Ein Job, den man nicht bekommt. Eine Frau, die den Heiratsantrag ablehnt. Ein Kollege, der einen demütigt. Es sind mehrere Faktoren, die sich schließlich so summieren, dass es zur Katastrophe kommt. So läuft es in der neuen ORF/ZDFneo-Dramaserie "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung", aber auch in der Realität manchmal ab. Die Serie beruht lose auf Reinhard Hallers gleichnamigem Sachbuch. Haller ist einer der renommiertesten Gerichtsgutachter Österreichs. Der Psychiater, Psychotherapeut und Sachbuchautor wurde vor allem für seine forensisch-psychiatrischen
Gerichtsgutachten über den Frauenmörder Jack Unterweger, den Bombenleger Franz Fuchs oder den Amokfahrer von Graz bekannt.

Eine Dramaserie, die auf einem Sachbuch basiert - funktioniert das? "Am Anfang war ich ambivalent. Ich habe mir nicht so gut vorstellen können, dass man das, worum es bei der Kränkung geht, in einer Serie darstellen kann. Also diese Kleinigkeit, die letztlich zu einer Katastrophe führt, weil das ist ja ein innerer Prozess", sagt Haller. Mit der Umsetzung in der Serie ist der Vorarlberger jedoch sehr zufrieden: "Ich glaube, Verbrechen sind Psychologie pur, weil in Verbrechen all das, was die Menschen tagtäglich beschäftigt, wie Eifersucht oder Depressivität, in einer konzentrierten Form zum Ausdruck kommt."

Gerichtspsychiater Reinhard Haller kennt die Natur der Kränkungen. - © ORF / Günther Pichlkostner
Gerichtspsychiater Reinhard Haller kennt die Natur der Kränkungen. - © ORF / Günther Pichlkostner

In seinem Sachbuch stellt Haller fest, dass nahezu jedem zwischenmenschlichen Problem eine Kränkung zugrunde liegt, und untermauert diese These mit Beispielen aus der Historie und der Praxis. Die Macht der Kränkung besteht darin, dass diese unsere Selbstachtung und unsere Werte angreifen und vor allem unseren Gerechtigkeitssinn verletzen. Dazu gehören immer drei Faktoren: ein Kränkender, ein Gekränkter und eine Kränkungshandlung.

Mit Verletzungen umgehen

Die Serie analysiert den Moment, in dem die Figuren unter den Kränkungen zerbrechen. - © ORF / Petro Domenigg
Die Serie analysiert den Moment, in dem die Figuren unter den Kränkungen zerbrechen. - © ORF / Petro Domenigg

So weit zur Theorie, aber wie reagiert man denn nun auf solche Erniedrigungen, ohne dass es zu einem Amoklauf kommt wie in der Serie? "Kränkungen sind ein peinliches Thema, man gibt nicht gerne zu, dass man sich so irritieren lässt. Es gibt keine wissenschaftliche Definition und auch keine Diagnose, die so heißt. Und sie wird von uns allen letztlich verdrängt. Ein wichtiges Anliegen von mir und die Aussage der Serie ist, dass man sensibel wird dafür, dass das Gegenüber vielleicht auch seine Kränkungen hat und kränkbar ist. Und dass man sich traut, darüber zu sprechen." Haller hält fest, dass es vor allem für Männer ein großes Problem ist, zuzugeben, verletzt zu sein, da man dabei ja Schwäche zeigt. "Das passt überhaupt nicht zu unserem Männerbild, dass man wegen so einer ‚Kleinigkeit‘ beispielsweise psychische Probleme bekommt." Männer reagieren eher rasch und aktiv, Frauen ziehen sich dagegen mehr zurück und verarbeiten die seelischen Verletzungen psychosomatisch.

Psychiater Reinhard Haller, Drehbuchautorin Agnes Pluch, ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner und Regisseur Umut Dag bei der Präsentation der Serie. - © ORF / Günther Pichlkostner
Psychiater Reinhard Haller, Drehbuchautorin Agnes Pluch, ORF-Programmdirektorin Kathrin Zechner und Regisseur Umut Dag bei der Präsentation der Serie. - © ORF / Günther Pichlkostner

Haller kennt noch eine weitere Taktik, um mit seelischen Verletzungen zu leben: versuchen zu erkennen, dass jede Kränkung einen wahren Kern hat. Das ist eigentlich logisch, denn sonst könnte sie gar kein verletztes Gefühl in uns auslösen. Und jede Kränkung kann auch etwas Lehrreiches sein. Außerdem sollte man versuchen, sich in die Haut des Kränkenden zu versetzen, denn wenn man ihn besser versteht und gewisse Zusammenhänge erkennt, verleiht einem das auch Macht. Manche Menschen können solche Angriffe auch in etwas Positives umwandeln, zum Beispiel Künstler. Die gehen mit Kritik so um, dass sie kompensativ Kunst erschaffen und ihren Frust zum Beispiel in Marmor hauen oder nobelpreisträchtige Romane schreiben. Die edelste Form, damit umzugehen, wäre, sie zu verzeihen. "Aber da muss ich zugeben, dass uns das nicht immer gelingt, und dass das meine Kompetenz als Psychiater überschreitet, da sind dann eher die Geistlichen zuständig", meint Haller schmunzelnd.

