Faszinierende Charaktere, aufwendige Sets und ungewöhnliche Schauplätze in einer archaisch anmutenden Winterlandschaft sind auch in der zweiten Staffel der Sky-Serie "Der Pass" Ausgangspunkt für eine nervenaufreibende Mörderjagd. Julia Jentsch übernimmt erneut die Rolle der Berchtesgadener Ermittlerin Ellie Stocker. Ihr österreichischer Kollege Gedeon Winter, gespielt von Nicholas Ofczarek, kehrt nach dem Anschlag auf ihn überraschend zurück.

Das grenzübergreifende Heldenpaar ist freilich arg gebeutelt. Winter steckt noch eine der Kugeln des Attentäters im Kopf und seine bayerische Kollegin kämpft mit einer posttraumatischen Belastungsstörung ausgelöst durch den Fall des psychopathischen "Krampus-Killers". Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem erfolgreichen Regie- und Drehbuchduo Cyrill Boss und Philipp Stennert über ihre spannende Fortsetzung des düsteren Alpendramas, ihre Vorliebe für Austro-Pop von Wolfgang Ambros und ihr Verhältnis zu Brauchtum, Jagd und Natur.

"Wiener Zeitung": Herr Boss, Herr Stennert, Ihr packender Alpen-Thriller wurde mit Preisen überhäuft, vom Deutschen Fernsehpreis bis zum Grimme Preis. Wie überraschend kam der Preisregen für Sie?

Cyrill Boss: Man hat das als Filmemacher ja nicht in der Hand, ob man mit seiner Arbeit einen Nerv trifft und wie die Geschichte letztendlich aufgenommen wird. Aber es ist wunderbar, wenn nach über einem Jahr Drehbucharbeit und 81 Drehtagen das Ergebnis so gefeiert wird.

Philipp Stennert: Als wir die Figuren und die Geschichte für Staffel eins kreiert haben, da dachten wir zunächst nicht an eine Fortsetzung und wollten die Story so radikal wie möglich enden lassen. Sky und die Produzenten haben uns dabei unterstützt. Aber dann beim Drehen ist uns aufgefallen, dass die Figuren des Ermittler-Duos noch lange nicht auserzählt sind und viel Potenzial bieten. Nach dem Erfolg der ersten Staffel kam dann auch das Go von Sky zum Weitermachen und wir hatten direkt viele Ideen, wie es mit Ellie und Gedeon weitergehen könnte.

In beiden Staffeln greifen Sie österreichisch-bayerisches Brauchtum auf, zum einen mit den Perchten und dem Krampus und jetzt dem Mythos des Wilderers in den Wäldern um den Watzmann. Warum?

Stennert: Unsere zweite Staffel ist wieder kein Whodunit und wir zeigen erneut die Perspektive des Mörders. Die Verbindung zum Wilderer-Mythos und zur Jagd fanden wir dieses Mal über diesen neuen Täter. Unsere Recherchen und die Gespräche mit Fallanalytiker Alexander Horn haben ergeben, dass Serientäter mit einer ähnlichen Präferenzstörung immer wieder Tiere quälen, bevor sie derartige Grausamkeiten Frauen antun. Es gibt Fälle, in denen spätere Triebtäter in einem Umfeld aufgewachsen sind, in dem Tiere geschlachtet wurden. Da unser Täter aus einer reichen, österreichischen Baudynastie stammt, in der alle männlichen Mitglieder Jäger waren, bot es sich an, in das Universum Jagd und Jagdbrauchtum einzutauchen. Da schwingen so Themen wie Tod und Morbidität automatisch mit.

Boss: Mir war das alpenländische Brauchtum schon von früher vertraut. Ich bin im Dreiländereck, nahe der österreichischen Grenze aufgewachsen. Diese Gegend, Oberschwaben-Allgäu und auf der anderen Seite Vorarlberg, ist voll mit diesen Geschichten. Im Allgäu gibt es heute noch Wunderheiler und der Aberglaube ist sehr lebendig. Die Jagd ist natürlich ebenfalls immer ein Thema gewesen. Meine Familie hat einen engen Bezug zu Balderschwang, da werden Deutschland und Österreich nur noch durch einen Fluss getrennt. In dieser Gegend wird unheimlich viel gejagt. Da steht gefühlt alle fünf Meter ein Jägerstand. Das war für mich als Kind schon omnipräsent, auch die ganzen Trophäen, die Geweihe oder das Aufreihen der toten Tiere. Für unseren Plot haben wir darüber hinaus im Jägermilieu recherchiert und wurden von echten Jägern sehr gut beraten. So haben wir zum Beispiel erfahren, dass die erlegten Tiere traditionell auf die rechte Seite gelegt werden, zum Schutz gegen die Erddämonen, und man dem Wild dann einen Tannenzweig ins Maul steckt, den sogenannten "letzten Bissen".

Ihr Kommissar Winter, ein verwundeter Einzelgänger, der mit Alkohol und Drogen seine Kindheit verdrängt, ist ein leidenschaftlicher Wolfgang-Ambros-Hörer. Woher stammt diese Idee für Ihre Figur?

