Können Sie sich Paris Hilton in einem Supermarkt vorstellen? Beim Einkaufen? Die millionenschwere Hotel-Erbin bei der Feinkost? In der neuen Netflix-Dokuserie "Cooking With Paris" gibt es genau das zu sehen: Paris Hilton geht einkaufen und kocht dann zusammen mit ihren Gästen mal mehr, mal weniger komplizierte Speisen. Mal irgendwas mit Marshmallows, mal irgendwas mit Shrimps, mal irgendwas mit vegan. Nicht so wichtig. Im Zentrum stehen hier ohnehin nicht die Speisen, sondern die Garderobe von Frau Hilton.

Inzwischen ist die 40-Jährige zwar von ihrer Einstellung her bodenständiger geworden und sagt Sätze wie: "Ich habe bisher gelebt, als wäre ich immer ein 21-jähriges It-Girl geblieben. Aber jetzt habe ich bald Familie". Doch dem Glamour in ihrem Haus in Los Angeles tut dies keinem Abbruch: "Cooking With Paris" ist mehr Modenschau denn Kochshow, die opulenten Outfits wechseln zu jedem Gang, den Paris zubereitet. Fleisch und Fisch greift sie grundsätzlich nur mit Handschuhen und einem angewiderten Gesichtsausdruck an, und besonders köstlich (sic!) ist ihre Abneigung beim Vollstopfen eines rohen Truthahns mit Äpfeln und Zwiebeln. "Das fühlt sich an, als würde ich einen fetten Typen massieren", ekelt sich Hilton.

Dafür hat sie sich für ihre veganen McDonald’s-Pommes in eine chice Chanel-Schale geworfen, und man lernt, dass in den USA die McDonald‘s-Pommes - anders als in Europa - eben nicht vegan sind, weil sie in Rinderfett frittiert werden.

Als Sous-Chefinnen assistieren Paris ihre prominenten Freunde. Mit Kim Kardashian macht sie Frühstücksgerichte und jubelt: "Jeder kann kochen". Sogar Paris Hilton. Die Selbstironie kommt dabei nie zu kurz, schließlich ist das It-Girl seit jeher gerne als Lachnummer diskreditiert worden - und hat genau daraus, aus diesem Dummchen-Image, Kapital geschlagen. "Cooking With Paris" ist da keine Ausnahme: Das It-Girl ist nicht erwachsen geworden, es steht halt nur in seiner 500.000-Dollar-Küche anstatt im It-Club.

Es geht einzig und allein um: Paris Hilton

Die neue Netflix-Kochshow führt das Genre zu einem bisher ungekannten Tiefpunkt. Im Supermarkt fragt Paris den Verkäufer: "Wie sieht Schnittlauch aus, und wofür verwende ich den?" Es geht hier schon längst nicht mehr um Rezepte zum Nachkochen oder um die Kunst, Zutaten zu einem lukullischen Genuss zu vermengen, sondern einzig und allein: Um Paris.

Dabei haben Kochsendungen nicht nur eine große Tradition im TV - sie sind so alt wie das Fernsehen selbst - sondern verfolgten durchaus zuweilen einen Bildungsauftrag. "Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch" hieß eine 15-minütige Sendung, in der ein gelernter Schauspieler immer freitags einfache Rezepte wie Toast Hawaii oder Rumtopf präsentierte. Das war in den 1950ern, Wilmenrod begrüßte sein Publikum mit Sätzen wie "Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus" und brachte seine bescheidene Kochkunst mit großem Charme vor. Was die Zuschauer nicht wussten: Seine Ehefrau Erika musste ihren Mann im Studio via Papptafel ans Umrühren und Salzen erinnern. Bald warf man Wilmenrod mangelnde Professionalität und Schleichwerbung vor, und so flog der erste deutschsprachige Fernsehkoch 1964 aus dem Programm.

So richtig zum Massenphänomen wurden die Kochsendungen Mitte der 1990er Jahre, als man mehr und mehr Show-Elemente integrierte: Mit "alfredissimo" wurde der kürzlich verstorbene Alfred Biolek ab 1996 zum Kult-Star, der sich mit seinen prominenten Gästen regelmäßig verplauderte und dabei gefühlte zwei Flaschen Rotwein leerte. Legendär war auch "Lanz kocht", wo Talker Markus Lanz jeden Freitag spät Nachts mit fünf Promi-Köchen das Kochen beinahe zu einer intellektuellen Kunstform hochstilisierte.

