"Ein Magazin eine ganze Ausgabe nur über sich selbst und den bevorstehenden 100. Geburtstag machen lassen und dann wenige Tage vor diesem 100. Geburtstag sterben, das ist wirklich geniales komisches Timing." Für die meisten 99-jährigen Damen wäre diese Feststellung auf Twitter doch recht despektierlich. Es gab nur eine einzige Person, für die dieser freche Satz tatsächlich ein Kompliment war: Betty White. Die Schauspielerin hatte über Jahrzehnte ihr Gespür für den richtigen komödiantischen Zeitpunkt bewiesen. Und das mit den Jahrzehnten ist nicht so dahingesagt, wie man das sonst gerne macht. In Betty Whites Fall waren es ganze sieben. Ihr Tod als letzte Gemeinheit des Jahres 2021 (am 31. Dezember) und die darauf folgenden zahlreichen Würdigungen ihres Lebens machten deutlich, welch reichhaltige Karriere die am 17. Jänner 1922 in Illinois Geborene gemacht hatte - und wie viele "Erste Frau als"-Stationen sie absolviert hat. Sie war die erste Frau, die eine TV-Show produziert hat, sie war die erste Frau, die in einer Sitcom gespielt hat, die erste Frau, die eine Talkshow moderiert hat, die erste Frau, die eine Emmy-Nominierung erhalten hat. Tatsächlich war sie auf gewisse Weise sogar die erste Frau, die überhaupt je im Fernsehen war, bei einer experimentellen Übertragung der "Lustigen Witwe" im Jahr 1939. Ins Guinness-Buch kam sie als längstdienendes TV-Personal bereits im Jahr 2013.

Sex im Alter

Den meisten hierzulande ist sie freilich erst seit den 80er Jahren ein Begriff. Da zog sie mit drei anderen Ladys in eine Pensionisten-WG in Miami: die "Golden Girls". Da war Blanche (Rue McClanahan), die alternde Südstaatenschönheit mit dem erhöhten Flirtaufkommen. Da war Dorothy (Bea Arthur), ein Baum von einer Frau und die wahrscheinlich sarkastischste Seniorin der Fernsehgeschichte, und ihre winzige Mutter Sophia (Estelle Getty), sizilianische Königin der Spitzzüngigkeit. Und Betty White war die legendäre Rose ("Halt die Klappe, Rose"), der fabelhaft doofe Ex-Dorftrampel aus Minnesota. Sie ging ihren Mitbewohnerinnen mit ihren bizarren Landleben-Anekdoten aus St. Olaf auf den Wecker, gerne auch mit komplett erfundenen, dem skandinavischen Zungenschlag ähnelnden Fantasiebegriffen.

Whites Meisterschaft in der Improvisation bei diesen Gesprächen mit Käsekuchenbegleitung äußerte sich auch darin, dass auf Kamera gebannt wurde, wie ihre Kolleginnen hart damit kämpfen, ernst in ihrer Rolle zu bleiben, während Betty White knochentrocken immer Fantastischeres über den Großen Heringskrieg von St. Olaf extemporiert. Auf Twitter schrieb übrigens ein Fan in Anspielung auf die oft recht grobe Beendigung solcher Erzählungen, er stelle sich vor, wie Betty White im Himmel ankommt und zu Bea Arthur (sie starb 2009) sagt: "Ist das der Himmel?", und Bea Arthur sagt zu ihr in bewährt ungeduldiger Dorothy-Pampigkeit: "Nein, es ist die Hölle mit besserer Beleuchtung, Rose."

Sieht man sich heute Folgen der "Golden Girls" (alle auf Disney+) an, ist man erstaunt, wie gut sie noch funktionieren. Das mag daran liegen, dass die Serie nicht nur mit ihrer Altersstruktur zu ihrer Zeit eine Pioniertat war. Viele damals brisante Themen wurden aufgegriffen: Homosexualität, Behinderung, Sterbehilfe. Und natürlich - nicht nur bei der nymphomanischen Blanche - das Thema Sex im Alter. Das wurde bis dahin vor allem im prüden Amerika und noch dazu im Familienmedium Fernsehen eher nur mit spitzen Fingern in Gummihandschuhen angegriffen.

