Der Bestsellerautor Michael Köhlmeier ist ein Meister der epischen Form. Für den gewitzten Romancier sind Märchen der älteste Wissensspeicher der Menschheit und ein riesiger Spiegel ihrer Träume, Ängste und Tragödien. In seinem neuen, üppigen Roman "Matou" tigert sein Titelheld, ein Kater mit sieben Leben, wortgewaltig und bildstark durch die Weltgeschichte. Zwischen literarischen Referenzen sind jede Menge Songs, Lieder und Gedichte eingebaut. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem 71-jährigen Vorarlberger Autor.

"Wiener Zeitung": Herr Köhlmeier, sprechende Tiere gibt es eigentlich nur im Märchen, einem der Gegenwart etwas abhandengekommenen Genre. Sie haben es wiederbelebt, nicht zuletzt mit einer eigenen Märchensammlung. Was hat Sie beflügelt bei Ihrem jüngsten Werk mit dem charmanten Kater Matou?

Michael Köhlmeier erzählt die Geschichte der Aufklärung aus der Sicht eines Katers. - © Peter-Andreas Hassiepen
Michael Köhlmeier erzählt die Geschichte der Aufklärung aus der Sicht eines Katers. - © Peter-Andreas Hassiepen

Michael Köhlmeier: Das Schöne für mich war, dass ich mich vollkommen frei fühlte, weil ich einen Blick auf die Menschheit haben durfte wie ein Kind. Ich konnte die dümmsten und die klügsten Fragen stellen. Und mein Titelheld konnte jeglichen Unsinn und Blödsinn machen, wenn er zum Beispiel total verliebt ist in die Küchenrolle. Ich hab das bei unserer Katze beobachtet, die völlig verrückt danach ist, wenn ich ihr die Küchenrolle auswickle. Da gerät sie in einen Taumel und reißt das Ding in tausend Fetzen.

Der Gestiefelte Kater sei der Chuck Berry unter den Märchenfiguren, haben Sie mal gemeint. Wer ist dann Ihr Matou?

Na ja, er trifft zwar den Blues-Musiker Muddy Waters, der für ihn den bekannten Song "TomCat" schreibt und ihn gerne Andy Warhol abspenstig machen würde, um Matou selber nach Hause zu nehmen. Aber ich hab’ mir unter dem Matou immer einen barocken Typen vorgestellt, so ähnlich wie der Grimmelshausen mit seinem abenteuerlichen Simplicissimus, diesem Steinbruch voller Schelmenweisheit. Er ist ein vitaler, aber auch ein brutaler Kater. Schließlich sind Katzen Raubtiere. Gleichzeitig ist er ein sehr Belesener. Nicht umsonst zitiert er Victor Hugo, der sagte: "Gott hat die Katzen erschaffen, damit wir Menschen einen Tiger streicheln können." Es ist also ein bildungshungriger, belesener Kater, der sich aber nie sicher ist, ob er wirklich alles richtig versteht, weil er eben Autodidakt ist.

Gibt es ein Schlüsselerlebnis als Auslöser für Ihren Roman?

Das war ein Stahlstich von der Guillotine mit hoch hängendem Messer. Ich habe entdeckt, dass unter dem Gerüst viele Hunde und Katzen waren. Ich habe erfahren, die leckten das Blut. Und das ist ja ein reichlich absurdes Szenario. Man kann sich ja vorstellen, wenn der Henker dort oben geköpft hat, einen nach dem anderen, war das ein einziger Blutbrei. Und dieses Bild hab ich gesehen und mir gedacht, wie wäre es, ein derart einschneidendes Menschenkapitel, über die Mutter aller Revolutionen, einen der großen europäischen Gründungsmythen, aus den Augen einer Katze zu sehen. Und dann dachte ich mir, gut, dann gleich einen Ritt durch die Geschichte, sieben Leben. Die Geschichte der Aufklärung aus der Sicht eines Katers, und dann dazu gleich die Gegenaufklärung in Form der Romantik. Innerhalb einer halben Stunde, nachdem ich dieses Bild sah, stand die ganze Struktur des Romans.

Das erste Kapitel spielt während der Französischen Revolution. Wer über sie spricht, dem fallen Robespierre, Danton, vielleicht auch noch Marat oder Mirabeau ein. Aber wer kennt noch Camille Desmoulins, bei dem Matou lebt?

Ja, leider kaum jemand. Aber ich wollte nicht einen von den ganz Vorderen nehmen, wie Robespierre oder Danton. Auch Antoine Saint-Just ist nicht mehr so bekannt. Desmoulins, einer der engsten Freunde Dantons, war einer der Charismatischsten am Beginn der Revolution. Er spielt auch in Georg Büchners Danton’s Tod eine große Rolle. Sprechen hat der Kater bei Desmoulins gelernt, als er ihn beobachtete, wie er seine Reden einstudiert. Und dann wollte er noch Lesen und Schreiben lernen, das hat er sich von E.T.A. Hoffmann beibringen lassen. Er dachte, das kann am besten ein Dichter.

