Der Wahlkampf ist vorbei." Diese eigentlich zur Abwehr allzu detailreicher Nachfragen ausgegebene Parole von ORF-Stiftungsratschef Norbert Steger könnte sich als das Motto der kommenden Monate im ORF etablieren. Denn Wahlkämpfe lähmen das Haus auch ein Stück weit. Dieser Knoten ist nun durchschlagen, jetzt geht es an das Abarbeiten der Baustellen, derer es im ORF nicht wenige gibt.

Und zwar durchaus im Wortsinn. Denn der ORF ist seit vielen Jahren Baustelle. Der Neubau des zentralen Newsrooms, dem neuen Herzstück der journalistischen Tätigkeit, steht unmittelbar vor der Fertigstellung. Mit ihm folgt auch eine neue Struktur, die mit vielen Personalentscheidungen verbunden ist. Es steht also viel mehr an, als nur ein paar Schreibtische zu verschieben. Hier werden die journalistischen Grundlagen geschaffen, mit denen die Redaktionen viele Jahre lang arbeiten müssen, mit Sicherheit länger als nur eine Amtsperiode eines Generalsdirektors.

Kein Wunder also, dass das auch die erste Debatte ist, die der frisch gewählte Roland Weißmann zu führen hat. Der Sozialdemokrat Alexander Wrabetz ist noch bis Jahresende im Amt und hat angekündigt, diese Personalentscheidungen noch selbst zu treffen. Im Stiftungsrat folgte prompt eine Debatte, ob man anordnen muss, diese weitrechenden Entscheidungen nur in Absprache mit dem neuen, designierten Generaldirektor zu treffen. Ein Stiftungsratsbeschluss aus 2006 sieht genau das vor. Wrabetz hat im Gremium betont, sich daran halten zu wollen. Das reichte den Stiftungsräten.

In seinem Konzept für die Wahl wird Weißmann deutlich: "Seit Jahren wird der Bereich des multimedialen Arbeitens aufbereitet, erörtert, diskutiert und ausprobiert. Echte Festlegungen zur Zusammenlegung von Redaktionen wurden ausgespart, die dahinter liegenden Konflikte vertagt. Es ist kein Wunder, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die multimediale Zusammenarbeit längst als Damoklesschwert wahrnehmen und in dieser Hinsicht Vertrauen verloren haben." Es sei Zeit, "dass wir endlich damit beginnen, das Wissen und die Spielregeln, die sich alle Beteiligten im Lauf der letzten Jahre theoretisch angeeignet haben, anzuwenden". Organisationsstruktur und -kultur hätten jedoch "akuten Überarbeitungsbedarf", meint der ORF-Vizefinanzdirektor.

Doch mehr Social Media

Weißmanns Ansatz für die neue Führungsstruktur sind zwei Phasen: "In der Phase eins der rund sechs Monate dauernden Übersiedlung in den multimedialen Newsroom werde ich die aktuellen Strukturen bestehen lassen, damit die Tagesarbeit in Radio, Fernsehen und Online ohne gröbere Hindernisse erledigt werden kann." Parallel dazu sollen Vorarbeiten für die neue, multimediale Führungsstruktur gemeinsam durchgeführt, Workflows aufgesetzt und notwendige Einschulungen durchgeführt werden. Erst wenn die neuen Strukturen und Workflows etabliert sind, will Weißmann eine neue multimediale Chefredaktion die Arbeit aufnehmen lassen.

ORF als Digitalkonzern

Für die wohl größte Baustelle war Weißmann bis dato zumindest zum Teil selbst zuständig: die komplette Transformierung in ein digitales Medienunternehmen. Weißmann: "Ziel ist ein hybrides Unternehmen, wir werden die linearen Kanäle weiterentwickeln und digitale Plattformen neu aufbauen." Das Zeitbudget vieler Medienkonsumenten verlagere sich zusehends in Richtung Social-Media- und Streaming-Plattformen. "Der ORF hat in diesem Bereich abseits von TVthek und ZIB100 wenig zu bieten." Um das zu ändern, will er eine Social-Media-Strategie erarbeiten und die Aktivitäten in den sozialen Medien "massiv ausbauen".

