Ein Schrei der Begeisterung ging dieser Tage wohl durch die True-Crime-Gemeinschaft, als angekündigt wurde, dass ihr liebster Verbrecher mit dem gewissen Trash-Appeal, Joe Exotic, eine zweite Chance bekommt. Auf Netflix, versteht sich - in Form einer zweiten Staffel von "Tiger King". Im echten Leben sitzt der ehemalige Wildkatzenhalter mit der Vokuhila-Mähne für seinen (gescheiterten) Mordkomplott an seiner Erzfeindin Carole Baskin immer noch hinter Gittern.

Derweil der skurrile Straftäter also weiter hinter den sicheren Mauern der Justizanstalt seine gerechte Strafe fristet, feierten im März 2020 weltweit Menschen das True-Crime-Format auf Netflix und erhoben den verschrobenen Großkatzen-Dompteur zur Kultfigur. Mag sein, dass die beginnende Pandemie samt Lockdown dem Publikum zusetzte und sich deswegen in den ersten vier Wochen allein 64 Millionen Netflix-Nutzer mit solcher Begeisterung darauf stürzten. Aber der "Tiger King" ist im Endeffekt auch nur ein Symptom eines viel größeren Phänomens: Alle Welt scheint fasziniert von True Crime - wahre Verbrechen, appetitlich aufbereitet, in Fernsehsendungen, Podcasts und Büchern.

Mal mehr, mal weniger sensationslüstern

Wöchentlich schießen neue Dokumentationen zu den grausigsten Verbrechen wie Schwammerl aus dem fruchtbaren Boden der Streaming-Anbieter. Netflix ist Vorreiter. Vom weltbekannten "Tiger King", der dank abstruser Charaktere eine gewisse Komik mit sich bringt, bis hin zu wesentlich düstereren Fällen wie dem von Larry Nassar, der sich als "renommierter" Sportarzt an zahlreichen minderjährigen Gymnastinnen verging. True Crime deckt alles im Bereich Verbrechen ab. Mal mehr, mal weniger sensationslüstern.

Auch für unterwegs gibt es mittlerweile die passende Beschallung für Fans des wahren Verbrechens. Auf Spotify, Amazon Music oder SoundCloud - die Podcasts über Mörder, Triebtäter und Räuber erfreuen sich auch auf den Musik-Streaming-Plattformen wachsender Beliebtheit. Ohne blutige Bilder, aber dafür besonders praktisch für unterwegs. Wer will schon auf ein akustisches Schmankerl zu einem obskuren Fall von Kannibalismus in den Achtzigern verzichten, während er morgens mit noch leerem Magen die Öffis nutzt?

Auf Fälle aus Österreich konzentrieren sich Katharina Börries und Hubertus Schwarz, die hinter dem Podcast "True Crime Austria" stecken. Darin befassen sie sich mit wahren Verbrechen aus verschiedensten Jahrzehnten und graben dafür in Archiven nach Informationen. Für Börries erklärt sich die Faszinationskraft der dunklen Materie aus mehreren Perspektiven. Manchmal sei es einfach Neugier, die die Menschen zu Geschichten über wahres Verbrechen ziehe. Manchmal auch der Nervenkitzel, die Geschichte aus der eigenen sicheren Position heraus mitzuverfolgen.

Die Faszination des Bösen mit nützlichen Infos

Studien haben derweil gezeigt, dass gerade Frauen stark von True Crime fasziniert sind. Das entspricht in keiner Hinsicht den gängigen Genderklischees von "Männer mögen Gewalt und Frauen Liebesschnulzen". Die Erkenntnisse der Studie sind aber eher betrüblich. Es ist nämlich nicht einfach nur Sensationsgier, die Frauen zu True Crime treibt. Ihnen geht es beim Konsum unterbewusst darum, zu überleben. Aus den grausigen Taten von Meuchlern, Sexualverbrechern und Entführern ziehen sie nützliche Informationen. Sie lernen über die Motive der Täter und Überlebenstechniken, die sie im Notfall nutzen können, um nicht selbst Opfer zu werden. Nicht wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es allein in Österreich heuer schon 21 Morde an Frauen gab. Allerdings stellte eine andere Studie fest, dass auch Frauen immerhin ein gewisses Maß an Voyeurismus beim Schauen von True Crime antreibt.

