Mit Jahresende übernimmt Roland Weißmann (53) das Amt des ORF-Generaldirektors von Alexander Wrabetz. Der gebürtige Linzer sprach mit der "Wiener Zeitung" über sein Programm und die Probleme des ORF.

 

"Wiener Zeitung": Zum Einstieg würde ich Ihnen gerne Linnea, Sophie und Amelie vorstellen: Die drei Mädchen sind 16 Jahre alt und alle drei in einer AHS oder BHS in Wien. Ihr Medienkonsum ist folgender: Instagram und TikTok, Fernsehen ausschließlich via Netflix. Musik konsumieren sie nicht über Radio, sondern Spotify und YouTube. Der einzige Berührungspunkt mit dem ORF ist, dass sie der "ZiB" auf Instagram folgen. Geht da gerade eine ganze Generation für den ORF verloren? Was für ein Angebot kann man ihnen machen?

Roland Weißmann: Der "Zeit im Bild" via Instagram zu folgen ist schon ein guter Anfang. Wir haben 800.000 Abonnenten, das läuft also gut. Wir arbeiten an Inhalten der "ZiB" für TikTok. Man muss sich genau anschauen: Wo sind die jungen Menschen und wie holen wir sie ab? Es ist kein Geheimnis, dass die jungen vor allem in den Sozialen Medien sind. Dort wollen wir sie zukünftig mit unseren Inhalten erreichen. Und wir brauchen natürlich - Stichwort digitale Novelle des ORF-Gesetzes - Inhalte, die wir eigens für Soziale Medien produzieren. Im Idealfall solche, mit denen wir sie dann auch zu den originären ORF-Angeboten leiten können, Stichwort Player. Mit diesem Konzept habe ich mich beworben und hier sehe ich auch die Zukunft.

Medienkonsum ist doch auch eine Frage des Lernens. Wie kann ich eine ganze Generation, die nicht mehr auf die Idee kommt, linear fernzusehen oder Radio zu hören, noch erreichen? Da gibt es ja sicher Überlegungen?

Ja sicher, aber ehrlicherweise fragen das nicht nur wir uns, sondern die gesamte Medienbranche. Der ORF hat ein gutes Angebot in allen Medien und wird das auch weiterhin haben. Aus unserer Sicht wird in Zukunft Folgendes gut funktionieren: Das sind zum einen Live-Programme wie große Unterhaltungs-Events oder Shows. Wir haben etwa bei "Starmania" heuer schon erfolgreich begonnen, auch mit Instagram und TikTok zu arbeiten. Weiters große Sport-Events, eigenproduzierte Filme und Serien und natürlich die Informationsangebote. Zudem werden wir weiterhin die größte Kultur-Bühne des Landes bieten. Ich glaube, dass wir insgesamt ein gutes Portfolio haben. Unser Alleinstellungsmerkmal ist die Unabhängigkeit: Die Menschen wissen, dass, wo ORF draufsteht, auch ORF-Qualität mit objektivem Journalismus drin ist. Gerade in Zeiten von Fake News und Hass-Postings wird das immer wichtiger. Unser zweiter USP ist die Regionalität. Gerade im Digitalen, wo die Konkurrenz vor allem aus den USA und vermehrt aus Asien kommt, wird es immer wichtiger, das Lokale vor Ort zu haben. Da haben wir sehr gute Antworten.

ORFeins ist ja auch Teil dieser Problematik. US-Serien konsumieren die Leute mittlerweile auf Abruf im Streaming. Das, was man da in den letzten Jahren mit viel Aufwand versucht hat, etwa mit dem neuen Magazin, hat jedoch kaum funktioniert. Wie kann man
ORFeins einen neuen Sinn geben?

Man muss schon sagen, dass wir gerade in den letzten Monaten in den Reichweiten sehr gut reüssiert haben. Ich halte da etwa mit der Fußball-EM oder die Olympischen Sommerspielen dagegen, die sehr gut funktioniert haben. Wir haben auch für die Zukunft viele gute Sportrechte, daher wird der Sport auch künftig einen großen Teil einnehmen. Wir werden vermehrt auf Live-Events setzen, etwa im Herbst mit einer neuen Staffel der "Dancing Stars". Wir werden auch auf österreichische Eigenproduktionen setzen, ob Film oder Serie, das funktioniert sehr gut. Insgesamt werden wir in der Programmierung von ORFeins eine breitere Zielgruppe ansprechen. In meiner Bewerbung habe ich die Gruppe der Hedonisten genannt. Ich schließe nicht aus, dass wir das eine oder andere von ORF2 auf ORFeins verlegen. Aber das möchte ich mit meinem neuen Programmdirektor oder Programmdirektorin besprechen.