Geplant ist dabei, die User auf Drittplattformen anzusprechen und diese im nächsten Schritt auf ORF-Plattformen zu leiten. Neu ist das freilich nicht. Der ORF hat mehrfach Projekte in Sozialen Medien gelauncht und wieder abgedreht. Einerseits aufgrund fehlender Rechtsgrundlagen, andererseits um den digitalen Konzernen keine Macht über die eigenen Inhalte zu geben.

Das wohl relevanteste Projekt ist der in Vorbereitung befindliche ORF-Player. Er könnte in absehbarer Zeit eine der wichtigsten Apps auf den Mobiltelefonen der Österreicher werden, fusioniert der doch Inhalte aus allen Teilen des Hauses vom Fernsehen über Radio bis zu digitalen News. Problem dabei: Etliches ist ohne ORF-Gesetzesnovelle nicht möglich. Eine solche soll nun 2022 einiges ermöglichen. Allerdings könnten dabei auch andere Teile des ORF-Gesetzes mitreformiert werden, wenn sich die Koalition darauf einigen kann, etwa die Gremien wie Stiftungsrat und Publikumsrat. Weißmann will den Player bis 2025 als "österreichische Content-Plattform auf Augenhöhe mit den internationalen Plattformen" etabliert haben.

Sollen auch andere, private Medien auf den ORF-Player? "Auch wenn der ORF-Player in seiner Konzeption die Einbindung von Drittmedien und User-Generated-Content vorsieht, wird eine gemeinsame österreichische Plattform nur dann erfolgreich sein, wenn alle beteiligten Medien als gleichberechtigte Partner auftreten", sagt Weißmann dazu in seinem Konzept und spricht von einer österreichischen "Streamingallianz". Details dazu sind aber eher vage.

Problemfall ORFeins

Eines der größten Probleme liegt aber im Fernsehen, konkret bei ORF-
eins. Der Sender hat über die Jahre massiv an Marktanteile und Relevanz verloren. Der Grund liegt auf der Hand: Niemand braucht in Zeiten des Streaming für US-Serien noch den ORF. Weißmann argumentiert hier mit den Focusgruppen und will in Zukunft verstärkt das Milieu der "Hedonisten" ansprechen, die lineare Angebote mehr als doppelt so lange nützen würden als die aktuell angesprochenen "digitalen Individualisten". Mit ORF2 ist man hingegen zufrieden. Hier besteht kaum Änderungsbedarf.

ORFIII soll laut Weißmann als Kultur- und Informationskanal durch eine stärkere Fokussierung auf seinen Kernauftrag weiterentwickelt werden, um treffsichererer "gehobene und traditionelle Milieus" anzusprechen. Damit das gelingt, soll verstärkt auf Kontextualisierung von Inhalten gesetzt werden. Der Spartensender ORF Sport+ könnte überhaupt abgeschafft und seine Inhalte in den Player integriert werden.

Zum Thema Kulturprogramm schreibt Weißmann: "Mein Ziel ist es, ein neues österreichisches Kulturökosystem durch Zusammenwirken der Bereiche Ö1, FM4, ORFIII, ORF2, RSO und 3sat sowie durch Kooperationen mit den wesentlichen Kulturinstitutionen des Landes entstehen zu lassen." Wrabetz sieht den ORF als "international anerkanntes Kultur-Powerhouse", was er auch bleiben solle. Dabei will er den Kulturbegriff erweitern und einen multimedialen ORF-Kulturservice samt Kalender, Rezensionen und Publikumstipps entwickeln.

Beim Radio könnte es Änderungen geben, wenngleich der ORF immer noch dominanter Marktführer ist. Weißmann sieht zu ähnliche Zielgruppen von FM4 und Ö1 gegeben. "In seiner Ausrichtung als Jugendradio verfehlt FM4 sein Mission Statement und ist in der erreichten Zielgruppe zu spitz positioniert", meinte der designierte ORF-Generaldirektor. FM4 solle sich "neu denken".