Es war wohl einer der Punkte im Konzept des kürzlich neu bestellten ORF-Generaldirektors Roland Weißmann, der am meisten überraschte. Dort war sinngemäß zu lesen, dass FM4 seine Aufgabe als Jugendsender des ORF nicht erfülle und sein Publikum zu alt sei. Eine Reform wieder hin zu einem echten Jugendsender sei daher anzudenken. "In seiner Ausrichtung als Jugendradio verfehlt FM4 sein Mission Statement und ist in der erreichten Zielgruppe zu spitz positioniert", so der Autor des Konzepts. Es gelte, FM4 nach 25 Jahren "neu zu denken und mit der Entwicklung des ORF-Players und einer neuen Social-Media-Strategie zu synchronisieren".

Das liest sich nicht nur wie ein frontaler Angriff auf FM4, das wurde auch durchaus als solcher wahrgenommen. Die Frage ist: Wie kam es dazu, und wie kommt man auf diese Idee? Dazu kann es hilfreich sein, zu wissen, woher denn die Ideen kamen, die im Konzept Weißmanns vorgestellt wurden. Es ist schließlich üblich, dass solche Konzepte mehrere Autoren haben und Kandidaten sich durchaus Input von Fachexperten holen.

Das ist völlig normal und nicht weiter verwerflich. Niemand ist Experte für alles. Und Weißmann ist kein ausgewiesener Radio-Fachmann, daher liegt es auf der Hand, dass die Inhalte mitunter Ideengeber haben. Mit der Sache vertraute Personen nennen das Umfeld der Spitze von Ö3 als Impulsgeber für diesen Teil des Weißmann-Konzepts. Immerhin war ja auch Ö3-Chef Georg Spatt für eine Funktion in Weißmanns Team für die Geschäftsführung vorgesehen, bevor Spatt überraschend eine Absage erteilte.

So gelesen ergibt das alles viel mehr Sinn. Schließlich gab es zwischen FM4 und Ö3 schon seit der Gründung Abstimmungsfragen, die nicht immer in völliger Harmonie ausgetragen wurden. So ist der Vorwurf von Ö3, wonach FM4 der Cashcow des ORF das wertvolle junge Publikum entziehe, so alt wie der Sender selbst. In diesem Umfeld betrachtet, wirkt der Angriff auf FM4 eher wie ein Entlastungsangriff für Ö3. Denn FM4 hat das jüngste Publikum aller ORF-Sender, jünger als Ö3 und Ö1. Zudem hat FM4 in der jungen Zielgruppe zuletzt gewonnen, während Ö3 verloren hat. Die polemische Frage ist also: Wieso ist das junge Publikum nicht auf Ö3, wenn es bei FM4 doch nicht ist?

Die Jungen sind bei Streaming

Die Antwort ist einfach, aber auch traurig für alle: Die Jungen sind für keinen der Sender mehr wirklich gut erreichbar. Das liegt daran, dass die unter 30-Jährigen an sich kaum noch Radio hören. Sie holen sich ihre Musik über Streamingdienste wie Spotify und ihre Anregungen von TikTok oder YouTube. Das Smartphone ist hier das Gerät der Wahl - und schon lange nicht mehr das Radio.

Wollte man diese abtrünnigen Jungen wirklich wieder zurück zum ORF-Radio holen, wäre es auch mit der radikalsten aller denkbaren Reformen nicht getan. Man müsste Basisarbeit leisten und den Jungen das Medium Radio an sich wieder näherbringen. Es steht zu befürchten, dass keine Marketingmaschine, die der ORF zur Verfügung hat, stark genug für so eine Herkules-Aufgabe ist. Hieße das doch nichts weniger, als gegen einen weltweiten Trend anzukämpfen.

Viel effizienter scheint es da, die innovative Kraft statt in eine teure, langwierige und für das Stammpublikum destruktive FM4-Reform in neue Funktionen der ORF-Player-App zu investieren. Diese soll ja auch Audio-Streaming anbieten. Das ermöglicht, das junge Publikum mit schon verinnerlichten Technologien abzuholen: mit neuen und auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Streaming-Inhalten. Freilich nur, sofern eine Novelle des ORF-Gesetzes das zulässt.