Es war das Jahr 1998. Grundsätzlich historisch gesehen ein eher unauffälliges Jahr. Weit entfernt von einschneidenden Ereignissen wie 9/11 oder irgendwelchen nervigen Spikeproteinen. Gut, Falco ist gestorben. Und Frank Sinatra. Aber dieses Jahr nahm nicht nur weg, es lieferte auch: den Apple iMac. Und Viagra. Und das passt auch irgendwie zu einer weiteren Errungenschaft dieses Jahres mit Style und Sex: der Serie "Sex and the City".

Am 6. Juni 1998 lief die erste Folge auf dem US-Sender HBO und stellte die vier Frauen vor, die sich alsbald in den Popkulturkanon einschreiben sollten: die Zeitungskolumnistin Carrie Bradshaw, die Anwältin Miranda, die Galeristin Charlotte und die PR-Expertin Samantha. 2001 durften auch die deutschsprachigen Seher(innen) das Quartett bei ihren New Yorker Abenteuern begleiten. Doch da hatte sich der Kult ohnehin längst herumgesprochen. In Form von neuen It-Getränken wie dem granatapfelpinken Cosmopolitan, den die Damen immer schlürften. Oder durch die Tatsache, dass einem der sperrige Name eines Schuhdesigners so geschmeidig über die Lippen kam, als gäbe es dessen so untragbare wie unbezahlbare Stöckelschuhe - man nannte sie ab sofort "Heels" - eh immer schon beim Delka. Man sah geduldig darüber hinweg, dass die Hauptfigur als Kolumnistin so irreal viel verdiente, dass sie sich teure Designermode leisten konnte. Denn im Gegenzug dafür landete man in einem New York der späten 90er, einer Art Werbekampagne für einen extralässigen, Zeitgeist-innovativen Big Apple in der Zeitspanne zwischen Bedrohlichkeitsmief der 80er und Sündenfall der Gentrifizierung: bei Besserverdiener-Partys in der Upper East Side, in bizarr angesagten Clubs in einst gruseligen Ecken, mit seltsam, aber irgendwie auch wieder cool gekleideten Menschen. Die waren freilich fast alle weiß, Diversität war da noch nicht einmal ein Schlagwort, aber bitte es gab einen schwulen Freund, denn den gibt es in solchen Serien zum Prosecco gratis dazu.

Samantha (Kim Catrall), Carrie (Sarah Jessica Parker), Charlotte (Kristin Davis) und Miranda (Cynthia Nixon) treffen sich zum Ausgeh- Rekapitulations-Stößchen in der Kultserie. - © HBO
Samantha (Kim Catrall), Carrie (Sarah Jessica Parker), Charlotte (Kristin Davis) und Miranda (Cynthia Nixon) treffen sich zum Ausgeh- Rekapitulations-Stößchen in der Kultserie. - © HBO

Tüll statt Heroinschick

Man muss das auch so sehen: Die 90er waren das Jahrzehnt, in dem Flanellhemden und Heroin Chic modische Trends waren und in dem die Spice Girls ihre Buffalo-Plateauschuhe durch die Luft wirbelten - und dann kam da diese Großstadtprinzessin Carrie Bradshaw und trug ironiefrei als Erwachsene ein Tüll-Tütü. Oder steckte sich ebenso ironiefrei eine Brosche ans Revers, ohne die Queen oder mindestens 60 zu sein.

Und nicht zuletzt kam noch ein weiterer Faktor hinzu, der "Sex and the City" damals herausragen ließ: Dass in einer Produktion so offen über weibliche Sexualität gesprochen wurde, war für das damals noch reichlich prüde US-Fernsehen doch beachtlich. Da ging es wortwörtlich um Analsex und andere bis dahin eher im "Ruf-mich-an"-Werbeblock versteckte Themen. Und das in einer flotten Beiläufigkeit der Dialoge, etwa wenn Miranda ihren Vibrator gegen ihre Nanny verteidigt, die ihn gegen eine Marienstatue getauscht hat: "Ich bin eine 34-jährige, allein stehende Frau, die in New York lebt. Ich trinke Kaffee, habe Sex, kaufe Kuchen und mag batteriebetriebene Geräte."

