Und jetzt alle: "Sing’ und schwing das Bein, lass die Sorgen Sorgen sein, in das Lied stimm’ ein, froh nach Fraggle-Art." Wer bei diesem Ohrwurm instinktiv den Drang hat, sich "doch ein Loch ins Knie zu bohren" (wenn es einem nicht gefallen hat), muss in den Achtzigerjahren aufgewachsen sein. Denn kaum eine andere Serie als die bunten und leicht anarchistischen "Fraggles" steht für diese Glanzperiode des Fernsehens.

Die "Fraggles", die zwischen 1984 und 1987 in Kanada von Muppets-Schöpfer Jim Henson produziert wurden, sind ein komisches Völkchen. Sie wohnen unter einem Felsen, dem Fraggle Rock. Sie sind fröhlich, singen und tanzen gerne und sind im Wesentlichen mit ihrer kleinen Welt zufrieden. Nur ein Fraggle hat jemals den Felsen verlassen, um "das Weltall" (gemeint ist alles außerhalb des Felsens) zu erkunden: Uncle Matt bereist die Welt der Menschen, die als "Silly Creatures" von ihm "wissenschaftlich" untersucht werden. Von dort schickt er regelmäßig Postkarten an seinen Neffen Gobo, in denen er diesen über das sonderbare Treiben informiert. Diese "wissenschaftlichen Dokumente" muss Gobo aus der Werkstatt des menschlichen Erfinders, des Doc, holen und sich dabei vor Sprocket, dem Hund des Wissenschaftlers, in Acht nehmen. Dieser künstlich erzeugte Blick von außen gibt die elegante dramaturgische Möglichkeit, das Verhalten der Menschen in Frage zu stellen.

Insgesamt wurden 96 originale Folgen gedreht, davon wurden die meisten auch hierzulande gezeigt. Schon im Pandemiejahr 2020 hat Apple die Fraggles wiederauferstehen lassen. Seit Freitag ist eine neue Staffel online. Bei "Back To The Rock" sind in 13 neuen Folgen wieder Red, Wembley, Gobo, Mokey, Boober und Onkel Matt auf Abenteuerjagd. Mit von der Partie sind aber selbstredend auch die bauwütigen Doozers und die allwissende Müllhalde.

Die Radieschen der Anderen

Die Doozers sind so eine ambivalente Komponente. Bei diesen handelt es sich um fleißige grüne Lebewesen mit gelben Schutzhelmen und Werkzeuggürteln. Ihre einzige Lebensaufgabe dürfte es sein, mithilfe diverser kleiner Baufahrzeuge große Konstruktionen wie Brücken, Türme und Straßen zu errichten. Der Clou dabei: Der Baustoff sind Zucker und Radieschen. Die Bauten sind daher sehr schmackhaft und werden möglichst so gebaut, dass die Fraggles sie mögen und aufessen. Die Doozers bauen, die Fraggles essen. Eine echte Kommunikation zwischen den beiden Gruppen findet in der Originalserie in der Regel nicht statt. Da stellen sich natürlich bohrende Fragen: Handelt es sich hier um Symbiose oder gar Ausbeutung?

Auf der anderen Seite organisieren sich die Fraggles Radieschen durch glatten Diebstahl: Sie gehen zu den eher dummen Gorgs. Diese großen, braunhaarigen Riesenwesen hassen die diebschen Fraggles. Folglich ergibt sich aus der täglichen Nahrungsbeschaffung im Garten der Gorgs immer wieder ein neues Abenteuer für die Fraggles.

In der Werkstatt, durch die der Eingang zum Fraggle Rock führt, werkt der Doc. Er ist ein Tüftler, der von seinen bunten Nachbarn nichts ahnt. In der übrigens nie ins Deutsche synchronisierten Folge 95, "The Honk of Honks", erfährt der Doc schließlich davon. Und auch, dass sein Hund Sprocket immer schon von der Existenz der Fraggles gewusst und verzweifelt versucht hat, seinen stets in seine Erfindungen vertieften Doc darauf aufmerksam zu machen.

Damals war der Doc der einzige wiederehrende menschliche Charakter. Damit hat Apple nun jedoch aufgeräumt. So kommen in der Neuauflage Schauspieler wie Neil Patrick Harris oder Musikerin Alanis Morissette vor, auch sie werden als "Silly Creatures" tituliert, um erzählerische Distanz aufzubauen.

Die Fraggles sind so ein wunderbarer künstlicher Spiegel auf die menschliche Gesellschaft. Man identifiziert sich mit den kleinen, bunten Gesellen, die an Sympathie nicht zu übertreffen sind. Ihr Hinterfragen von sonderbarem Verhalten, dass Onkel Matt bei den "Silly Creatures" beobachtet, zeigt durch diesen Kunstgriff eine Außenperspektive auf uns selbst. Das macht die Fraggles wohl zur letzten Bastion der Vernunft im Fernsehen - nach Bernd dem Brot und Oliver Kalkofe.

Abheben mit den Foo Fighters

Das Ensemble ist auch in der neuen Serie im Wesentlichen unverändert: Jim Hensons lebenslustige und musikalische Fraggles Gobo, Red, Boober, Mokey, Wembley und Uncle Matt sowie die Doozers sind mit dabei. Es gibt auch neue Fraggles und Doozers, die von den Special-Guest-Stars Patti LaBelle, Cynthia Erivo, Daveed Diggs, Ed Helms und Kenan Thompson gesprochen wurden. Als musikalischer Act sind diesmal niemand Geringere als die Foo Fighters mit an Bord. Aber auch über das alte Material darf man sich freuen: Neben "Fraggle Rock: Back to the Rock" umfasst Apples Partnerschaft mit The Jim Henson Company auch "Harriet The Spy", die erste animierte Adaption des legendären Kinderromans, und die "Fraggle Rock: Rock On!"-Shorts. Freilich sind auch die alten Folgen abrufbar.

Das Erbe der Muppets

Dass es die Fraggles gab, ist nur der Einstellung jener Show geschuldet, für die Henson berühmt war: Bei den Muppets war 1981 nach fünf Staffeln Schluss. Die Fraggles, die 1983 an den Start gingen, profitierten von den Erfahrungen der Muppets. So waren die Fraggles erstmals international aufgebaut. Neben den Szenen mit den Puppen produzierte Henson von Anfang an Teile der Show, die mit realen Schauspielern arbeiteten und für verschiedene Länder mit lokalen Charakteristika gedreht werden konnten. Die Rahmenhandlung war überall gleich, aber die US-Stars, die damals im deutschsprachigen Raum kaum jemand kannte, wurden lokal besetzt. In der US-Fassung wurde etwa der Tüftler Doc von Gerard Parkes gespielt, in der deutschen jedoch von Hans-Helmut Dickow. Die Handlung ließ man dabei nahezu gleich.

Man kann Apple zum Revival der Fraggles nur gratulieren, denn wie damals passen sie genau zum Zeitgeist. Die dringend nötige relaxte Haltung den eigenen Ansprüchen gegenüber ist heute (mitten in einer Pandemie) genau das, was wir alle brauchen. Oder wie singen die Fraggles völlig zu Recht: "Hat’s Dir nicht gefallen, dann bohr Dir doch ein Loch ins Knie. Denn manchen kann man’s recht oft tun, doch allen eben nie."