erkennt. Beim Händeschütteln mit ihm ist dieser Tage Vorsicht geboten, die Pandemie grassiert auch in Tokio, der größten Metropole der Welt. Deswegen sind viele Zuschauer und Offizielle, die Miraitowa - oder seinen rosa-weißen Zwilling Someity - mit niedlichen Augen begrüßt, eher verhalten.

Ansonsten bewegen sich die zwei kleinen Grüßonkel mit guter Orientierung und anziehender Geschicklichkeit. 20 Gelenke haben sie und diverse Gesichtsausdrücke, mit denen sie auf ihr Gegenüber reagieren können. Anders als sonst für Olympische Spiele typisch, handelt es sich bei den Maskottchen von "Tokyo 2020" nicht bloß um in quietschige Kostüme verpackte Menschen. Miraitowa und Someity sind Roboter. Und sie sollen dafür stehen, dass die Spiele von Tokio, die am Sonntag, 8. August, zu Ende gegangen sind, die "innovativsten Spiele jemals" waren - so behaupten es zumindest die Veranstalter und das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Blick in die Zukunft!

Toyota Motor Corp. entwickelte den Telekommunikations-Roboter T-TR1. - © afp / Behrouz Mehri
Toyota Motor Corp. entwickelte den Telekommunikations-Roboter T-TR1. - © afp / Behrouz Mehri

Übersetzt man den Begriff Miraitowa ins Deutsche, heißt das etwa: "Was bedeutet Zukunft?". Die autonomen Maskottchen sind nur ein trivialer Hinweis auf das, was sich die Organisatoren und Sponsoren darunter vorstellen. "Bei Tokio 2020 wollen wir die Imaginationskraft der Menschen erobern, indem wir ihnen Roboter zur Verfügung stellen, die aus den Spielen einen Erfolg machen", sagte Nobuhiko Koga, Leiter des Frontier Research Center des IOC-Sponsors Toyota, noch vor der Pandemie. Er dürfte sich nicht ausgemalt haben, wie bedeutend solche Entwicklungen in der Zwischenzeit geworden sind. Als die olympischen Spielstätten von Tokio inmitten der Pandemie größtenteils leer bleiben mussten, wurde etwa das Zusehen aus der Ferne bedeutender. Für solche Situationen, aber ohne Ahnung einer Pandemie, entwickelte Toyota den T-TR1, einen sich auf Rollen bewegenden Roboter mit einem menschengroßen Bildschirm.

Der humanoide Roboter T-HR3. - © afp / Behrouz Mehri
Der humanoide Roboter T-HR3. - © afp / Behrouz Mehri

Auf den ersten Blick handelt es sich um nicht mehr als ein Medium wie ein Flatscreen. Allerdings kann der T-TR1 auch als Kommunikator zwischen Zuschauern in der Ferne und Personen vor Ort in der Spielstätte dienen. So wurden Publikumsfragen ins Stadion hinein ermöglicht. Die vertikale Struktur des Bildschirms trug dazu bei, dass Personen am Wettbewerbsort auf in Lebensgröße abgebildet wurden.

Etwas Ähnliches kann ein weiterer von Toyota für die Spiele entwickelter Roboter namens T-HR3, der anders als T-TR1 ein Humanoide ist mit Kopf, Armen und Beinen. Der Telepräsenzroboter kann per ferner Kamera die Bewegungen eines Zuschauers draußen spiegeln, damit im Stadion stehend die Athleten abklatschen und theoretisch auch umarmen. Dinge, die in Zeiten von Social Distancing selten geworden sind und nun zumindest mittelbar werden.

Eine Neuerung, die sich ausschließlich in den Stadien bemerkbar machte, ist der "FSR" - Abkürzung für "Field Robot Support". Der Assistenzroboter in Form einer fahrenden Box funktioniert in etwa wie ein intelligenter Rasenmäher: Im Olympiastadion sammelte er während der Wettkämpfe etwa geworfene Stäbe beim Weitwurf wieder ein - und soll die kürzesten und sichersten Routen durch das Stadion finden, sodass parallel stattfindende Wettkämpfe nicht gestört werden.