Zwiespältiges Verhältnis

Das klingt eigentlich nach einem passablen Meilenstein der Fernsehgeschichte? Nun ja. Dann hätten heute nicht so viele ein zwiespältiges Verhältnis zu der Serie. Denn in der Wunschversion von "Sex and the City" sieht man vier Frauen, die selbstbestimmt ein liberales Leben führen. Aber in der tatsächlichen Version laufen auch diese Frauen nur einem traditionellen Rollenbild nach - heiraten, gerne existenzabsichernd, das Fashionzeugs kostet ja, Kinder kriegen, Appartement dekorieren. In Carries Fall gehört das Mr. Big, einem reichen, gutaussehenden Mann, für den sie nie so an erster Stelle stehen wird wie er für sie. Nicht nur, dass sie das nicht kapiert, ist enervierend. Rückblickend ist vor allem die Mogelpackung ärgerlich: Das so freigeistige Gerede über Sex war nur Zuckerguss mit Wodkaschuss und Cocktailkirsche über der Aussage, dass sich auch diese Frauen nur über Männer definieren. Da waren die "Golden Girls", die ein Jahrzehnt früher und einige Jahrzehnte älter in einer ähnlichen Konstellation auftraten - die brünftige Blanche ähnelt der power-promiskuitiven Samatha, die naive Rose der träumerischen Charlotte und die trockene Dorothy der sarkastischen Miranda -, weitaus feministischer als diese modernen Urbanistas.

Ist "Sex and the City" aber wirklich eine "Schande für die Weiblichkeit", wie es manche Kritiker diagnostizierten? Man sollte nicht unbeachtet lassen, in welcher popkulturellen Gesellschaft sich die Manhattanerinnen befanden. Es war auch das Jahrzehnt der Ally McBeal, einer hypernervösen Anwältin mit Halluzinationen, beruflich erfolgreich, aber trotzdem von einer nervenraubenden Unsicherheit. Die sich als Juristin neben Männern behauptete und sich dennoch immer selbst kleinmachte. Es war auch das Jahrzehnt der Bridget Jones, die mit ihren körperlichen Unzulänglichkeiten viel eher eine Identifikationsfigur sein konnte, aber dann halt die Schokolade doch gegen einen Mann tauschte. Zumindest hat sie die Schokolade nicht nur für den Mann aufgegeben.

Und es war das letzte Jahrzehnt, in dem romantische Komödien - 1998 erschien "E-Mail für dich" mit Tom Hanks und Meg Ryan - noch funktionierten. Die intelligenteren, charmanten Versionen dieser Liebesgeschichten fielen aus der Agenda der Filmproduzenten. Möglicherweise trägt daran auch "Sex and the City" eine gewisse Schuld. Sollte es so sein, wie die Kritikerin des "New Yorkers" einmal konstatiert hat, hat die Sendung die Parameter geändert: "Tatsächlich war die Serie eine gewagte Variation der romantischen Komödie: Sie kämpfte fast bis zum Schluss mit den Grenzen des pink-gestrichenen Genres. Aber dann hat sie den Kampf aufgegeben."

Am 9. Dezember startet nun die Neuauflage von "Sex and the City", in Österreich ist "And just like that" auf Sky zu sehen. Nach den zwei enttäuschenden Kinofilmen der Reihe liegt die Latte, verbliebene Fans zu erfreuen, knöchelhoch. Hier soll man nun erfahren, wie sich Carrie, Miranda und Charlotte im etwas fortgeschrittenen Alter (übrigens nun fast Golden-Girls-Alter) so durchschlagen, ob es noch Sex in der Stadt gibt. ("Is there still sex in the city" heißt auch das neueste Buch von Candace Bushnell, die einst mit ihren Kolumnen die Vorlage für Carrie Bradshaw geliefert hat. Sie hat übrigens immer schon gesagt, dass Carrie keine Feministin ist.) In der Runde fehlt Samantha, ausgerechnet die Figur, die noch als selbstbestimmteste gelten konnte.

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Eines zumindest dürfte auch diesmal wieder eintreten, auch wenn die legendäre Kostümdesignerin Patricia Field nicht dabei ist: der spielerische Umgang mit Mode, der so manches Label schon jetzt die Hände reiben lässt. Und damit auch der Trend, auch Hässliches salonfähig zu machen. Das zeigt jedenfalls ein Schnappschuss vom Dreh, der Carrie in Kopftuch à la Queen, Rüschenkleid à la Amish, Brille à la Fliege Puck und mit Gummihandschuhen (!) zeigt. Wahrscheinlich alles von Prada und Fendi.