Nicht weniger kultig war Reiner Calmund, als er noch wirklich gewichtig war und sich bei der "Kocharena" regelmäßig über die Nachspeisen hermachte, während sein Jury-Kollege, Gastrokritiker Heinz Horrmann, über die Geschmacklosigkeiten am "grünen Teller" nörgelte. In Österreich sorgte das wortlose "Silent Cooking" im Nachtprogramm für Appetit, aber die stets verdreckten Fingernägel des Kochs eher nicht. "Das perfekte Dinner", "Lafer! Lichter! Lecker!" oder "Schmeckt nicht, gibt‘s nicht" mit Tim Mälzer waren ebenfalls Quotenhits und machten Appetit, doch das Genre ist just mitten in der Pandemie, in der so viele Menschen wie noch nie am eigenen Herd stehen, in einer tiefen Krise. Das liegt auch am Unvermögen vieler Protagonisten: Tim Mälzer ist als Unternehmer durch die Corona-Schließungen seiner Restaurants schwer angeschlagen, Horst Lichter schmunzelt heute lieber über Antiquitäten in "Bares für Rares", anstatt in der TV-Küche zu stehen. Ja, selbst die Gottheit unter den (bayerischen) Fernsehköchen liegt darnieder: Sterne-Koch Alfons "Da gehört noch mehr Koriander nei" Schuhbeck musste im Juli dieses Jahres für seine Restaurantbetriebe Insolvenz anmelden, ebenfalls wegen der Corona-Schließzeiten. Seine Gewürzsparte bleibt ihm erhalten, doch die rangiert inzwischen vermehrt im Aldi-Regal für Sonderangebote und Restposten.

Die Kochshows leiden unter Innovationslosigkeit

Woran liegt die Flaute bei den TV-Kochshows, wo es doch so viele davon gibt wie noch nie? Die Antwort liegt wohl an der Absenz von Innovation: Zwar bestreitet "Grill den Henssler" noch immer den Hauptabend, doch die Sendung, die auf der Idee eines Kochduells zwischen Profikoch und Laie basiert, ist seit 20 Jahren kaum variiert worden, und mit dem vorlauten, eitlen und eingebildeten Steffen Henssler ist der Feschak nicht unbedingt ein Sympathieträger. Die Dauerbrenner "Küchenschlacht" oder "Kitchen Impossible" basieren ebenfalls auf der ausgelutschten Duell-Idee. Wer also rettet das Genre? Paris Hilton mit ihrer Modeschau bestimmt nicht. Neuerdings versucht sich gar ZDF-Chefsatiriker Jan Böhmermann als TV-Koch: "Böhmi bruzzelt", ein Füller für die Sommerpause seines "Magazine Royale", wird als "Koch-Talk" bezeichnet, und tatsächlich bringt Böhmermann hiermit nicht die Intellektualität zurück ins Genre, sondern ist so seicht und belanglos wie nie zuvor in seiner TV-Karriere.

Die wahren Innovationen finden ohnedies längst woanders statt: Nämlich in der Handy-App TikTok: Dort, wo Milliarden kurze User-Filmchen allerlei Blödsinn verbreiten, haben sich Kochvideos einen enormen Anteil am Content erarbeitet: Man sieht dann, wie irgendwelche Teenager irgendwo auf der Welt irgendwelche Zutaten in eine Schüssel knallen, Obers drübergießen und Käse draufstreuen, und ab damit ins Rohr. Am Ende kommt dabei immer "die beste Pasta der Welt" heraus, garantiert.

Aber wer braucht schon das Gelaber und die Kochduelle, wenn man auf diesem Wege auch ganz herrliche Rezepte findet, für selbstgemachtes Baguette, Gulasch oder ein Schnitzel. Die, die nicht kochen können, können es nach einer Stunde TikTok mit Sicherheit.

Und wer soll das alles essen? Eine gute Frage. Natürlich hat Paris Hilton die Antwort darauf: Sie isst es nämlich selbst. Ehrlich! "Kochen ist so anstrengend wie Cardio-Training", seufzt Paris. Was auch der Grund sein dürte, weshalb bei der ultraschlanken It-Oma das üppige Selbstgekochte einfach nicht ansetzen will.