Eine echte Hilfe, unabhängig von Pandemie oder Sport, bietet der "Sutsugatarobo" genannte Assistent, dessen Bezeichnung sich übersetzen lässt mit: "Anzugartiger Roboter". Es handelt sich um ein mit Sensoren ausgestattetes Exoskelett, das Träger schwerer Lasten unterstützen soll. Die Technologie hierfür stammt von Panasonic, wurde während der Olympischen Spiele für Schlepper von Paketen und Getränkekisten genutzt. Künftig soll es aber überall Verwendung finden, zum Beispiel in der Pflege.

Assistenzrobotik

Dass die Tokioter Spiele so sehr auf Robotik setzen, überrascht nicht weiter. Im ostasiatischen Land dominiert seit Jahrzehnten die Ansicht, dass automatisierte, menschenähnliche Gestalten weniger eine potenzielle Bedrohung sind denn ein nützlicher Assistent. Wohl auch deshalb ist Japan in der Assistenzrobotik - ob in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Kindergärten und Schulen - weltweit führend.

Multilinguale Roboter werden als Behelfslehrer in Grundschulen eingesetzt, Roboterhaustiere mit weichem Fell für senile Senioren. Die Inspiration für neue Roboter kommt dabei oft aus der Popkultur. Ein Beispiel aus der Spitzenforschung wäre da Hiroshi Ishiguro, der an der Universität Osaka ein Labor zu "Human-Robot-Interaction" leitet und menschengleiche Maschinen baut. Sein Ziel ist, Roboter zu Freunden zu machen, wie es in der Fiktion längst geschehen ist. Yoshiyuki Sankai, ein Mitstreiter von Ishiguro, entwickelt im Innovationscluster von Tsukuba, nördlich von Tokio, Exoskelette zur Rehabilitation. Versehrte legen sich diese Geräte an, trainieren so ihre Muskelreize und lernen nach Verletzungen wieder zu laufen. Auch über deutsche Unfallversicherungen wird das Gestell schon eingesetzt. Sankai hat sein Unternehmen Cyberdyne genannt, so wie ein Roboterhersteller aus den Terminator-Filmen mit Arnold Schwarzenegger.

In Tokios wuseligem Stadtteil Shinjuku bietet ein Kaufhaus seit rund zwei Jahren ein ganzes Abteil für Assistenzroboter an, die an in Japan allgegenwärtige Animationen wie Doraemon oder Astroboy erinnern. Da sind etwa intelligente Maschinen, die den Wäschetrockner leeren und die Kleidung nach deren Besitzern aufteilen können.

Die Olympischen Spiele, die größte Sportveranstaltung der Welt, werden wegen ihres Milliardenpublikums immer wieder als Schauplatz für neue Entwicklungen genutzt. Als Tokio 1964 zum ersten Mal die Olympischen Spiele veranstaltete, wurde der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen eingeweiht. Und die Wettbewerbe wurden erstmals weltweit per Satellit übertragen.

Vor zwei Jahren nutzte auch der japanische Nachbar Südkorea die olympischen Winterspiele für eine Art Catwalk: Südkoreas Tech-Giganten erprobten erstmals 5G-Internet und führten "immersive gaming", also Gaming mit besonderer Spieltiefe, durch VR-Brillen vor.

Was bleibt?

Dass sich die bei Sportgroßereignissen erprobten Technologien auch durchsetzen, ist freilich nicht gewiss. Die Branche der virtuellen Realität, von Quasi-Hologrammen bis zu Games durch VR-Brille, hat sich auch drei Jahre später noch nicht wirklich etabliert. Ähnlich ist es mit diversen Robotern, die japanische Betriebe immer wieder auf den Markt gebracht haben. Vor sechs Jahren öffnete etwa im westjapanischen Nagasaki das "Henna Hotel", das von der Rezeption über den Concierge bis zur Kantine alles Robotern überlassen sollte. Nach und nach wurden aber die Maschinen wieder durch Menschen ersetzt.

Nun aber könnte gerade die Pandemie, die für die Olympischen Spiele von Tokio an sich ein großes Unglück ist, für die in ihrem Rahmen vorgestellten Roboter eine Chance sein. Denn abgesehen von den grüßenden Maskottchen sind viele dazu da, um menschliche Nähe zu ersetzen.