Soziale Netzwerke haben vergleichbare gesellschaftliche Nebenwirkungen wie Alkohol und Facebook verhalte sich im Umgang mit Instagram wie die Tabakkonzerne vor ein paar Jahrzehnten zu der Gesundheitsgefährdung durch Zigaretten. Dies ist die Kurzzusammenfassung zahlreicher Artikel in US-Medien, die sich aktuell mit einem unveröffentlichten, internen Dokument von Facebook zu den Gefahren und Auswirkungen von Instagram auf junge Menschen befassen.

"Wenn Sie der Meinung sind, dass R. J. Reynolds mehr Wahrheit über den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs hätte sagen sollen, dann sollten Sie wahrscheinlich auch glauben, dass Facebook mehr über den Zusammenhang mit Depressionen bei Teenagern sagen sollte", sagte Jean Twenge, Professorin für Psychologie an der San Diego State University, jetzt dem "Wall Street Journal", das die internen Dokumente veröffentlichte.

Der US-Tabakkonzern Reynolds wusste, wie gefährlich Rauchen für die Gesundheit ist. In der Öffentlichkeit hielt das Unternehmen sein Wissen aber absichtlich zurück. Deshalb wurde Reynolds im Jahr 2014 dazu verurteilt, der Witwe eines Kettenrauchers Schadenersatz in Milliardenhöhe zu bezahlen. Warum der Vergleich mit der Tabakindustrie und die Vorwürfe an Facebook? Weil das Soziale Netzwerk weiß, dass die App des Tochterkonzerns Instagram negative Auswirkungen auf die Psyche junger Nutzer haben kann. In der öffentlichen Kommunikation verschleiert Facebook die Ergebnisse allerdings.

Zigaretten und Facebook

Die internen Dokumente zeigen, dass Facebook seit mindestens drei Jahren zu den psychischen Auswirkungen von Instagram forscht. Der Konzern hat groß angelegte Umfragen sowie Tagebuchstudien durchgeführt. Und gerade für junge Frauen kann Instagram den Ausschlag für psychische Probleme liefern. "Wir verschlimmern bei jedem dritten Mädchen im Teenageralter die Probleme mit dem Körperbild", heiße es in einer Präsentation des Konzerns aus dem Jahr 2019. Daten aus dem vergangenen Jahr bestätigten das Ergebnis. Eine Umfrage aus dem Jahr 2020 zeigt, dass es jungen Männern ähnlich gehe: 40 Prozent der befragten männlichen Teenager gaben an, dass Vergleiche auf Instagram ihr Körperbild negativ beeinflussten.

Body Positivity - also die Darstellung nicht so perfekter Körper oder von Menschen, die dem gängigen Schönheitsideal weniger entsprechen, ändert daran wenig. Es sind Influencer, die vor der Kamera trainieren, Essen und für Lifestyle-Produkte Werbung machen. Lachende, glückliche Menschen in der Traumblase, jeden Tag stundenlang vor den Augen von Jugendlichen. "32 Prozent der Mädchen im Teenageralter sagten, dass sie sich bei Instagram schlechter fühlten, wenn sie sich schlecht fühlten", schrieben die Autoren in einer Präsentation des "Wall Street Journal".

Sucht und Soziale Netze

"Sie fühlen sich oft ‚süchtig‘ und wissen, dass das, was sie sehen, schlecht für ihre psychische Gesundheit ist, fühlen sich aber nicht in der Lage, sich selbst zu stoppen." Man muss auch sagen, dass es in der Untersuchung positive Effekte von Sozialen Netzwerken zu berichten gab, vor allem auch in Pandemiezeiten. Denn da erfolgte die Vernetzung der Jugendlichen nicht nur über Videotelefonate, sondern auch Soziale Netzwerke. Aber, so warnen US-Psychologen - in einem jüngeren Alter kann es schwierig sein, einen Schritt zurückzutreten und zu erkennen, dass die meisten Dinge, die in den Sozialen Medien veröffentlicht werden, nur die Höhepunkte des Lebens anderer sind - und nicht alles enthalten, was hinter den Kulissen passiert. Das kann das Identitäts-, Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl von Jugendlichen und jungen Erwachsenen beeinträchtigen.

Es gibt noch vieles, was wir nicht darüber wissen, wie sich die Nutzung Sozialer Medien auf lange Sicht auf das Leben von Teenagern und jungen Erwachsenen auswirken wird, aber einige neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass dies ihrer psychischen Gesundheit und ihrem Wohlbefinden schaden kann. Und Experten für psychische Gesundheit sind besorgt über einige der einzigartigen Belastungen, die Soziale Medien für diese Altersgruppe darstellen.

Soziale Netzwerke sind also durchaus mit anderen Genussmitteln zu vergleichen, so der Tenor. Es kommt, wie bei Alkohol, auf die Dosis an. Der Mythos, dass diese Unternehmen die Welt "besser" machten, diente jahrelang als eine Art Naturallohn für deren Angestellte. Sie konnten gut schlafen und im Spiegel lächeln, indem sie glaubten, dass ihre Dienste und Geräte die menschliche Situation verbesserten. Es scheint nun so zu sein, dass es in absehbarer Zeit noch weitere interne Dokumente aus der IT-Branche geben wird, die an den Grundfesten und der Eigendefinition der großen Konzerne nagen werden.