Zu Recht äußern viele ihre Bedenken zu True Crimes. Margarete Stokowski schrieb etwa in ihrer "Spiegel"-Kolumne, dass es im Genre neben Einblicken in die Psyche der Täter auch um ein "pietätloses Stochern im Leben der Opfer" ginge. Der Sensationalismus nimmt in vielen Ausprägungen des True Crimes überhand. Rücksicht, Ethik und Moral treten hintenan, wenn dem Menschen nach Eskapismus und Voyeurismus ist. Der Zuschauer dringt in Sphären der Opfer ein, die sie vielleicht nicht einmal freiwillig den Filmemachern überlassen haben - denn die brauchen für die Verarbeitung der Geschehnisse keine Erlaubnis. Und das alles für ein paar Minuten der Sensationsgier.

Warum? Unter anderem, weil der Mensch nur zu gerne daran glauben will, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Weil es dann einen Grund für den Tod des Opfers gibt - eine Mitschuld quasi. Ein gefährlicher und empathieloser Gedankengang, der dazu dient zu rationalisieren, warum man selbst niemals Opfer so eines Verbrechens werden kann. So erklärt es die Psychologin Amanda Vicary. Man wiegt sich auf Kosten der Opfer in Sicherheit. Als Bonus zum übermäßigen Konsum von True Crime gibt es übrigens wachsende Angst vor solchen Verbrechen gratis dazu. Ein guter Deal?

Nicht nur Sensationalismus, auch Gesellschaftskritik

Aber auf den reinen Schockeffekt sollte man das Genre trotzdem nicht beschränken. Es gibt genug Formate, die beweisen, dass es in den Dokumentationen nicht (immer) nur darum geht, möglichst brutale Verbrecher zu porträtieren, sondern auch darum, Gesellschaftskritik zu üben. Kritik am amerikanischen Justizsystem, wenn dokumentiert wird, wie die obdachlose 16-jährige Cyntoia Brown, die sich zum Überleben zwangsprostituieren musste, wie eine Volljährige für den Mord an einem "Freier" verurteilt wird. Dass der sich an einem Kind verging, scheint die Richter wenig zu tangieren.

True Crime scheut sich auch nicht, am Heiligtum vieler zu rütteln: Sport. Es zeigt auch die unterschätzten Gefahren der gefeierten Sportart American Football, wenn NFL-Spieler Aaron Hernandez zuerst einen guten Bekannten ermordet und sich anschließend selbst in seiner Gefängniszelle erhängt - das alles mit ausgelöst durch chronisch-traumatische Enzephalopathie. Eine Erkrankung, geprägt von anfänglichen Kopfschmerzen über Depressionen bis hin zu unkontrollierten Gefühlsausbrüchen und schließlich Demenz. Ein Leiden, das fatale Auswirkungen auf den Sportler und sein Umfeld hatte. Ausgelöst wird diese Erkrankung durch häufige Erschütterungen des Kopfes - wie sie nun einmal in der in Amerika glorifizierten Sportart üblich sind. Ein Thema, das gerne totgeschwiegen wird in der NFL, während die "Stars" weiter tagtäglich unbeirrt die Köpfe aneinanderstoßen.

Systematische Verbrechen an Frauen

True Crime ist in seiner schlimmsten Form banale Sensationsgeilheit, um der kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung willen. In seiner besten Form kann das Genre aber viel mehr. Es hinterfragt alte Urteile, gräbt nach übersehenen Informationen in scheinbar aussichtslosen Fällen und prägt die öffentliche Meinung. Aber vor allem hält es der Gesellschaft einen Spiegel vor - zeigt systematische Verbrechen an Frauen auf, kritisiert Justizsysteme - und stellt die wichtigen Fragen. Schonungslos und ehrlich, wie sonst wenige andere Genres es können. Kein Wunder, dass es fasziniert und polarisiert.