Es ist so schön im Silicon Valley, in Nordkalifornien. Dort, wo die Sonne immer scheint, die Start-ups in ihren Garagen mit Ideen nur so um sich werfen. Wo Großkonzerne immer noch den Garagen-Geist in sich tragen und alles gut ist. Man kann sich zwar keine Wohnungen in der Gegend leisten, aber dafür gibt es immer kostenlose Getränke. Es ist ja auch nicht so, dass Start-ups nicht möglichst schnell um viel Geld aufgekauft werden wollen.

Nein, natürlich will man stets immer nur die Welt verbessern. Obwohl, ab einer gewissen Größe scheint auch die Erde nicht mehr so interessant, da möchte man mit Microdosing - niedrig dosiertem Drogenkonsum - seinen Geist erweitern, Krankheiten, ja sogar den Tod überwinden und dann möglichst weit und schnell ins All fliegen. Auch das wäre in Ordnung, wenn man dazu stehen würde, aber die großen Techkonzerne schaffen es einfach nicht zu sagen, dass es um Geld geht. Es geht um die Rettung der Welt, um eine bessere Zukunft und um die Menschen, heißt es.

Probleme im Inneren nehmen zu

Aber die glänzende Fassade, sie bröckelt ab. Es ist nicht einmal mehr notwendig, dass man auf die Dauerthemen Datenschutz, Steuerabgaben, Monopole, Manipulation und Konsumentenrechte eingeht. In diesen Bereichen wurde viel geredet, noch mehr liegt sichtbar auf dem Tisch und dennoch gehen die Änderungen nur sehr zäh von der Hand. Wenn überhaupt. Die neue große Bedrohung für die Scheinwelt der IT-Konzerne sind deren eigene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Nicht die Leih- und Zeitarbeiter, auch nicht die Fabriksarbeiter in Asien oder gar Kinderarbeiter in den Bergwerken - auch all das kennt man und es hat niemanden bisher allzu sehr verstört. Nein, es sind jene Mitarbeiter, die in den Konzernzentralen nun nicht mehr der funkelnden Scheinwelt und den Self-Made-Milliardären huldigen, sondern Missstände aufdecken wollen.

Im Falle von Facebook ist dies aktuell Ex-Mitarbeiterin Frances Haugen, die vor dem US-Senat meinte: "Das Führungsteam des Unternehmens weiß, wie man Facebook und Instagram sicherer machen kann, aber nimmt die notwendigen Veränderungen nicht vor, weil es die astronomischen Gewinne über die Menschen stellt." Haugen verwies auf die schädlichen Einflüsse des Netzwerks auf die geistige Gesundheit von Kindern. Facebook "agiert im Verborgenen". "Das Argument, dass wir absichtlich Inhalte fördern, um Menschen für Geld wütend zu machen, ist zutiefst unlogisch", schrieb Firmenchef Mark Zuckerberg in der Nacht auf der eigenen Plattform. Die Kritik von Haugen ließ er an sich abperlen, nannte ihre Argumente "unlogisch" und sprach von einem "falschen Bild", das gezeichnet werde. Zuckerberg wies die Vorwürfe zurück, das weltgrößte soziale Netzwerk fache aus Gewinnsucht die Wut seiner Nutzer an. "Wir verdienen Geld mit Anzeigen, und die Werbekunden sagen uns immer wieder, dass sie ihre Anzeigen nicht neben schädlichen oder wuterregenden Inhalten sehen wollen." Er kenne keinen Tech-Konzern, der Produkte herstelle, die Menschen wütend oder depressiv machten. Vermutlich hat Zuckerberg noch nie mit geplanter Obsoleszenz oder nicht mehr updatebaren Handys zu tun gehabt, aber das ist ein ganz anderes Thema.

