Es gibt so Fernsehpersönlichkeiten, da weiß man beim ersten Auftritt, dass man sie nicht mehr so schnell vergessen wird. Oder nie. Auch wenn man sich sehr, sehr bemüht. Jonathan Van Ness ist so eine Persönlichkeit. Er ist einer von fünf fabulösen schwulen Männern, die in der Netflix-Serie "Queer Eye" eher hoffnungslosen Fällen mehr Stil und seelisches Gleichgewicht - also insgesamt mehr Fabulösität - verleihen wollen.

Das Quintett ist an sich schon nicht arm an schillernden Charakteren, aber Jonathan, zuständig für Haar- und Körperpflege, setzt dem Ganzen noch einmal eine Krone auf. Eine wunderschöne, mit bunten Blumen und Schmucksteinen besetzte Krone. Die aber einen guten Halt am Kopf hat, damit Jonathan noch seine Mähne werfen kann. Denn: "Ich habe noch nie der Versuchung eines guten Haarschmisses widerstanden."

Portion Selbstironie

In manchen Beschreibungen wird Van Ness auch gern als "Gay Jesus" bezeichnet, nur weil er lange Haare und einen Bart samt Moustache hat. Als ob es im Nahen Osten damals so guten Lockenschaum gegeben hätte. Mit absoluter Selbstverständlichkeit kommt der Friseur auch mitunter im Kleid oder im Rock samt passenden Stöckelschuhen zu den besserungswilligen Kandidaten, die er dann wirbelwindend (und haareschleudernd) umtanzt, erstaunlicherweise ohne dabei Liebenswürdigkeit einzubüßen. Weil er auch über eine gesunde Portion Selbstironie verfügt.

Auf Netflix startete nun bereits die sechste Staffel der oft sehr zu Herzen gehenden Reality-Serie, die sicher einer der größten Erfolge des Streamingdienstes ist. Ende Jänner wird auch Van Ness’ eigene Show, "Getting Curious with Jonathan Van Ness", online gehen. Sie basiert auf seinem Podcast, in den er Menschen lädt, um mit ihnen über Dinge zu sprechen, die ihn halt einfach interessieren. Das können sehr unterschiedliche Themen sein: Es kann sich um Tierschutz drehen wie bei der Folge "Wie geht’s eigentlich den Schildkröten?" oder um Geschichte, wie in der Folge "Wer hat eigentlich die ganze Arbeit im antiken China gemacht?". Und manchmal schlägt sein Brotberuf Haarschneider auch durch, wenn er sich fragt: "Wie scharf ist die Geschichte der Schere?"

Den Start seiner Karriere in der Unterhaltungsbranche hatte Van Ness übrigens auch an der Schere. Wie man sich vorstellen kann, ist er keiner dieser Friseure, die stumm vor sich hin schnippeln. Er erzählte einer Kundin, während er sie coiffierte, die letzte Folge von "Game of Thrones" nach. Weil sie den blutigen Inhalt in der Version mit abgespreiztem Finger so lustig fand, bekam er eine Rubrik auf der Webseite "Funny or die" mit dem Titel "Gay of Thrones".

Turbulente Jugend

Das fröhliche Gemüt ist aber hart erarbeitet: In seinem Buch "Over the Top" erzählt er, wie er schon als Kind jeden Nagellack ausprobiert hat und die Hermès-Tücher seiner Mutter (der Familie gehört ein Medienverlag) als Rock trug. Aber in der Schule wurde er deswegen gemobbt und unter anderem die Stiegen hinuntergestoßen. Er wurde trotzdem der erste männliche Cheerleader seiner Schule und bekam dadurch ein Stipendium für die Uni. Dort inskribierte er Politikwissenschaften. Leider ging bereits sein erstes Taschengeld für Kokain drauf, und weil er seine Mutter nicht damit beschämen wollte, ging er anschaffen. Die Uni verließ er und machte eine Ausbildung zum Friseur. Der Drogenkonsum wurde mehr, er landete bei Meth. Einmal kollabierte er im Salon, danach wurde HIV diagnostiziert. Das führte schließlich dazu, dass er clean wurde und blieb.

In diesem Jahr wird ein weiteres Memoirenbuch von ihm erscheinen. Im Vorjahr hat er auch ein Kinderbuch verfasst: "Peanut goes for the Gold". Es dreht sich um ein non-binäres Meerschweinchen, dem niemand zutraut, dass es bei den Olympischen Spielen in Gymnastik eine Medaille gewinnt. Das Nagetier ist inspiriert von Van Ness’ Erfahrung, nicht "reinzupassen". Auch wenn dies am Ende auch seine guten Seiten hat: "Weil ich so gekämpft habe und weil ich so schikaniert wurde als Kind, habe ich gelernt, wie man lustig ist und wie man Dinge weglacht." Davon profitieren nun seine Fans. Und natürlich von seinen tollen Haaren.

"Queer Eye for the Straight Guy", ab sofort, "Getting Curious with Jonathan Van Ness" ab 28. Jänner auf Netflix.