Lassen Sie uns über den geplanten ORF-Player sprechen. So wie ich das verstehe, soll das die App sein, die jeder Österreicher unter den großen Fünf auf seinem Smartphone nutzt. Was kann die App, damit das gelingt?

Ja, das ist unser Ziel. Aber da muss ich vorweg festhalten, dass wir für den Player eine digitale Gesetzesnovelle benötigen. Es muss uns möglich sein, die digitalen Fesseln abzulegen. Ich habe ein ambitioniertes Ziel: Ich hätte gerne, so wie es auf vielen Fernbedienungen inzwischen einen Netflix-Knopf gibt, auch einen ORF-Knopf als Einstieg in die digitale Welt des ORF. Da sind alle linearen und non-linearen Angebote, die der ORF in Fernsehen und Radio hat, vereint. Aber auch vermehrt "online only"-content, den wir nur für den digitalen Markt produzieren: rasch und mit ORF-Qualitätssiegel. Zudem müssen unsere Inhalte länger als nur sieben Tage abrufbar bleiben. Die App soll eine Rundumversorgung auf allen Devices mit einem Click bieten - auf dem Smart-TV-Gerät, dem Notebook, Tablet oder Smartphone.

Da wird auch die TVthek integriert?

Natürlich. Auch mit den Inhalten der TVthek und den textlastigeren Nachrichten-Inhalten der blauen Seite von orf.at, verknüpft mit mehr Bewegtbildinhalten.

Das sind ganz unterschiedliche Bereiche des Hauses, die hier zuliefern. Wo wird das angesiedelt sein?

Der Digitalbereich ist auf unterschiedliche Bereiche aufgeteilt und soll in der Technischen Direktion gebündelt werden, jedenfalls was Hardware und IT-Entwicklung betrifft. Die Inhalte kommen dann aus den verschiedenen Programm-Bereichen.

Aber die Journalisten von orf.at sind doch noch ausgelagert bei orf.on. Kommen die in den neuen ORF-Newsroom?

Die Journalisten werden dann im neuen Newsroom sitzen, das dauert noch ungefähr ein Jahr. Das Ziel ist, dass die Kolleginnen und Kollegen von Beginn an auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Das schauen wir uns gerade an.

Was braucht man von der Politik?

Die gleichen digitalen Spielregeln, die alle anderen auch haben, wir hinken hier im internationalen Vergleich hinterher. Es muss uns möglich sein, unsere sehr guten Inhalte auch ausschließlich für online zu produzieren aber auch sie zuerst online auszuspielen. Zudem wünschen wir uns, dass die Beschränkung in der On-demand-Nutzung, die derzeit mit sieben Tagen limitiert ist, fällt.

Wann kommt die nächste Gebührenanpassung?

Der ORF ist von Gesetzes wegen verpflichtet, alle fünf Jahre einen Antrag auf Gebührenanpassung zu stellen. Das ist bis Jahresende nun Thema. Als ORF-Mitarbeiter kann ich mich nur für eine nachhaltige Finanzierung einsetzen, weil wir weiterhin die Lieblingsprogramme der Östereicherinnen und Österreicher finanzieren wollen.

In Ihrem Konzept für das Radio ist eine Verbreiterung von FM4 vorgesehen, dessen Zielgruppe als zu alt beschrieben wird. Was ist da der Plan?

Insgesamt ist die Radioflotte des ORF sehr gut aufgestellt. Nichtsdestotrotz ist es unsere Aufgabe, an Optimierungen zu arbeiten. Der Befund ist, dass FM4 ein bisschen spitz programmiert ist. Wir sind sehr erfolgreich, aber ich orte etwas Optimierungsbedarf. Aber das wird eine Aufgabe sein, die mit dem neuen Radiodirektor bzw. der Radiodirektorin zu besprechen ist.