Der größte Feind, nämlich das genaue Gegenteil der Kränkung, ist Wertschätzung. Sie aktiviert unser Belohnungszentrum im Gehirn und hemmt das Angstzentrum - in kürzester Zeit entfalten sich Kreativität, Motivation und Beziehungsfähigkeit. "Jeder Mensch will wertgeschätzt werden. Anerkennung ist etwas, das nichts kostet und das man viel zu wenig nützt. Wenn man selbst wertschätzend ist, kommt das auch zurück, und das macht einen selbst stärker", so Haller. Er kennt das Problem auch aus der Psychotherapie: Bei Partnerschaftproblemen heißt es manchmal im ersten Moment "Wir haben uns auseinandergelebt", aber wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass vor allem die fehlende Wertschätzung ein Faktor ist.

Der Weg zur Rache

Eine ganz andere Form, wie man auf eine erlittene Kränkung reagieren kann, ist Rache. Im April dieses Jahres erschien dazu Hallers Sachbuch "Rache: Gefangen zwischen Macht und Ohnmacht". Im Gegensatz zur Kränkung ist Rache keine pathologische Emotion und nicht wie der Hass dunkel und böse konnotiert, sondern sie kann sehr vielfältig sein - Rache ist bekanntlich süß, sie kann aber auch bitter sein. Drei Faktoren spielen bei Rache eine Rolle: Erstens soll die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden. Bei der Kränkung wird nämlich der Gerechtigkeitssinn irritiert, der gerade bei jungen Menschen eine sehr große Rolle spielt. Zweitens möchte man seinen eigenen Selbstwert wieder stärken. Und drittens möchte man denjenigen, der es gewagt hat, einen nicht wertzuschätzen, dasselbe antun.

Alle Menschen sind also kränkbar. Woran liegt es aber, dass das bei manchen stärker ausgeprägt ist als bei anderen? Dass an manchen alles abzuprallen scheint und andere nach Kränkungen zu Mördern werden? "Wie bei allen psychischen Phänomenen gibt es mehrere Faktoren, die da zusammenkommen. Einer ist sicher die Veranlagung in den Genen: Wenn jemand in der Kindheit Kränkungen erfahren hat, eine Traumatisierung, sexuellen Missbrauch oder Ähnliches, und das verdrängt oder auch überwindet, dann genügt später eine Kleinigkeit, um diese Wunde wieder aufzureißen. Und so eine Kleinigkeit kann eben eine Kränkung sein." So sei es auch beim Bombenleger Franz Fuchs gewesen.

Außerdem gibt es gesellschaftliche Entwicklungen, die die Menschen verletzbar machen, wie Stress, der Zwang zu Multitasking, Lärm- und Lichtsmog. Der Millennial ist nervös und sensibel: Laut einer amerikanischen Studie leiden 19 Prozent der jungen Erwachsenen an Hochsensibilität und sind damit natürlich auch kränkbarer. "Ungefähr seit der Jahrtausendwende leben wir außerdem im Zeitalter des Narzissmus, und Narzissten sind extrem verletzlich." Womit wir wieder beim Thema Wertschätzung wären, bei Narzissten tritt nämlich ein besonderer Fall auf: Sie brauchen die ganze Wertschätzung für sich selbst, sodass für ihre Mitmenschen nichts mehr übrig bleibt.

Gastauftritt in Serie

Haller verkörpert in der Serie "Am Anschlag - Die Macht der Kränkung" selbst einen Gerichtspsychiater. Etwas verlegen erklärt er: "Es war das erste Mal, ich bin kein Schauspieler und hab einen alemannischen Akzent. Aber ich hab’ mir gedacht, ich verhalte mich einfach so, wie ich mich in der ZiB2 verhalten habe, wenn ich dort einmal geladen war." Das Ergebnis kann sich sehen lassen, und auch die anderen Darsteller der Serie (unter anderem Murathan Muslu, Julia Koschitz und Johanna Wokalek) ziehen die Zuseher bereits in der ersten Folge voll in ihr Gefühlschaos der Kränkungen, Wut, Ohnmacht und Neid. Der Sechsteiler zeichnet die Vorgeschichte eines Amoklaufs in einem Einkaufszentrum nach, bei dem lange aufgestaute Kränkungen am Ende eskalieren. Im Fokus jeder Folge stehen eine Person und ihre Probleme. Wer unter dem Druck seiner Kränkungen zerbricht und schließlich zum Amokläufer wird, zeigt sich naturgemäß am Ende. Unter der Regie von Umut Dağ und nach dem Drehbuch von Agnes Pluch entstand - mit Beratung von Reinhard Haller - eine Serie, die tiefe Einblicke in die menschliche Psyche liefert und von der ersten Minute an fesselt.