Vorurteile bei Gesichts- und Spracherkennung

Auch Margaret Mitchell und Timnit Gebru, Leiterinnen, Pardon, ehemalige Leiterinnen von Googles Ethik-Team rund um Künstliche Intelligenz sind zu nennen. Beide wurden entlassen, weil sie gegen Googles Verhaltensregeln verstoßen haben, so die offizielle Erklärung. Gebru wies vor ihrer Kündigung darauf hin, dass es bei KIs zu Vorurteilen käme, wenn es um Gesichts- oder auch Spracherkennung geht. Mitchell suchte nach der Entlassung ihrer Kollegin mittels eines selbstgeschriebenen Programmes in den Google-Mails nach Hinweisen auf Diskriminierung von Gebru und wurde ebenfalls gekündigt.

Amazon-CEO Andy Jassy erklärte diese Woche, dass sein Konzern doch noch einiges tun könnte, um die Mitarbeiter besser zu behandeln. "Wenn man bedenkt, wie viele Menschen bei uns arbeiten - wir haben 1,2 Millionen Angestellte, das ist ja fast ein kleines Land", so Jassy beim GeekWire Summit in Seattle, "dann gibt es viele Dinge, die wir besser machen können." Es ist noch unklar, welche Dinge verbessert werden sollen - die Überwachungen und das Tracking in den Lagerhallen, die nicht ausreichenden WC-Pausen, die kargen Löhne oder der Zwang zu unbezahlten Überstunden oder die Rücknahme ungerechtfertigter Kündigungen.

Gesichtserkennung, Überwachung und wenig Datenschutz - damit die Werbung besser an die Kunden kommt. - © Tony Liao
Gesichtserkennung, Überwachung und wenig Datenschutz - damit die Werbung besser an die Kunden kommt. - © Tony Liao

Apple - auch hier geht es nicht um die asiatischen Fabrikarbeiterinnen - hat es im letzten Monat auf nicht weniger als 500 Personen, sowohl aktuelle als auch ehemalige Angestellte, gebracht, die von Fällen von verbalen oder sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung, Vergeltung und Diskriminierung am Arbeitsplatz berichten. Auch hier wieder Frauen in der ersten Reihe: Cher Scarlett und Janneke Parrish, zwei Apple-Mitarbeiter, die Mitarbeiter-Aktivisten-Gruppe #AppleToo leiten. Die Liste lässt sich um beinahe jedes bekannte Unternehmen in dieser Branche erweitern.

Was Haugen für Zuckerberg ist Owen Diaz für Elon Musk, den Chef von Tesla. Nicht weniger als 137 Millionen Dollar muss der Konzern seinem ehemaligen Mitarbeiter bezahlen. Der Grund dafür: Diaz wurde im Tesla-Werk täglich rassistisch beschimpft oder beleidigt. Hakenkreuze, rassistische Graffitis und Zeichnungen seien in der Fabrik Alltag gewesen. Diese Summe bezahlen derzeit rund zehn Weltraumreisende, wenn sie mit Musk oder Jeff Bezos in den Himmel düsen wollen, es wird also verschmerzbar sein. Und gleichwohl eine gelungene Überleitung zum Thema Raumfahrt, denn dort verschlägt es die Firmengründer nun hin. Kein Wunder, ist es dort doch wesentlich ruhiger.

Zeit für ein Umdenken in der Branche ist gekommen

Wenn dann sogar schon der ehemalige Microsoft-Chef Bill Gates ausrückt, selbst in der Epstein-Affäre aufgetaucht, um die Beschäftigung von Jeff Bezos und Elon Musk mit dem Weltraum zu kritisieren, dann ist es wahrlich Zeit für ein Umdenken in der Branche: "Ich weiß nicht - ich bin besessen von Dingen wie Malaria und HIV und davon, diese Krankheiten loszuwerden, und wahrscheinlich langweile ich die Leute auf Cocktailpartys, die über Krankheiten reden", sagte Gates, als er im Interview zu seinen Gedanken über einige Milliardäre gefragt wurde. Interesse an der Raumfahrt ist es nicht. "Weltraum? Wir haben hier auf der Erde viel zu tun", so Bill Gates.

Zu viel Macht in den Händen einzelner Konzerne ist nicht gut, aber zu lange abzuwarten, ob eine Veränderung von innen passiert, noch schlimmer. Aber es gibt immerhin Hoffnung, dass die Stimmen in den Konzernen selbst noch lauter und sichtbarer werden.