Bei der BBC beginnen die Alarmglocken zu läuten. Eine äußerst ungewisse Zukunft zeichnet sich für die große Rundfunkanstalt Großbritanniens, die British Broadcasting Corporation, ab. Seit Kulturministerin Nadine Dorries bekanntgab, dass die britischen Rundfunkgebühren trotz rekordhoher Inflation von April an für zwei Jahre "eingefroren" werden, sind die BBC-Oberen mit düsteren Prognosen an die Öffentlichkeit getreten - und haben deutlich gemacht, was für Folgen das Defizit haben wird. Nicht nur müssen viele der Beschäftigten der "Beeb" nun mit Entlassung rechnen. BBC-Intendant Tim Davie hat auch gewarnt, dass viele beliebte Programme und ganze Radio- und Fernsehkanäle verschwinden könnten.

"Keine Chance"

Die Kanäle BBC2 und BBC4, zwei elementare Säulen der Anstalt, sowie Radio 3, Radio 4 und Radio 5 Live stehen ganz oben auf der Liste potenzieller Streichungen. Das Sportangebot soll weiter ausgedünnt werden. Populäre Dramen und Krimiserien stehen auf der Kippe, die Zahl teurer Produktionen muss mit Sicherheit eingeschränkt werden. Streaming-Konzerne wie Netflix hätten "die Kosten eigenproduzierter Dramen um 30 Prozent in die Höhe getrieben", erklärt der Medien-Experte Adam Sherwin. "Das lässt der BBC keine Chance."

Aber auch das umfassende Nachrichten-Angebot und die Programme zum Zeitgeschehen, die der BBC Weltgeltung verschaffen, müssen tiefe finanzielle Einschnitte und mithin Qualitätseinbußen fürchten. Denn auch für die Jahre 2024 bis 2028 ist kein voller Ausgleich des sich abzeichnenden Defizits geplant. Dabei hat die BBC gerade erst ein radikales Sparprogramm abgeschlossen, zu dem sie gezwungen war, weil ihr Real-Einkommen in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent schrumpfte. Jetzt befürchten Mitarbeiter der Anstalt, dass es ans "Eingemachte" geht. Selbst Kolleginnen und Kollegen der Kulturministerin haben sich irritiert geäußert über die plötzlich bekannt gemachte Sparmaßnahme. Da hätte man sich doch "etwas mehr Zeit für Überlegungen" lassen sollen, so Arbeitsministerin Therese Coffey.

BBC-Intendant Tim Davie gab zu erkennen, dass er noch mitten am Verhandeln war, als Nadine Dorries mitteilte, die BBC müsse weiterhin mit einer Rundfunkgebühr von 13,25 Pfund (rund 16 Euro) auskommen. Die meisten Beobachter in Westminster gehen seither davon aus, dass Dorries mit ihrem Hieb gegen die BBC ganz einfach Premierminister Boris Johnson in dessen Notlage beizuspringen suchte. Der Beifall vieler Tory-Hinterbänkler, die den unabhängigen Geist der Anstalt hassen, war ihr unter diesen Umständen gewiss. Und dies umso mehr, als Nadine Dorries auch gleich verkündete, dies werde überhaupt "das letzte Mal" sein, dass man um eine Fernsehgebühr rangle.

Von 2027/28 an, wenn die "Royal Charta" der "Beeb" wie alle zehn Jahre zur Erneuerung ansteht, werde die Rundfunkgebühr endgültig Geschichte sein. Eine Alternative zum alten Modell hatte Dorries freilich nicht anzubieten. Was weithin zu Empörung führte, zu wütender Reaktion.

Plante die Ministerin das Ende der BBC? Wollte sie diesem Glanzstück der britischen Gesellschaft, diesem Vorbild so vieler anderer Sender in der Welt, den öffentlichen Auftrag und damit die Basis seiner Existenz entziehen? War der Tory-Regierung die beharrlich-kritische Haltung der BBC zu viel? Bis hin zum Blatt der Hochfinanz, der stets kühl argumentierenden "Financial Times", reichten die Stimmen derer, die Dorries Paroli boten. "Der Sender spielt eine zentrale Rolle im kulturellen und demokratischen Leben des Vereinigten Königreichs", urteilte die FT kategorisch. "Die Zukunft der BBC muss sichergestellt sein."

Mit derart einmütigen Protesten hatte Ministerin Dorries offenbar nicht gerechnet. Ebenso schnell, wie sie das Todesurteil für die Rundfunkgebühr ausgesprochen hatte, rückte sie wieder von ihm ab. Natürlich sei man erst "am Anfang einer Debatte" über die Zukunft der BBC angekommen, erklärte sie beschwichtigend. Die Diskussion über das künftige Finanzierungsmodell habe erst begonnen. Nichts sei von vornherein festgelegt.

Dass im Zuge von technologischen Veränderungen und neuen Konsumgewohnheiten im Zeitalter von Breitband-Internet und -TV auch das Finanzmodell eines Senders der Reform bedarf, der in diesem Oktober 100 Jahre alt wird, streitet kaum jemand ab. Die Frage ist nur: Wie?

BBC über Abo?

Vorgeschlagen worden ist zum Beispiel eine Breitband-Abgabe, die sich an Verbindungen statt an Fernsehapparaten orientieren würde. Oder direkte Finanzierung des Senders aus Steuergeldern. Auch die Finanzierung durch Werbung ist im Gespräch. Aber Werbeeinnahmen sind generell im Schwinden. Eine neue Fernsehsteuer, fairer gegenüber niedrigen Einkommen, oder eine Koppelung etwa mit Gemeindesteuern wäre auch eine Möglichkeit.

Vielen Konservativen wäre es am liebsten, wenn man die BBC - wie Netflix - abonnieren müsste, statt automatisch eine Gebühr zu zahlen. Aber das wäre schon technisch schwer umsetzbar. Und es würde das Modell des universell freien Zugangs zur BBC beenden. Manche Hardline-Tories hätten auch nichts dagegen, wenn die BBC als öffentlich-rechtliche Anstalt ganz aufhörte zu existieren. Sie finden, dass der Wettbewerb der Medien ganz vom "freien Markt" geregelt werden sollte, in Anlehnung an das Beispiel USA.

Gegen solche Vorstellungen stemmen sich alle, die der BBC eine unabdingbare Rolle für die Funktion der Demokratie im Vereinigten Königreich zusprechen - vor allem zu Zeiten, wenn die Welt von "fake news" überschwemmt wird und in denen die meisten Briten immer noch "ihrer" BBC vertrauen. Politiker aller Parteien, auch moderate Tories, sind interessiert daran, an diesem "Auftrag" des Senders festzuhalten.

Die Reform der Rundgebühren dürfe nicht einfach den gerade Regierenden überlassen werden, ist ihre Überzeugung. Diese Aufgabe müsse parteiübergreifend angegangen werden.