Fackeln flackern im Wind, Pferde wiehern ungeduldig, ein eisernes Tor öffnet sich, die Reiter trotten hindurch, es geht in den Norden - den echten Norden. Kalt und gefährlich. Wenige Minuten später sehen wir Leichenteile, die in einer Spirale im Schnee drapiert wurden. Und wir ahnen: Hier ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung.

Mehr als zehn Jahre nach dieser legendären Eröffnungssequenz von "Game of Thrones" wissen wir, dass mit der epischen Serie Fernsehgeschichte geschrieben wurde. Auch wenn es nicht von Anfang an erklärtes Ziel des "GoT"-Schöpfers G.R.R. Martin war, dem Werk von J.R.R. Tolkien einen würdigen Epigonen zu bauen, geschafft hat er es zweifellos. Auch wenn der sechste Band der Buch-"Vorlage" immer noch nicht erschienen ist (er soll ein alternatives Ende beinhalten). Heute muss man sagen: "GoT" war jedenfalls stilprägend und es ist mediengeschichtlich ein besonders schillerndes Beispiel des dritten Goldenen Zeitalters der Fernsehserien, jenen Werken ab den Zehnerjahren, die Kinofilmen zumindest in Aufwand, Qualität und durchaus auch Budget um nichts mehr nachstehen. Mit Produktionen wie "GoT" wurde TV-Serien zu Kino in Serie.

Es läuft nicht ganz rund: Die Magierin (Rosamund Pike) muss in "Wheel of Time" gegen das ultimative Böse anzaubern. - © Amazon Prime
Es läuft nicht ganz rund: Die Magierin (Rosamund Pike) muss in "Wheel of Time" gegen das ultimative Böse anzaubern. - © Amazon Prime

Klar, dass so ein durchschlagender weltweiter Erfolg nicht ohne Nachahmer bleibt. Einigen dieser Versuche wollen wir uns hier widmen. Seit kurzem können wir auf Amazon prime "Das Rad der Zeit" sehen, eine Serie, bei der der Auftrag an die Macher klar war: "Ich will mein eigenes Game of Thrones", soll Amazon-Boss Jeff Bezos der Truppe eine klare Marschrichtung mitgegeben haben. Wohl nicht aus Zufall erinnert "Wheel of Time" ("WoT") an "GoT". Ob das Briefing erfüllt wurde, muss letztlich jeder selbst entscheiden. So richtig gezündet hat die Serie offensichtlich (noch?) nicht, wenn man das anhand der öffentlichen Resonanz beurteilen kann. Ziemlich bitter dabei: Amazon hat angeblich über zehn Millionen Dollar pro Folge ausgegeben - das ist mehr, als "Game of Thrones" vor den letzten beiden Staffeln hatte. Gut, es trifft ja keinen Armen.

Reinkarnation des Drachen

Doch zum Inhalt: Eine zu einem erlauchten elitären Kreis zählende Magierin (Rosamund Pike) rekrutiert fünf Teenager, um gegen das Böse in der (Fantasy-)Welt zu kämpfen. Sie glaubt, dass einer dieser Teenager die Reinkarnation des "Drachen" ist, einer mächtigen Person, die dazu bestimmt ist, die Menschheit entweder zu retten oder zu zerstören. Es kommt zu Schlachten und einer ganzen Reihe von Komplikationen. Mit dabei: bärtige Männer, Zauberinnen, hässliche Trolle, niedliche Walddörfer, dunkle Kräfte, verlassene Städte, dunkle Magie. Kurz: Es ist maximal ein bisschen "Game of Thrones". Es ist nicht einmal "His Dark Materials", die Fantasyserie um den Goldenen Kompass. Schon eher kommt einem die Netflix-Serie "The Witcher" in den Sinn.

