Zugegebenermaßen, es ist ein Problem. Wenn eine Serie sehr erfolgreich und beliebt ist, kann sie dann überhaupt ein gutes und befriedigendes Ende haben? Vor allem in Zeiten, in denen ohnehin nie klar ist, wie lange eine Serie überhaupt laufen wird, daher jede Staffel auch gleich die letzte sein könnte, ist es nicht leicht. "Game of Thrones" sei hier exemplarisch erwähnt, ohne die alten - immer noch nicht verheilten - Wunden aufreißen zu wollen. Auch stellten sich viele Zuseher die Frage, ob Meredith Grey noch länger am Strand stehen muss, bis auch wirklich der letzte Nebendarsteller seinen Weg in den Serienhimmel gefunden hat. Manche Abschiede schmerzen wahrlich mehr, als man dachte.

Das Ende als neuer Anfang

Doch lange vor diesen aktuellen Serienerfolgen, da gab es "Dexter". Den Serienkiller, der unzählige Zuschauer in seinen Bann zog und der es anno 2006, auf Deutsch erst 2008, schaffte, ein völlig neues Serienerlebnis zu schaffen. Acht Staffeln und 96 Teile lang begeisterte Michael C. Hall in der Titelrolle - mit viel Blut und schwarzem Humor. Dann kam das Ende. Nun gut, es ist nicht leicht. Das Ende in aller Kürze - nicht dass man es nochmals durchleben muss: Dexter tötet seine schwer verletzte Schwester Deb, um sie so vor seinen Widersacher zu retten, und verschwindet dann mit einem Boot in einem Hurrikan. Nur um dann später, von allen totgeglaubt, irgendwo im Nirgendwo als Holzfäller aufzutauchen. Zum Glück hatten die Produzenten ein Einsehen, und auch dem unglaublichen Bedarf an neuen Material für die unzähligen Plattformen ("Dexter: New Blood" läuft nun auf Sky) ist es geschuldet, dass "Dexter" sein Comeback feiert. So viel vorab: Er hat es verdient und es versöhnt. Alleine schon der Anfang, wenn Dexter durch den verschneiten Wald rennt, Gewehr über der Schulter und als Hintergrundmusik Iggy Pops "The Passenger". Der Fan von vor fast zehn Jahren könnte nun auch wieder abdrehen und sich freuen, aber es gibt zehn Teile und es wird immer besser - zumindest nach dem Vorabschauen der ersten paar Folgen. Michael C. Hall ist wieder mit an Bord und spielt auch diesmal Dexter Morgan, wenn er auch diesmal unter dem Namen Jim Lindsay (eine kleine Verbeugung vor Jeff Lindsay, dem Autor der Buchvorlagen) in der fiktionalen Kleinstadt Iron Lake, im Staat New York, lebt.

Der Geist der Schwester

Seine Schwester Deb (Jennifer Carpenter) ist als Geist stets dabei - es klingt schlimmer, als es ist. Jack Alcott spielt Dexters jugendlichen Sohn Harrison, der auf mysteriöse Weise in Dexters Leben zurückkehrt, nachdem er zehn Jahre von ihm getrennt war. Zur Besetzung gehören außerdem Julia Jones ("The Mandalorian"), Alano Miller ("Sylvie’s Love"), Johnny Sequoyah ("Believe") und Clancy Brown ("The Crown", "Billions"). Clyde Phillips ist ebenfalls wieder als Showrunner an Bord. Dexter mag sein neues Leben genießen, aber im Zuge unerwarteter Ereignisse in dieser eng verbundenen Gemeinschaft kehrt unweigerlich auch sein dunkler Begleiter zurück.

Von Miami ins Nirgendwo. Vom Forensiker zum Holzfäller, natürlich bedingen diese Änderungen eine neue Erzählgeschwindigkeit und einige andere Änderungen. Die Beziehung zur örtlichen Polizistin ist in einem 3.000-Seelen-Kaff durchaus hilfreich, aber auch hinderlich. Ein Bürgermeister mit Geheimnissen wird zum Gegenspieler. Immerhin landet sein drogensüchtiger, überheblicher und gefährlicher Sohn als erstes neues Opfer auf Dexters Seziertisch.

Eine wirklich gelungene Atmosphäre und geniale Einfälle - der Tanzabend der ersten Folge zeigt schon, wie schwer es sein kann, wenn man in der Stadt aufwächst und am Land unerkannt leben will.

Es dauert etwas, bis die Serie an den schwarzen Humor vergangener Zeiten und den Kunstblutkonsum anschließen kann, aber auch am Land gibt es ausreichend Menschen, die verschwinden, und immer wieder miese Charaktere, denen man nicht nachweint. Folge für Folge steigert sich die Serie und kann nicht nur eingefleischte Fans überzeugen. Eigentlich schade, dass es nur zehn Folgen geben soll. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und vor dem letzten Teil sollte man vorsichtig sein mit allzu viel Lob. Hoffentlich gibt es diesmal ein würdiges Finale. Abwarten und Leichen zählen. Es ist wieder "Dexter"-Zeit.