Liebeskummer ist gefährlich. Für Männer. Weil Frauen, vor allem wenn sie schmählich behandelt wurden, da mitunter nicht ganz so differenziert denken. Eher mehr so nach dem Motto: "Alle Männer können sterben gehen!" Das mit den pauschalen Abrechnungen gibt sich meist aber wieder. Und bisher ist die Y-Chromosomenschaft nach jedem Rosenkrieg in ihrer Ganzheit noch einmal davongekommen.

Anders in der Serie "Y - The Last Man", die auf Disney+ zu sehen ist. Da wird die gesamte männliche Säugetier-Bevölkerung der Erde auf einen Schlag ausgelöscht. Warum, ist nicht klar. Aber wenigstens müssen die Männer nicht lange leiden. Wie der Präsident der USA. Erst blutet er nur ein bisschen aus der Nase und sagt noch munter: "Mir geht’s gut", dann sprudelt ihm das Blut schon aus Mund und Co. und gleich wird er nie mehr sagen können, dass es ihm gut geht. So geht es Milliarden anderen. Nur einem einzigen nicht - Yorick. Der leidlich erfolgreiche Zauberer und sein Kapuziner-Äffchen Ampersand (das ist der Name des &-Zeichens) überleben diese ganz und gar nicht genderneutrale Apokalypse.

Es ist ein kleines, aber beachtenswertes Phänomen der vergangenen Jahre, das nun darin kulminiert, dass die Veröffentlichung der Serie "Y - the Last Man" und des ebenfalls männerauslöschenden Pandemie-Romans "Die andere Hälfte der Welt" von Christina Sweeney-Baird zeitlich zusammenfielen. Die Comicreihe, auf der die Serie basiert, ist bereits 2002 gestartet. Noch weit vor einem anderen Mitglied im Club der "Männermörder": Der Roman "Die Gabe" von Naomi Alderman ist 2017 erschienen, in dem Fantasy-Thriller erlangen Frauen die "Superkraft", Männer mit einem neuen elektrischen Körperorgan zu quälen und zu töten.

Es ist nicht das erste Mal, dass dieses Motiv in Film oder Literatur auftaucht - wenn es auch nicht gerade ganz oben steht auf der Apokalypsenhitliste. Stinkt ziemlich ab gegen Alien-Invasion und Naturkatastrophe. Bereits 1915 schrieb die US-amerikanische Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman die feministische Utopie "Herland", in der in einer nur aus Frauen bestehenden Gesellschaft alles Unbill von Krieg bis Unterdrückung einfach nicht mehr existiert. Der polnische Film "Sexmission" aus dem Jahr 1984 ist auch nicht, wonach er klingt: Für einen Porno spielen eindeutig zu wenige Männer mit. Denn die sind in dieser Satire alle in einem Krieg ums Leben gekommen, nun gibt es nur mehr Frauen und die leben in einem totalitären Staat - unter der Erde, denn oberhalb ist alles verseucht. Das wird den beiden "archäologischen Funden" Max und Albert, die sich Jahre zuvor einfrieren haben lassen, zumindest gesagt. Sie sind die einzigen Männer und weil das jetzt a) gesamtgesellschaftlich unpraktisch ist und b) nicht mehr nötig, weil auch die Fortpflanzung ohne viriles Zutun vonstattengeht, sollen sie zu Frauen umoperiert werden. Auf der Flucht davor stellen sie fest, dass die Welt gar nicht unbewohnbar ist und dass die Frau, die als Diktatorin herrscht, auch ein Mann ist. Heimlich bringen sie Sperma in die Befruchtungsfabrik ein und sorgen so dafür, dass bald wieder blaue Babydecken gebraucht werden.

Frauen in Schockstarre

So witzig geht es in den neuen Spielarten der Jagd auf das Y-Chromosom nicht zu. In "Y - The Last Man" taumelt die Welt in der Sekunde, in der die Männer weg sind, ins Chaos. Eine der effektvollen Auswirkungen: Flugzeuge stürzen ab, weil die Piloten spontan ableben. Innerhalb kürzester Zeit bricht die Stromversorgung zusammen und Supermärkte sind leergeplündert. Die Serie wirft nicht gerade ein vorteilhaftes Licht auf das überlebende Geschlecht: In den Straßen stehen Autos mit verwesenden Männerleichen - nicht einmal diese Aufräumarbeiten schaffen die Frauen. Gut, sie würden auch anderswo gebraucht, zum Beispiel als Lkw-Fahrer für die tägliche Versorgung. Aber auch das machen die meisten Frauen in "Y - The Last Man" nicht, denn sie sind auf der Flucht aus den Städten. Diese Dynamik wird hier aber als gottgegeben dargestellt und ist nicht nur aus feministischer Sicht wenig zufriedenstellend.