Apropos "The Witcher". Die Serie ist zweifelsfrei eine der aufwendigsten Signature-Produktionen von Netflix und ging soeben in Staffel zwei. Nachdem die erste Staffel kurz vor Corona online ging, kommt einem die Zeitspanne seit damals gefühlt wie ein Jahrzehnt vor. Corona hatte natürlich Auswirkungen auf die Produktion, die nun vor allem in England gedreht wurde, was einen Landschaftswechsel nach sich zieht.

Inhaltlich ist die Sache schnell erklärt: Der "Witcher" Geralt von Riva kämpft für Gold gegen gefährliche Monster. Gegen seinen Willen (wie jeder echte Held) wird er in politische Intrigen und die Machenschaften der Zauberin Yennefer von Vengerberg verwickelt. Henry Cavill gibt den platinblonden Kämpfer, der die Monster mit seinem Bihänder im Samurai-Style zu Mittelalter-Sushi verarbeitet, eklige Riesenspinnen inklusive ("Harry Potter" lässt grüßen). Nachdem Geralt davon überzeugt ist, dass Yennefer die Schlacht von Sodden nicht überlebt hat, bringt er Prinzessin Ciri nach Kaer Morhen, den Ort seiner Kindheit. Während die Könige, Elfen, Menschen und Dämonen des Kontinents außerhalb der Mauern um die Vorherrschaft kämpfen, muss er die Prinzessin vor ihren eigene Kräften schützen. Deutet sich da etwa ein Love Interest mit der Subtilität eines Bihänders an?

Spin-off im Anmarsch

Wurde der "Witcher" bei seinem Erscheinen als Epigone im Fahrwasser von "GoT" gefeiert (nicht zuletzt handelt es sich ebenso um eine Literaturvorlage), so muss man ihn doch viel klarer im Fantasy- und Magie-Genre verorten. Beides kommt bei GoT zwar auch vor, wird dort jedoch dazu verwendet, die zwischen menschliche Handlung voranzutreiben. Also doch lieber beim Original bleiben?

Ja, das geht tatsächlich: Die Fans konnten kürzlich den ersten Trailer für die Spin-off-Serie "House of the Dragon" bestaunen. Die Serie rund um das Haus Targaryan (Vorlage: "Feuer und Blut" von George R.R. Martin) spielt zweihundert Jahr vor "GoT" und bietet sozusagen die Vorgeschichte der Erfolgsserie. Zu sehen sind im Trailer mehrere Kampfszenen, unterlegt mit den Worten: "Götter, Könige, Feuer und Blut. Träume haben uns nicht zu Königen gemacht - Drachen haben es getan." Zehn Episoden sind für 2022 avisiert. Es spielt Emma D’Arcy Prinzessin Rhaenyra Targaryen und Matt Smith Prinz Daemon Targaryen.

Apropos Spin-off: 2022 bringt noch einen ganz besonderen Leckerbissen bei Amazon. Die erste Staffel des "Herr der Ringe"-Spin-offs soll im September 2022 veröffentlicht werden. Ihre Handlung soll zeitlich vor "Die Gefährten", also dem ersten Teil von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Trilogie, angesiedelt sein. Zu den Darstellern zählen Cynthia Addai-Robinson ("Spartacus") und Robert Aramayo, der den jungen Eddard Stark in "GoT" spielte.

Wird die Produktion an das Niveau von Peter Jacksons dreiteiliger Kinoverfilmung anknüpfen können? Amazon soll die Serie massiv mit Geld geflutet haben, was freilich wie wir nicht erst seit "Wheel of Time" wissen, kein Garant für Erfolg ist.

Doch "Game of Thrones" hat uns auch gelehrt, dass man eine Erfolgs-Serie mit schlechten Drehbüchern in zwei Staffeln herunterwirtschaften kann. Das lieblos runtergenudelte Ende war der Serie derart unwürdig, dass die Fans einen Neudreh verlangten. Doch dazu müsste Autor Martin wohl erst einmal fertig schreiben.