Es gibt Artikel, die schmerzen beim Schreiben. Nicht, weil das Thema uninteressant wäre, oder gar unwichtig, sondern weil man beim Tippen erkennt, wie wenig Bewegung in einer vorrdergründig so innovativen Branche wie der Mobilfunkindustrie steckt. Dieser Artikel könnte auch vor gut zehn Jahren erschienen sein - ein paar technische Details wären andere, aber die Grundaussage wäre die gleiche: Nachhaltigkeit, Fairness, Konsumenten- und Umweltschutz sind der Mobilfunkindustrie einfach wenig wert. Und leider auch den Konsumenten, wie es scheint. Dennoch, oder gerade deshalb ist es wichtig, dass es Ansätze und Überlegungen, wie beim Fairphone gibt, das soeben in seiner vierten Version in den Handel gekommen ist.

Des Handys Innenleben

Es gibt Dinge bei einem Smartphone, die sieht man nicht: die Produktionsbedingungen etwa. Kinderarbeit, unterbezahlte Fließbandakkordarbeit oder auch die Ausbeutung von Mensch und Umwelt, wenn es um seltene Erden geht. Dann gibt es Dinge, die zeigen die Hersteller nicht. Das wären dann etwa das Innenleben der Smartphones. Nicht, dass es so schön anzusehen wäre, aber wenn man sein Mobiltelefon nicht aufschrauben kann, kann man es auch nicht reparieren und dies bedeutet nicht nur horrende Kosten, sondern auch mehr Elektroschrott. In aktuellen Berichten von Experten zeigen die aktuellen Smartphones von Apple und Samsung maximal eine durchschnittliche Reparaturmöglichkeit - auch andere Hersteller sind hier kaum besser.

Eva Gouwens, CEO von Fairphone, umreißt die Unternehmensziele für das Fairphone 4: "Wir verfolgen einen völlig anderen Ansatz bei der Herstellung von Smartphones - wir verändern die Art und Weise, wie Geräte hergestellt und genutzt werden. Wir stellen die traditionelle Art und Weise, Geräte zu entwerfen in Frage, einschließlich der Vorstellung, dass ein dünneres Handy-Design besser ist. Ausgangspunkt für die Entwicklung war die Herstellung eines nachhaltigen Premium-Smartphones, das zukunftssicher, leicht zu reparieren und auf Langlebigkeit ausgelegt ist und somit kreislauforientierter und fairer ist." Ein Blick auf die Zahlen und Fakten zeigt die Problematik deutlich auf: Die Elektronikindustrie sieht sich mit dem stetig wachsenden Elektromüll konfrontiert, der unter anderem durch die jährlich rund 1,4 Milliarden verkauften Mobiltelefone verursacht wird. Das durchschnittliche Handy hat eine kurze Lebensdauer von zwei bis drei Jahren. Darüber hinaus werden nur 20 Prozent der ausrangierten Telefone recycelt. Diese kurzsichtige Haltung wirkt sich auf alle Bereiche der Industrie und der Lieferkette aus. Außerdem werden für die Herstellung von Smartphones natürliche, begrenzt verfügbare Ressourcen benötigt. Sollte nicht die Hardware selbst veralten, so wird dies durch die Software geregelt, die sich nicht unbegrenzt auf den neuesten Stand bringen lässt. Mittlerweile ist immer mehr Kunden die Updategarantie durch den Hersteller ein wesentliches Kriterium geworden. Aber längst nicht für die Mehrheit. Viele Konsumenten sind zudem mit den vielen verschiedenen Parametern und Möglichkeiten schlicht überfordert. Aus diesem Grund haben führende europäische Mobilfunkprovider das sogenannte "Eco Rating" eingeführt. Die Gesamtwertung für das angebotene Smartphone wird aus Herstellerangaben berechnet. Auffällig ist, dass Apple, Sony und Google nicht mit an Bord sind. Auch der niederländische Hersteller Fairphone steht nicht auf der Liste der Kooperationspartner. Mit dem Projekt kooperieren derzeit zwölf Hersteller von Android-Handys, unter anderem OnePlus, Lenovo (Motorola), HMD Global (Nokia), Oppo, Samsung, Xiaomi und Alcatel. Auf Providerseite beteiligen sich die Deutsche Telekom, Telefonica (O2) und Vodafone an dem Bewertungssystem. Außerdem sind Orange aus Frankreich und Telia Company aus Schweden mit dabei.

Einzelfälle und Ausnahmen

Auch dieses "Eco Rating" zeigt, wie uneins die Branche ist. Einheitliche Stecker sind immer noch nicht zu finden und das, obwohl es seit Jahrzehnten gefordert wird. Das Weglassen von Ladegeräten, das Hersteller allzu gerne mit dem Verweis auf Nachhaltigkeit begründen, ist nicht mehr als ein Feigenblatt oder sogar ein ziemlich dreister, scheinheiliger Schmäh. Die gesamte Elektroindustrie steht natürlich vor diesen Herausforderungen, nicht nur die Smartphonehersteller. Monopolbildungen, Inkompatibilitäten und Ausbeutung sind im Bereich der IT-Industrie stets immanent und werden seit den Anfängen der Branche in Kauf genommen. Auch von Kundenseite dürften diese Übel auf Kosten billigerer Endgeräte in Kauf genommen werden. Wenn man mit einem Smartphone jedoch die 1.500 Euro-Grenze oder mit einem Laptop die 2.500-Euro-Marke überschreitet, sollten faire und nachhaltige Standards eigentlich möglich sein. Aber wie sooft, scheinen die Marktführer hier eher keine Initiativen setzen zu wollen. Als das erste Fairphone 2013 auf den Markt kam, gab es eine Vielzahl von Initiativen, auch von großen Herstellern, wie etwa Google, ebenfalls modulare Smartphones entwickeln zu wollen. Am Ende des Tages blieben wenige Anbieter übrig - Shift und Teracube seien hier ebenfalls lobenswert erwähnt. Allerdings bedeutet modular keineswegs fair und auch umgekehrt. Aber immerhin würde eine modulare Bauweise - und damit die Möglichkeit, einzelne Bauteile auszutauschen, die Lebensdauer eines Mobiltelefons deutlich erhöhen können. Anfang 2020 meldete der chinesische Hersteller Xiaomi ein entsprechendes Patent auf ein modulares Smartphone an, ob es jemals erscheinen wird, ist fraglich.

Die Entwicklungen rund um Corona haben nicht nur bei den Herstellern, sondern auch den Konsumenten Spuren hinterlassen, die einen (kleinen) Umbruch am Markt bringen könnten. Zum einen ist eine gewisse Technikmüdigkeit zu bemerken. Home-Office und Videokonferenzen haben die private Zeit vor dem Handy-Display sinken lassen und zudem sind die Lieferketten immer noch nicht auf dem Vorpandemie-Niveau. Apple kündigte an, dass sein neuestes Smartphone zum Start eher in einer vergleichsweise geringen Auflage erscheinen wird, diese Knappheit könnte auch ein generelles Umdenken einläuten.

Die Idee der modularen und fairen Smartphones ist noch lange nicht gestorben, aber es ist immer noch ein weiter Weg. Das Fairphone zeigt mit jeder Version, wie man den Markt verändern könnte, auch wenn es ein steiniger Weg ist. Man wird sehen, wer in Zukunft mitzieht.