Boss: Die kommt von mir, das stand von Anfang an in unserem Drehbuch. Ich selbst war schon als Kind ein riesiger Ambros-Fan. Sein Konzeptalbum "Fäustling" war meine erste Schallplatte, ein Musikspiel, das er gemeinsam mit Joesi Prokopetz aufgenommen hat. Später kam dann "Der Watzmann" dazu und natürlich das legendäre Livealbum "Auf ana langen finstern Strassn" mit dem roten Kronkorken auf dem Cover. Seltsamerweise hatte es der Austropop-Vorreiter eine Zeitlang ziemlich schwer in den 1990ern, und ich bin nicht immer auf Verständnis gestoßen mit meinem Musikgeschmack. Inzwischen ist klar, dass diese authentischen Lieder, voller schwarzem Humor, aufsässigem, sentimental-morbidem "Wiener Schmäh" zeitlos sind. Überhaupt finde ich österreichische Liedermacher ziemlich sensationell, auch die neueren wie den Nino aus Wien.

Stennert: Lustigerweise hatte Nicholas Ofczarek, der damals für Gedeon Winter unsere absolut erste Wahl war, ursprünglich gar keinen besonderen Bezug zu Ambros. Aber er hat dann die Songs und das Lebensgefühl dahinter dermaßen aufgesogen, dass wir es in der zweiten Staffel unbedingt nochmal aufgreifen mussten.

In Ihrer düsteren Alpen-Noir-Serie wirkt die Natur bedrohlich und mystisch, der Mensch darin wie eine kleine, verlorene Figur. Wie empfinden Sie das?

Boss: Wir wollten immer, dass die Natur einen Spiegel dieser menschlichen Abgründe darstellt. Unsere Bilder sollten etwas subtil Verstörendes haben. Die Natur ist ja im Grunde der einzige Zeuge dieser Verbrechen. Das zu drehen war aber nicht immer einfach. Denn während wir bei der ersten Staffel buchstäblich im Schnee versunken sind, spielte das Wetter bei den Dreharbeiten der zweiten Staffel nicht so richtig mit. Es war zu trocken und wir hatten über weite Strecken kaum Schnee. Für die Dreharbeiten am Schloss Gössen mussten wir zum Beispiel Schnee aus einem Wintersportgebiet ankarren und mit Windmaschinen verteilen.

Wie schwer ist es heutzutage, sich von den Stereotypen eines Serienmörders à la Hannibal Lecter aus dem Thriller "Das Schweigen der Lämmer" zu lösen?

Stennert: Das waren ja auch gut recherchierte Filme, aber eben die Vorreiter in diesem Genre. Wir haben versucht, eigene Wege zu gehen, und dabei war es uns ganz wichtig, beim Täterprofil auf gar keinen Fall in irgendwelche Stereotypen zu verfallen. Wir haben zwar angedeutet, woher dieses Verhalten kommen könnte, aber es darf keine vollständige Erklärung geben. Das wäre dann unverantwortliche Küchenpsychologie.

Welche Erfahrung haben Sie als Regie-Duo gemacht? Zwei Regisseure am Set sind ja nicht alltäglich?

Boss: Wir haben uns bei unserem Regiestudium an der Filmhochschule Ludwigsburg kennengelernt und arbeiten jetzt seit mittlerweile zwanzig Jahren zusammen. Das machen wir ja nur, weil unsere Zusammenarbeit Vorteile hat. Da die meisten Diskussionen beim Schreiben unserer Drehbücher passieren, vertreten wir am Set eine gemeinsame Vision. Die Regiearbeit verteilt sich dann quasi auf vier Schultern. Das merken auch die Schauspieler. Oft macht einer von uns auch die zweite Kamera am Set, die wir dann abwechselnd führen. Die großen Streits (lacht) gibt’s beim Schreibprozess, wenn wir um unsere Geschichte ringen.

Ihr Twist am Ende ist ein weiteres Mal so überraschend wie beim Finale der ersten Staffel. Machen diese letzten Minuten mit Schuld und Verrat diesmal eine Fortsetzung unausweichlich?

Stennert: Ob es eine dritte Staffel geben wird, ist derzeit noch nicht klar, aber vorstellen könnten wir uns das sicher.

Herr Boss, stimmt es, dass Sie Ihr dramaturgisches Talent schon früh geschult haben?

Boss: Da ich als Kind zuhause selten fernsehen durfte, hab’ ich mir die Kurzbeschreibungen in der Fernsehzeitschrift meiner Oma durchgelesen und am nächsten Tag in der Schule den eigens dazu erdachten Film erzählt. Bis meine Lehrerin zuhause anrief und sagte, dass es ja wohl nicht angehe, dass ein Siebenjähriger nachts um elf einen Horrorfilm wie "Tarantula" schaue. Für meine Mutter war das ein Schock, denn sie war ja selber Grundschullehrerin. Ich glaub aber, sie hat es inzwischen verkraftet.