Es war die erste Umarmung in fünf Monaten. Wohl nicht nur für die 85-jährige Rosa Luzia eine schmerzlich vermisste Geste in pandemischen Zeiten, nach langen Wochen der absoluten Isolation. Möglich gemacht hat diesen Akt der Menschlichkeit - noch lange vor den ersten schützenden Impfdosen - ein Stück Plastik im Türrahmen eines brasilianischen Altenheimes, der sogenannte "Hug Curtain", der Umarmungsvorhang. Eingefangen hat diesen hochemotionalen Moment im August 2020 der dänische Fotojournalist Mads Nissen - mit einem ikonografischen Bild, das nicht nur um die Welt ging, sondern auch zum besten Pressefoto des Jahres gekürt wurde.

"The first embrace", die erste Umarmung hat Mads Nissen sein preisgekröntes ikonografisches Bild aus einem Altenheim in Brasilien betitelt. Es ist im August 2020 entstanden. 
- © Mads Nissen / Politiken / Pano Pictures

"The first embrace", die erste Umarmung hat Mads Nissen sein preisgekröntes ikonografisches Bild aus einem Altenheim in Brasilien betitelt. Es ist im August 2020 entstanden.

- © Mads Nissen / Politiken / Pano Pictures

Die Pandemie und ihre Folgen prägen auch einige der weiteren ausgezeichneten Fotoarbeiten von 2020, die das Westlicht in einer konzentrierten Leistungsschau der Pressefotografie noch bis 24. Oktober zeigt.

Für sein Preisträgerfoto, erzählt Mads Nissen im Gespräch am Rande der Ausstellungseröffnung in Wien, ist er im August 2020 nach Brasilien gereist. Bei der dabei entstandenen mehrteiligen Foto-Story hat er am ersten Höhepunkt der Pandemie Friedhöfe besucht, die wie "riesige Baustellen mit aufgerissener Erde" wirkten, ist mit der Ambulanz in Spitäler gefahren, hat Intensivstationen besucht, Schwerkranke und Sterbende in notdürftigen Behelfsspitälern und in ihren Wohnungen.

Tödliche Umarmungen

"Das waren sehr harte Momente", blickt Nissen auf diese Reise zurück: "Da gab es Großeltern, die von ihren Enkeln angesteckt wurden und an Covid-19 starben. Eine Umarmung entwickelte sich zu einer ernsten, ja gar tödlichen Sache in dieser Pandemie." Was Mads Nissen nach diesen Einblicken in Krankheit und Leid fehlte für seine Fotogeschichte, war ein Augenblick der Zuversicht, ein Schimmer von dem, was "wir von Lateinamerika lernen können, von dieser Fähigkeit, noch in den dunkelsten Momenten mit Leidenschaft zu kämpfen, die Hoffnung nicht aufzugeben". Gefunden hat der Fotograf diesen Moment in einem Altenheim in Sao Paolo, in der durch Plastik geschützten innigen Umarmung zwischen einer Krankenschwester und einer isolierten Heimbewohnerin.

Mads Nissen(geboren 1979) ist ein dänischer Fotojournalist. Seine Bilder erscheinen in der Tageszeitung "Politiken" sowie international in Zeitungen und Zeitschriften. 2015 und 2021 wurde er für das World Press Photo des Jahres ausgezeichnet. Morten Rode - © POLFOTO
Mads Nissen(geboren 1979) ist ein dänischer Fotojournalist. Seine Bilder erscheinen in der Tageszeitung "Politiken" sowie international in Zeitungen und Zeitschriften. 2015 und 2021 wurde er für das World Press Photo des Jahres ausgezeichnet. Morten Rode - © POLFOTO

Was das "The first embrace" betitelte Bild für den Fotografen so speziell macht? "Diese Umarmung ist nicht nur eine Geste zwischen Rosa und Adriana, sie steht auch für die lange vermisste Umarmung unserer Eltern, unserer Kinder. Es ist ein Moment, in den jede und jeder hineinspüren kann." Die Serie, zu der das Bild gehört, trägt den Titel "Brazil ravaged by ‚the small flu‘" - Brasilien durch "die kleine Grippe" verwüstet. Ein Titel, den Mads Nissen absolut als politisch versteht, als tragisch-zynische Kritik an der "machohaften Ignoranz" von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der Covid-19 in dem schwer von der Pandemie getroffenen Land als kleine Grippe verharmloste.

Foto-Reportagen sind Nissens Spezialgebiet: "In Bildern erzählte Geschichten geben die Vielschichtigkeit, die Komplexität eines Themas wider, geben der nüchternen Distanz und der ganz nahen Emotion Raum." Um das objektive Abbilden von Wirklichkeit geht es dem Dänen dabei nicht: "Meine Arbeit wurzelt im Ethos des Journalismus. Sie ist subjektiv, wie alles, an dem ein Mensch beteiligt ist, spiegelt eine Haltung wider."

Ein gelungenes Foto ist für Mads Nissen, immer verdichtete, ja eingefrorene Emotion: "Doch es ist noch so viel mehr als das. Jedes gute Bild hat viele Dimensionen, schafft eine Resonanz im Betrachter, bricht etwas auf, trifft das Auge, das Herz und das Hirn." Warum er sich gerade für den Fotojournalismus entschieden hat? "Ich könnte viel mehr Geld verdienen, wenn ich schöne Autos und Frauen im Studio ablichten würde", lacht Nissen, "ungefährlicher wäre es auch! Doch das ist nicht, was ich möchte. Ich glaube an die Kraft der Fotografie, daran, dass man mit Journalismus einen Unterschied machen, ja in kleinen Schritten ein Stück weit die Welt verändern kann."

Fokus auf dunkle Themen

Mit dem World Press Siegerfoto von 2015 sei ihm das ein Stück weit gelungen, berichtet er. Das dabei prämierte Foto eines homosexuellen Pärchens aus Moskau in einem Moment der Intimität, ist Teil einer Serie über Homophobie in Russland. "Menschen aus aller Welt haben mir geschrieben, dass ihnen meine Bilder Mut gemacht hätten, ihre sexuelle Identität anzunehmen und zu leben. Das hat auch mir Kraft gegeben."

Nissen nimmt sich viel Zeit für die Recherche, plant Reisen minutiös, schießt viele Bilder und nimmt sich viel Zeit für die finale Auswahl. Empathie ist für ihn der Schlüssel zu einem guten Bild. Und Intuition: "Du musst den Moment einfangen, er ist schneller vorbei, als du denkst."

Syrien, Ebola, Corona, Überbevölkerung - es sind die dunklen Seiten des Lebens, die Nissen beruflich anziehen. Warum das so ist? "Die harten zeitgenössischen sozialen Themen - das ist, wo ich gebraucht werde." Als Nächstes steht die Klimakrise auf Mads Nissens Agenda, ein besonders komplexes Thema. "Denn es geht darum, nicht nur die Folgen aufzuzeigen, sondern sie Betrachter auch fühlen zu machen. Erst dadurch ist Veränderung möglich."