Wenn er an Bollywood denkt, denkt der Cineast gemeinhin an bunte Farben, Kitsch, Tanz und Gesang aus Indien. Dass indische Filme jedoch meist mehr Tiefgang aufweisen als auf den ersten Blick erkennbar, wissen die wenigsten. Mit diesem Vorurteil versucht die neue Netflix-Serie "Navarasa" subtil aufzuräumen. Der Titel "Navarasa" bedeutet wörtlich übersetzt "Neun Gefühle" und beschreibt somit genau, worum es in der neunteiligen Serie geht.

Die Rasa-Theorie ist der Grundstein fast aller indischen künstlerischen Werke, ob Theater, Tanz, Musik, Literatur oder bildende Kunst. "Rasa" hat mehrere Bedeutungen. Einerseits "Gefühl", andererseits die kreative Erfahrung des Künstlers. Es stellt den zentralen Begriff der indischen Ästhetik dar. Rasa entstammt dem etwa zweitausend Jahre alten Traktat "Natyasastra" und beinhaltet sehr konkrete Anweisungen für die Werke der bildenden Kunst. Jedes Rasa ist mit einer spezifischen Gottheit aus dem Hinduismus verbunden und einer bestimmten Farbe zugeordnet. Die neun Rasas sind Liebe, Tugend, Ekel, Humor, Angst, Wundersames, Wut, Pathos und Friedvolles. Der Grundstein der meisten indischen Werke sind die Rasas deswegen, weil die Theorie vorherrscht, dass ein Werk, das alle neun Rasas im richtigen Verhältnis enthält, bei den Zusehern den mentalen Zustand der vollkommenen Freude auslöst.

Der Schauspieler Suriya, Protagonist der Folge "Liebe", ist in Indien ein Superstar. - © Netflix
Der Schauspieler Suriya, Protagonist der Folge "Liebe", ist in Indien ein Superstar. - © Netflix

Neun Folgen, neun Emotionen

Bei "Navarasa" ist die Zuordnung der einzelnen Episoden zu den Rasas recht einfach, sie finden sich schon im Namen der Folgen. Natürlich ist die titelgebende Emotion nicht die einzige, die in der Episode vorkommt, sondern eher als eine Art Ausgangssituation zu sehen. Freunde von Originalfassungen kommen auf ihre Kosten. Die Serie ist nämlich nur auf Englisch oder Tamil und mit diversen Untertiteln abrufbar. Unter uns: Die deutschen sind leider sehr holprig. Und wer sich fragt, warum Hindi nicht verfügbar ist: Die Serie ist dem tamilischen Film zuzuordnen, deren Sprache nicht Hindi, sondern Tamil ist.

Wer eine zusammenhängende Geschichte erwartet, wird enttäuscht, denn es handelt sich um eine Anthologieserie, in der jede Folge einer eigenen Handlung mit eigenen Hauptcharakteren folgt. Jede Episode stammt aus der Feder eines anderen indischen Regisseurs und ist zudem unterschiedlichen Genres, von Komödie bis Science-Fiction, zuzuordnen. Das sorgt für eine gewisse Spannung, führt allerdings auch dazu, dass es den Zusehern schwerfällt, das große Ganze zu erkennen, zumal die Qualität der einzelnen Episoden mitunter stark schwankt.

Die Serie beginnt mit einem starken Intro: Im Vorspann sind Schauspielerinnen und Schauspieler in Zeitlupe zu sehen, während sie lachen, weinen oder schreien. In Schwarz-Weiß und mit ausdrucksstarker Musik unterlegt, taucht man sofort in die Welt der Gefühle ein. Dann wird es jedoch schnell kompliziert, denn wer mit der Rasa-Theorie nicht vertraut ist, sollte nicht erwarten, sie im Rahmen der Serie erklärt zu bekommen.