Endlich Zeit für Frauenforschung

Christina Sweeney-Baird ist da in ihrem Roman "Die andere Hälfte der Welt" (Penguin) aufschlussreicher. Sie widmet den Folgen der männerlosen Welt viel Platz. Noch vor der Corona-Pandemie hat die Britin diese Geschichte über ein Virus, das nur Männer rasch tötet, geschrieben. Frauen sind nicht gefährdet, können diese "Pest" aber weitergeben. Was bedeutet, dass sie ihre Männer und Söhne anstecken und ihnen dann hilflos beim Sterben zusehen - denn die Spitäler nehmen infizierte Männer bald nicht mehr auf wegen Aussichtslosigkeit - die andere Form von Triage.

Der Ausfall der männlichen Bevölkerung passiert nicht so schlagartig wie in "Y - The Last Man", daher sind die Frauen nicht ganz unvorbereitet, als am Ende nur mehr ein Prozent der Männer übrig ist - die Immunen. So werden Frauen bald in systemkritische Berufe umgeschult, die vor allen von Männern ausgeübt werden wie Elektriker, Polizisten oder Soldaten - ähnlich wie während des Zweiten Weltkriegs. Weltpolitische Folgen gibt es auch: Weil die meisten Terroristen Männer sind, hat sich dieses Problem erledigt. In China wird die kommunistische Regierung gestürzt, weil die Volksbefreiungsarmee einen zu kleinen Frauenanteil hat, um die durch Nahrungsmittelknappheit erbosten Aufständischen niederzuschlagen. Das führt zu Zersplitterung und Bürgerkrieg.

Eine wichtige Frage ist der Erhalt der Spezies: Wie sollen Frauen wieder schwanger werden? Der Roman gibt die Antwort mit einer Art Samenlotterie. Wer sich nach eingehender Prüfung als tauglich erweist, kann auf eine Spermaspende hoffen. Währenddessen boomen Partnervermittlungen von Frauen für Frauen - pragmatische Homosexualität. Es gibt auch positive Effekte: Es wird ein Medikament für Endometriose entwickelt - weil nun mangels männlicher Pendants Zeit und Geld für Forschung an spezifisch weiblichen Krankheiten da ist. Seit kugelsichere Westen nicht einfach nur in kleinen Männergrößen ausgegeben werden, sondern auf Frauenkörper angepasst, sterben weniger Polizistinnen.

Das ist natürlich eine bittere Aussage: Müssen alle Männer aussterben, dass Frauen gleichberechtigte Chancen in allen Bereichen haben?

Der Roman "Die Gabe" von Naomi Alderman (Heyne) geht diesen brachialen Weg noch weiter. Die Autorin kehrt die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau um. Frauen entwickeln hier den "Strang", ein neues Organ, das Elektrizität erzeugt, die Männern Schmerzen zufügen kann. Nicht Frauen müssen also Männer fürchten, sondern Männer Frauen. Und diese Kraft wird auch ausgiebig dafür eingesetzt, um Rache für Unrecht zu nehmen. Wenn etwa ein elektrischer Mob durch einen indischen Markt zieht, der früher zu gefährlich für Frauen war. Oder wenn Sexsklavinnen ihre Unterdrücker umbringen. "Die Gabe" steigert sich schließlich in die Dystopie einer brutalen Matriarchats-Diktatur, in der männliche Föten abgetrieben werden. Die mächtigen Frauen machen nichts anders als die mächtigen Männer, sie treiben deren Grausamkeit sogar noch weiter. Ein beunruhigendes gespiegeltes Panorama der Gesellschaft. Und weit entfernt von den naiven Vorstellungen in "Herland".

Aber eventuell für Männer eine Motivation, die Geschlechtergerechtigkeit auch ohne solche Eingriffe zu schaffen. Bevor ein Rosenkrieg einmal wirklich ausartet.