Waren die "Golden Girls" mit ihren fast nur 60plus-Titelfiguren (Rue McClanahan war jünger) schon ein Schritt in die Sichtbarkeit von Alter im Unterhaltungsbereich, so ging Betty White diesen Schritt konsequent noch sehr viel weiter. Ihrer glücklichen gesundheitlichen Konstitution sei Dank, blieb sie aktiv bis in die hohen 90er. Sie hatte ein kesses Händchen für eine Rollenauswahl, mit der sie jedes Mal die Erwartungen an eine süße alte Dame zermerscherte. Sei es als psychopathische Oma in "Boston Legal", sei es als rappende Studentin in "Community", sei es als pöbelnde Megakrokodil-Pflegerin im Creature-Film "Lake Placid", sei es als fiese Allürenschlange, die nur zu Co-Star Ryan Reynolds gemein ist in PR-Sketches für den Film "Selbst ist die Braut". Dieses Spiel mit den Erwartungen hat White übrigens schon in der "Mary Tyler Moore Show" in den 70ern zum Einsatz gebracht: Da spielte sie eine auf den ersten Blick harmlose Hausfrau, in der unsichtbar die lasterhafte Leidenschaft brodelte.

Im Streaming sind Alte wurscht

Mit dem Ableben von Betty White wird nun schmerzhaft bewusst, was für ein Einzelfall sie war. Und wie wenig alte Menschen und ihre Erfahrung in den Unterhaltungsmedien unserer Zeit eigentlich vorkommen. Ja, es gibt die Nischen für Freunde des Geriatrischen auf Instagram oder Tiktok - Pasta Grannies, die ihre Rezepte vorkochen, oder 80plus-Influencer, die ihre exzentrische Mode auf den Straßen von diversen Metropolen vorführen. Doch die Alltäglichkeit von Alter ist kaum ein Thema - das fällt vor allem im dominanten Streaming-Bereich auf. Netflix etwa hat in seinem Myriaden Serien aufweisenden Portfolio genau eine Produktion, die sich mit älteren Menschen beschäftigt: "Grace & Frankie" mit Lily Tomlin (82) und Jane Fonda (84). Tatsächlich waren in den 80ern, in denen man nachträglich die "Golden Girls" als revolutionär betrachtet, ältere Menschen sehr viel präsenter im TV als heute - zumindest hierzulande. Da gab es etwa eine Serie namens "Der Leihopa", wöchentlich tagte der "Seniorenclub" und in regelmäßigen Abständen stapfte ein weißbärtiger Mann mit Musik begleitet durch die Gegend - auch Sepp Forcher arbeitete bis ins hohe Alter, bis auch er vor Weihnachten 2021 endgültig "Pfiat Gott in Österreich" sagte. Wer damals fernsah, dem war bewusst, dass die Oma keine Außerirdische ist, die sonst nirgends existiert. Heute ist sogar die Beschäftigung mit dem Altern mit Jugendkult-Schimmer besprüht. Das aktuellste Beispiel ist die seltsame Fortsetzung von "Sex and the City", in der die New Yorker Freundinnen - übrigens nur unwesentlich jünger als die "Golden Girls" damals - über Matcha Latte darüber philosophieren, wie ihre Schönheit verblüht. Und ihr Gedächtnis.

Die Entwicklung ist unschön, aber der Zeitgeist kann sich auch schnell wieder ändern. Betty White war in vielem eine Erste, warum also nicht auch hier. Und wie schrieb ein trauernder Fan - im Vergleich mit sonst üblichen postumen Würdigungen - so schön ins Netz: "Immerhin konnten wir Betty noch zu Lebzeiten zeigen, dass wir sie geliebt haben."