Und Matou ist eigentlich Hoffmanns Kater Murr, der wie ein Mensch sprechende, denkende und gebildete Kater, der als Ich-Erzähler fungiert.

Ja, das habe ich so gewollt. Weil ich mir vorstellen konnte, dass sicher der Einwand kommt: Es gibt doch diese literarische Figur, den Kater Murr. Und ich sage, ja und warum gibt es den Kater Murr, weil eben Matou bei Hoffmann lebte. Und als sich der Kater auf Weltreise begab, hat Hoffmann, um seine Sehnsucht nach Matou zu stillen, den Kater Murr erfunden. So war das. Ich warte auf Gegenrede.

Sie sind ein leidenschaftlicher Fabulierer. Ihr Prosawerk steht im Zeichen jener literarischen Entwicklung des späten 20. Jahrhunderts, die sich mit dem Schlagwort von der "Wiederkehr des Erzählens" fassen lässt. Woher stammt Ihre Freude am Erzählen?

Bei uns zuhause ist immer viel erzählt worden. Da hab’ ich mich sogar schon manchmal aufs Klo geflüchtet, damit ich nicht niedererzählt werde. Meine Mutter und meine Großmutter, die kamen aus dem oberfränkischen Coburg. Die haben sich das Heimweh wegerzählt. Mein Vater war Historiker. Er hat immer aus der Geschichte erzählt, unheimlich interessant, wirklich unheimlich, so als wär er überall dabei gewesen, ob bei Alexander dem Großen genauso wie bei Bismarck. Er konnte frei Dialoge erfinden zwischen Talleyrand und Napoleon, zwischen Hitler und Schuschnigg. Nie habe ich einen Mann souveräner durch die Geschichte schreiten sehen als ihn. Und meine Schwester konnte schon mit fünf gut lesen. Sie hat mir immer die Bücher nacherzählt, die sie in der Leihbibliothek ausgeliehen hat. Ich bin da gar nicht dazu gekommen, selber zu erzählen. Wahrscheinlich musste ich später aufholen, was ich damals gerne erzählt hätte. Ich habe das immer als ein Grundbedürfnis des Menschen gesehen, so zu erzählen, wie man sich die Welt aneignet.

Ist Matou, der sprechende Kater, jetzt die Lösung für Ihre Frage, die sie literarisch umtreibt, nämlich, aus welcher Perspektive berichtet werden soll, aus der eines allwissenden, gottähnlichen Erzählers oder eben aus der unzuverlässigen Ich-Perspektive einer Figur?

Mit dem gottähnlichen Erzähler, dem sogenannt auktorialen, hatte ich immer so meine Probleme. Ich will nichts gegen das Auktoriale sagen. Es gibt wunderbare Romane in der Form. Und auch ich habe schon solche geschrieben, aber mir ist die subjektive Perspektive näher. Ich tue mir einfach leichter, wenn ein Erzähler "ich" sagen kann. Und selbst, wenn er nur eine Randfigur ist.

Und ist Matou nun tatsächlich der Homer der Katzen?

Er sagt das selber, wenn alle Katzen lesen und schreiben können, dann wird man mich als Homer der Katzen bezeichnen. Das fand ich einfach lustig, dass er ein so großes Ego besitzt.

Sie haben einmal Thomas Mann zitiert, der seinen Kollegen riet, die Arbeit an einem großen Werk nie am Abend, sondern stets zu Mittag zu beenden, damit am Nachmittag schon die ersten Sätze des nachfolgenden Buches geschrieben werden könnten. Wann haben Sie Ihr Buch beendet?

Leider nicht mittags. Das ging diesmal nicht. Darunter leide ich etwas, weil der Schatten von "Matou" momentan noch lang ist. Er versperrt mir fast den Ausblick auf Weiteres. Ich hab zwar seitdem eine kleinere Erzählung geschrieben. Aber ansonsten bin ich quasi arbeitslos. Die Monika (Helfer, Schriftstellerin und verheiratet mit Michael Köhlmeier, Anm.) möchte immer sehr schnell fertig sein mit ihren Sachen. Ich mag es, wenn sich ein Projekt über Jahre hinzieht. Im Moment habe ich nichts, was mich über drei Jahre oder mehr beschäftigen könnte. "Matou" ist vergangenes Jahr im Mai fertig geworden. Obwohl ich sagen muss, wenn ich jetzt noch mal die Gelegenheit habe mich mit ihm zu beschäftigen, finde ich das sehr schön.