Nun ist sie also in Wien, die besucherstärkste Multimedia-Ausstellung der Welt - so zumindest nennen die Veranstalter die "Van Gogh Alive". Entsprechend setzt man als Besucher seine Erwartungen an die versprochene Experience in der METAStadt. Multisensorisch, besonders immersiv und anders als sonstige Ausstellungen soll sie sein. Nicht nur das Auge, sondern auch Nase und Ohren werden einbezogen. Während auf großen Leinwänden quer durch den verdunkelten Ausstellungsbereich die größeren und kleineren Kunstwerke des niederländischen Ausnahmekünstlers passieren, schwebt in der Luft ein angenehmer Duft, der an warme Sommer in Südfrankreich erinnert. Im Hintergrund tönt passende klassische Musik, ein wenig Liszt, ein bisschen Bach. Sie plätschert angenehm dahin, ist nicht besonders kreativ gewählt, aber untermalt die Bilder.

Eine Kunstgeschichte-Lektion

Raffinierter als der Duft wird es bei der aus Australien importierten Multimedia-Ausstellung von "Grande Experiences" leider nicht mehr. In einer 45-minütigen Projektion werden relativ einfallslos die Lebensabschnitte Vincent van Goghs heruntergerasselt. Wer sich traut, setzt sich in einen der traurigen, durchgesessenen Sitzsäcke, die im 1.200 Quadratmeter großen Saal verteilt sind, und riskiert, auf ewig in ihnen zu versinken. Für weniger risikofreudige Besucher bleibt nur das Herumwandern zwischen den mehreren Metern hohen Leinwänden. Als Lektion in Kunstgeschichte ist die Schau brauchbar. Von Van Goghs früher Kunst in den Niederlanden bis zu seiner frenetischen Schaffensphase zu Ende seines Lebens arbeitet sie sich chronologisch durch seinen Lebenslauf. Unterstützt wird der Unterricht mit möglichst schwülstigen Zitaten des Künstlers aus seinen Briefen, die mit ihrer geschwungenen Schriftart derart pathetisch daherkommen, dass sie einen aus der Kunst reißen. Immerhin: Es lässt sich auf den Leinwänden die Weiterentwicklung seines Stils so anschaulich wie selten an einem Ort beobachten.

Van Gogh als Mosaik

Wären da nicht die "Multi-Channel-Motion-Grafiken" (auch geläufig unter "Animationen" - aber das klingt nicht so beeindruckend). Denn auch wenn diese Van Goghs Kunst um eine neue Komponente bereichern sollen, wirken sie in ihrer Umsetzung befremdlich. Da ziehen sich merkwürdig animierte Regenfäden durch das eine Bild, dann rattert ein Zug durch das nächste. Doch die in Van Goghs Stil gehaltenen "Motion-Grafiken" entpuppen sich spätestens dann als noch erträglich, wenn zeitgleich zu den Blumengemälden an den Leinwänden unvermittelt in Zeitraffer beim Aufblühen gefilmte Blüten auf den Boden projiziert werden, die nicht einmal farblich ins sonstige Konzept hineinpassen.

Spätestens beim Anblick dieser Aufnahmen wird einem bewusst, warum es sich bei "Van Gogh Alive" um die besucherstärkste Multimedia-Ausstellung der Welt handelt: Weil sie zehn Jahre Zeit hatte, sich die Zahlen zu sichern. In mehr als 70 Städten hat es die Show schon verschlagen und ganze 8,5 Millionen Besucher empfangen. Im Gegensatz zu Van Goghs unsterblicher Kunst merkt man allerdings, dass der Zahn der Zeit mächtig an der Ausstellung nagt. Die veralteten Animationen tun der gezeigten Kunst keinen Gefallen und noch weniger tut es die übergroße Projizierung. Aus der Ferne sehen die Bilder enorm aus, aber je näher man an die Leinwände tritt, desto trauriger wird man als Kunstfreund. Aus Van Goghs gekonnten Pinselstrichen sind eckige Mosaiksteinchen geworden. Große Pixel verzerren den Gesamteindruck der eleganten Schwünge und lassen wenig vom Zauber. Einige Werke sind so sehr vergrößert, dass sie auch aus weiterer Distanz offensichtlich verzerrt aussehen. Auch wenn die Qualität laut Veranstalter bereits besser als zu Anfang ist, enttäuscht sie doch vor Ort. Dass die Farben so lebendig von den Leinwänden strahlen, ist ein schwacher Trost.

Unendliches Sonnenblumenfeld

Erfreulich für alle Social-Media-Aficionados ist, dass bei "Van Gogh Alive" vor allem an sie gedacht wurde. Denn die Ausstellung birgt einige Selfie-Orte. Sei es Van Goghs berühmtes Schlafzimmer in Arles, das gleich beim Eingang nachgebaut wurde oder das durch Spiegelungen quasi unendliche Sonnenblumenfeld. Allerdings ist keiner der beiden Bereiche sinnhaft in die restliche Ausstellung eingebunden. Im Endeffekt sind sie eher lieblos dort positioniert, wo gerade noch Raum übrig war.

"Van Gogh Alive" verfolgt in letzter Instanz eindeutig den Ansatz ein "Instagram-Moment" und möglichst leicht bekömmlich zu sein. Ein Konzept, das an und für sich nicht schlecht ist - fraglich ist aber, ob Kunstneulinge 45 Minuten lang die Geduld haben, im selben Raum zu stehen und sich eine glorifizierte Powerpoint-Präsentation anzuschauen. Hier wurde es in den letzten Jahren versäumt, die Projektionen auf den aktuellen Stand zu bringen, so fühlt es sich eher wie ein Ausflug ins Jahr 2012 an als in die Hochzeiten Van Goghs. Eine vertane Chance, den so pulsierenden Bildern eines Ausnahmetalents noch mehr Leben einzuhauchen.