Die erste Folge "Feind: Mitgefühl", die dem Rasa "Pathos" zuzuordnen ist, handelt von der Geschichte eines Mörders und der Frau des Mordopfers, bei der es um Schuld und Vergebung geht. Durch die vielen Nebenschauplätze braucht man jedoch einige Zeit, um zu erkennen, welcher der primäre Erzählstrang ist. Die zweite Folge "Sommer ’92: Lachen" rund um einen Komiker lässt den Zuseher etwas ratlos zurück, erwartet man zum Rasa "Humor" doch etwas Lustiges. Der Spaß wird jedoch von einigen tragischen Elementen überschattet. Auf das Tief folgt mit Episode drei "Projekt Agni: Wunder" jedoch ein Hoch: Ein Wissenschafter entwickelt eine Maschine, die die Gesetze von Raum und Zeit außer Kraft setzt. Als ihm dabei ein furchtbarer Fehler unterläuft, ist ein Anruf bei einem ehemaligen Kollegen seine letzte Hoffnung.

Produziert wurde die Serie von Mani Ratnam und Jayendra Panchapakesan, die mit den Gewinnen aus der Produktion einen wohltätigen Zweck verfolgen: Sie möchten damit Spenden für von der Covid-19-Pandemie betroffene Tagelöhner in der Filmindustrie sammeln. Mit der Serie sind auch noch andere bekannte Namen des indischen Kinos verbunden, so hat beispielsweise der Schauspieler Suriya, Hauptdarsteller der Episode, die der Liebe gewidmet ist, in Indien sehr viele treue Fans. "Navarasa" ist ein Gemeinschaftsprojekt der tamilischen Filmbranche, viele Mitwirkende arbeiteten sogar kostenlos mit.

Kleines Einmaleins der indischen Filme

Das Rasa-Prinzip bildet also den Grundstein des indischen Films. Den indischen Film gibt es allerdings gar nicht, denn das ist nur ein Sammelbegriff für die einzelnen regionalsprachlichen Filmindustrien. Diese unterscheiden sich in den Themen, den Schauspielern und auch in den Sprachen, ein Austausch zwischen den einzelnen Subbranchen hat jedoch immer stattgefunden.

Einteilen kann man die indische Filmindustrie in Bollywood-Filme (die meist in Mumbai, ehemals Bombay, produzierten Exportschlager der Hindi-Filmindustrie), tamilische Filme (aus der Gegend um Kodambakkam, die auch Kollywood genannt wird), sowie die weniger bekannten Telugu-, Malayalam-, Kannada-, Oriya- sowie bengalische und marathischen Filme. Die meiste Aufmerksamkeit bekommen in der westlichen Welt natürlich Bollywood-Filme, besonders in Gebieten von indischen Auswanderern wie London oder New York werden diese zu Hits. Ursprünglich liegt das Verbreitungsgebiet für indische Filme im asiatischen und afrikanischen Raum.

Allen indischen Filmen, egal, welchem Subgenre sie zuzuordnen sind, liegen ähnliche Muster zugrunde: Sie dauern bis zu vier Stunden, haben eine obligatorische Pause (die Intermission, die den Film inhaltlich in zwei Teile trennt), die Handlungen sind eher einfach und das Erzähltempo langsam, immer wieder gibt es Tanz- und Gesangseinlagen. All das trifft auf die neue Netflix-Serie "Navarasa" jedoch nicht zu.
Eine Gemeinsamkeit gibt es dennoch: Musik zu indischen Filmen wird meist auch im Musikfernsehen ausgestrahlt, die Songs werden nicht selten zu Hits. Die Musik zur Serie wurde zumindest gesondert auf YouTube veröffentlicht.

Ist also alles schön und bunt beim indischen Film? Mitnichten, gerade Bollywood-Produktionen müssen sich der Kritik stellen, beim Schauspielensemble Diskriminierung von dunkelhäutigen Inderinnen und Indern zu betreiben. Damit werden rassistische Vorurteile in der indischen Bevölkerung und die Hellhäutigkeit als Schönheitsideal verstärkt, was sich in hohen Verkaufszahlen von Hautaufhellungsprodukten niederschlägt. Außerdem werden die Armen in der indischen Bevölkerung in den Filmen fast ausnahmslos ausgeklammert.

Bei "Navarasa" hingegen wird nichts ausgelassen, alle Gefühle kommen gleichberechtigt vor. In einer Folge heißt es: "Wer sein Unterbewusstsein kennt, der kennt seine Zukunft." So weit ist man nach neun Episoden noch nicht, aber vielleicht ist ein neues Bewusstsein für Gefühle entstanden.