Einen Mangel an Außerirdischen gab es ja in den mittleren 80er Jahren nicht. Da gab es den mit dem großen Kopf und den traurigen Augen, der "nach Hause telefonieren" wollte. Da gab es schleimige Gesellen, die sich gerne in Bäuchen einnisteten. Man konnte es mitunter sogar mit außerirdischen Kohlköpfen in puffärmeliger Polyester-Plastik-Uniform zu tun bekommen, aber da musste man schon Louis de Funès ("du Mars-Heinrich") sein. Und es gab die Typen mit der markanten Stirn, der Vorliebe für exzentrische Schwerter und einer Sprache, die klingt, als würde man ein Pumuckl-Hörspiel rückwärts abspielen. Was es bis dahin nicht gab, war ein Außerirdischer mit superflauschigem Fell (ja, gut, außer Chewbacca und den Ewoks) und einem Mundwerk, das man einmal extra erschlagen muss, wenn er stirbt.

Das war ALF. Vor genau 35 Jahren landete die fellige Plaudertasche via Dach in der Garage der Familie Tanner. Er schaffte es übrigens in den über hundert Folgen der Serie noch ein paar Mal mehr, diese Garage zu zerstören. ALF war, sagen wir einmal, nicht gerade für feinmotorisches Geschick bekannt. Das ist auch schwer, wenn man über die Physiognomie einer Mischung aus Orang-Utan und Ameisenbär verfügt. Das hat offenbar auf seinem Heimatplaneten Melmac nicht gestört. Dort hat ALF noch einen richtigen Namen gehabt - ALF steht ja nur für Außerirdische LebensForm -, nämlich Gordon Shumway. Melmac gibt es freilich nicht mehr, der Planet hat das Zeitliche gesegnet, als alle Melmacer gleichzeitig ihre Föhns eingeschaltet haben - man sieht, Flauschigkeit ist nicht immer von Vorteil für den Erhalt einer Spezies.

Katze à la carte

Apropos knuspriger Pelz: Dass die Lieblingsspeise von ALF Katze ist, ist weithin bekannt. Unvergessen jene Szene, in der er dem Hauskater der Tanners, Lucky, mithilfe einer Pendelhypnose weismachen will, er sei ein Krapfen. Wenige wissen, dass aber auch Hunde auf Melmac eine Spezialität waren. Dem Restaurantbesitzer Joe wurde nämlich zum Verhängnis, dass er statt des versprochenen Schäferhundes nur Frolic aufgetischt hat. ALF erzählt tausend solche Anekdoten, nicht immer sind sie solche Tabubrecher wie die Haustier-Kulinarik, aber fast immer mit herzerfrischendem Überraschungseffekt. Melmac erweist sich als eine Art verkehrte Welt, in der zum Beispiel Gold nichts wert ist, dafür Schaum das Kostbarste, was man sich vorstellen kann. Immerhin, es gab auch eine Nationalbibliothek auf Melmac. Leider hat es bei einem Brand alle beiden Bücher darin erwischt - "und eines war noch gar nicht ausgemalt".

ALF war nicht der erste Außerirdische, der unverhofft auf der Erde unter Menschen gelandet war, aber er war der erste, der sich so richtig schön behaglich eingenistet hat. Wie ein WG-Mitbewohner, den man um jeden Preis verhindern will, weil: Er zahlt keine Miete, er frisst dauernd den Kühlschrank leer, er bestellt ungefragt Sachen beim Shoppingsender, er macht ständig etwas kaputt, er hat ohne Unterlass einen obergscheiten Spruch auf Lager, er macht ständig etwas kaputt, er beleidigt permanent irgendjemanden, am liebsten die eh auch nicht so höfliche Großmutter mütterlicherseits, hat Tischmanieren, die nicht außerirdisch, sondern unterirdisch sind, und naja, er macht ständig etwas kaputt. Nicht ohne Grund pflegte also Oma Shumway zu sagen: "Schau niemals zurück, du ersparst dir den Blick ins Chaos."

Außerdem muss er versteckt gehalten werden, weil - man kennt die Bedrohungssituation für Aliens aus dem Kultfilm "E.T." - die "US-Behörden" ihn bei Entdeckung sezieren würden. Das bedeutet, dass die diversen Malheure, die ALF verursacht und die einer noch so kleinen Öffentlichkeit bekannt werden, von Familienvater Willie auf sich genommen werden müssen. Der bald einen Ruf als mindestens schwerer Alkoholiker hat. Die maximal mit in sich hinein explodierender Wut unterbrochene Langmut dieses Mannes war das größte Wunder in dieser Serie. Max Wright ist 2019 verstorben - wohl auch ein Grund, warum eine vor wenigen Jahren angekündigte Neuauflage von "ALF" abgesagt wurde. Ein anderer wahrscheinlich die woke Political Correctness, die respektlose Gags wie damals ohnehin verunmöglicht. Das geht heute nur mehr im Netz, da darf ALF auf einem Meme sagen: "Ich habe alle eure Katzenbilder gesehen und ich habe ein Rezept für jedes davon!"

Der Anti-Bill-Cosby

Der anarchische Unterton war Erfolgsfaktor - und kein Zufall. Denn ALF wurde ganz bewusst als Gegenentwurf zu den in den 80ern so beliebten Familien-Sitcoms konzipiert. Nicht umsonst erinnert das Mittelklasse-Haus der Tanners frappant an die elegante Wohnung der Cosbys aus der "Bill Cosby Show". Nur dass dort niemals jemand auf die Idee gekommen wäre, erst beherzt beim Abendessen zu rülpsen und dann donnergottgleich über einen eigenen mehr als halbseidenen Witz zu wiehern ("Ich lach mich tot"). Die Ironie des Schicksals ist ja nun, dass die "Bill Cosby Show" heute nicht mehr salonfähig ist, weil sich der Mensch Bill Cosby noch viel schlimmer benommen haben soll als der Außerirdische ohne Kinderstube.

Noch lange bevor Samuel P. Huntington den Begriff "Clash of Civilisations" prägte, zeigte ALF, dass man nicht immer alle Eigenheiten einer anderen Kultur verstehen muss - wie in der Szene, in der Willie ALF ein Puzzle zum Zeitvertreib gibt, der sich beschwert, dass es kaputt ist, worauf ihm Willie erklärt, dass er es ja auch zusammensetzen soll, was ALF entgegnen lässt: "Warum, ich habe es ja nicht kaputtgemacht." Das ist schon erwähnenswert, weil, wie gesagt, ALF machte sehr viel kaputt.

ALF sollte nicht der letzte Außerirdische unter Menschen bleiben. Im Fernsehen ragt die Serie "Hinterm Mond gleich links" heraus, in der das Aufeinandertreffen (und Auseinanderklaffen) von Mensch und Außerirdischem durch den Bonus, dass die Außerirdischen Menschengestalt angenommen hatten, noch bizarrer wurde. Auch der Disney-Film "Lilo & Stitch" brachte einen verhaltensauffälligen Alien in die Gesellschaft eines Mädchens: Von der mangelnden Kultiviertheit war das rabiate Miniaturmonster ALF nicht unähnlich, auch für Popkultur konnte sich Stitch sowie sein felliger Vorgänger erwärmen - vor allem für heiße Rhythmen von Elvis Presley.

Das Puzzle hat ALF übrigens dann aufgegessen.