Als der sonst so souveräne Armin Wolf sich etwas unbeholfen zum Rhythmus einer eingespielten Melodie in der "Zeit im Bild 2" mit einer Faust auf die andere klopfte und dann mit seinen Fingern erst nach oben und dann nach unten deutete, dürften viele ältere ORF-Zuschauer erst einmal gestutzt haben. Der Tanz, den Wolf und seine jungen Kollegen aufführten, war aus einer neuen Welt - der von TikTok. Das chinesische Netzwerk ist endgültig in den Nachrichten angekommen. Und zwar nicht mehr nur als Streitpunkt um Datenschutz und Kindersicherheit, sondern als Soziale Plattform, die auch der ORF für sich erobern will.

Denn wer heute mit der Jugend in Kontakt treten will, der macht das über TikTok und nicht mehr über Facebook oder Instagram. Schon längst sind die beiden Netzwerke von Mark Zuckerberg für die heranwachsende Generation zu überfüllt mit den "Alten" - und damit sind längst nicht mehr nur die "Boomer" gemeint, sondern auch Millennials. Neben trendigen Tänzen, Challenges und den obligatorischen Katzenvideos machen sich mittlerweile bei TikTok immer mehr Nachrichtenformate breit.


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"Zeit im Bild" auf Tiktok

"Washington Post" auf Tiktok

"Tagesschau" auf Tiktok

"Zeit" auf Tiktok

"Standard" auf Tiktok

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Fokus auf die Jugend

Vorreiter im westlichen Raum und bereits seit einiger Zeit im Territorium der Generation Z unterwegs: Die "Washington Post", die tagesaktuelle Nachrichten in Sketches verwandelt. Nahbar wie nie sitzt da Journalist Dave Jorgenson allein während der Hochphase von Corona mit dezenten Augenringen in Shorts auf seiner Couch und diskutiert kaffeetrinkend mit drei Versionen seiner selbst (allesamt in edelster Homeoffice-Kleidung, also Jogginghose und bunt gemusterten Wollsocken) über die Wirksamkeit der Covid-Impfstoffe. Der verlotterte Zustand gefiel gut, wahrscheinlich weil alle die Strapazen der Pandemie spürten. So gut, dass die "Post" mittlerweile über eine Million Follower auf der App und einen zweiten Host für das Format angeheuert hat.

Auch deutschsprachige Medien erobern zunehmend die Plattform. Kein anderes ist mit so einem Paukenschlag gestartet wie die "ZiB". Aber statt des "alten weißen Mann(s)", wie Armin Wolf sich selbstironisch nennt, bereiten auf TikTok die 25-jährige Ambra Schuster und der 19-jährige Idan Hanin Nachrichten für eine junge Zielgruppe auf. Ein bis zwei Videos erscheinen aktuell täglich. Darin: Schuster und Hanin, unkompliziert und authentisch. Mal vor einer Pinnwand in den Redaktionsräumen, mal direkt vor der Universität Wien. Nicht in Sakko und Bluse, sondern in Sweatshirt und Jeans. Auch die Inhalte konzentrieren sich auf die Interessen junger Menschen. Sie erzählen über den Semesterstart und über Gratis-Zugtickets innerhalb der EU für Heranwachsende. Das kommt an, die "ZiB" hat nach wenigen Tagen Aktivität schon mehr als 85.000 Follower.

Ganz an die große deutsche Schwester, die "Tagesschau", reichen die Zahlen der "ZiB" aber noch nicht heran. Der Account des deutschen Nachrichtenformats hat aber einen entscheidenden Vorteil: Er war der erste deutschsprachige Nachrichtenkanal überhaupt auf TikTok. Schon im November 2019 startete Journalistin Antje Kießler das Projekt. Das erste Video: ein Sketch, über die Krawatte von "Tagessschau"-Moderator Jan Hofer. Wie erfolgreich sich das Konzept entwickelt hat, zeigt der "Grimme-Online-Award", der im April 2021 für den TikTok-Account an Kießler verliehen wurde.

Vor peppig buntem Hintergrund

Darf man eine Leiche beseitigen? Kann man sich nur von Bier ernähren? Und vor allem: Darf man ohne Hose Auto fahren? Was klingt wie ein Best-of von gutefrage.net, ist ein kurzer Überblick zu den Themen, die das Magazin "Die Zeit" auf TikTok abdeckt. Statt um Breaking News geht es hier um Inhalte, die Dauerbrenner sind. Fast 53.000 Menschen finden das spannend und folgen dem Account. Auch hier ist klar: Die kurzen Videos, bei denen Hosts vor peppig buntem Hintergrund erklären, wie etwa das Liebesleben im Tierreich aussieht oder wie eine Briefwahl funktioniert, richten sich vor allem an Jugendliche.

Aber die "ZiB" ist nicht das einzige Nachrichtenformat Österreichs, das sich auf der Plattform herumtreibt. Auch "Der Standard" ist auf TikTok unterwegs. Dort kümmert sich Social-Media-Managerin Toni Titze um das Format. Statt faktentrocken geht es auch humorvoll zu, und sogar der ein oder andere Blick hinter die Kulissen des Mediums ist drin. Titze integriert gerne Inhalte aus den TikTok-Trends und holt bekannte Lokal-TikToker wie den Rechtsanwalt Patrick Kainz (@lawandbeyond_at) oder Comedian Bruman Rockner (@brumanrockner) für Videos an Bord. Aber für Followerzahlen wie bei der "Zeit im Bild" reicht es dann nicht - aktuell hat "Der Standard" 7.000 Fans auf TikTok.

Die TikTok-Accounts deutschsprachiger Medien vermehren sich rasant. Egal ob Radiosender wie BR24, Zeitungen wie die "Oberösterreichischen Nachrichten", Online-Medien wie "jetzt" von der "Süddeutschen" oder TV-Sender wie RTL2: Alle springen auf den TikTok-Zug auf. Mal mehr, mal weniger innovativ. Die Zugänge sind unterschiedlich, aber das Ziel ist klar: Die Jugend soll wieder mit Nachrichten erreicht werden. Und wenn Journalisten sich dafür zum Hampelmann machen müssen.