Dieser Tage ist es immer noch sehr ruhig im Silicon Valley. Die Mitarbeiter der großen IT-Konzerne sind pandemiebedingt noch im Homeoffice - ein Umstand, der sich bereits Ende Februar wieder ändern könnte, aber derzeit noch Spekulation ist - und somit ist man näher an einer Geisterstadt als an einem pulsierenden Hort der Innovation.

Doch nicht nur Corona plagt die Branche. Auch die weltweite Ressourcenverteuerung und der Chipmangel hinterlassen Spuren. Der Skandal um die Theranos-Gründerin und die Wunderunternehmerin Elizabeth Holmes ist ein echtes (negatives) Novum für das Silicon Valley, wo grenzenloser Optimismus bislang fast alles rechtfertigte. Doch nicht nur das: Es scheint, als seien im Silicon Valley die großen Ideen ausgegangen. Aktuell besinnt man sich auf die Innovationen vergangener Jahre, vermischt mit neuen wohlklingenden und werbewirksamen Schlagworten. Wer kann, geht seinen neuen Obsessionen nach - fliegt ins Weltall, investiert in die Blockchain, egal ob Kryptokunst oder digitale Währungen, oder entdeckt die Wissenschaft.

Altbekanntes, neu interpretiert

Das beste Beispiel für den aktuellen innovativen Leerlauf im Tal der bislang unbegrenzten Möglichkeiten ist das Metaverse. Eine Mischung aus bereits gescheiterten Ideen - wer erinnert sich nun an Second Life? - mit schon wieder einmal gehypten, smarten Datenbrillen, basierend auf dem Grundgedanken des sogenannten "Web3". In der schönen, etwas naiven Welt der Technologiegläubigen ist das Web3 endlich die Möglichkeit, den großen Internetkonzernen die Kontrolle über die riesigen Datenmengen wegzunehmen. Dies soll dadurch ermöglicht werden, dass das Internet dezentralisiert wird und stattdessen immer mehr Blockchains aus dem Boden schießen, in denen die Nutzerinnen und Nutzer ihre Daten selbst abspeichern könnten.

Es zeichnet sich aber dummerweise jetzt schon ab, dass mit den heutigen Ansätzen nahezu die gleichen großen Konzerne wie schon jetzt weiterhin überproportionalen Einfluss haben und mächtiger werden. Doch natürlich arbeitet schon eine Menge schlauer Leute und vieler Start-ups an einer Weiterentwicklung von Kryptogeld und der darunterliegenden Blockchain-Technologie. Facebook, jetzt bekannt als Meta, kündigte hingegen an, dass man seine digitale Währung nun nicht starten werde. Allerdings rechnen Experten in diesem Bereich erst in den nächsten ein bis drei Jahren mit handfesten, greifbaren Entwicklungen.

Und auch dies ist ein Problem für das erfolgsverwöhnte Silicon Valley, vom Quantencomputer bis zum selbstfahrenden Auto, es werden noch einige Jahren vergehen, bis diese großen Hoffnungsträger Erfolge im echten Leben feiern werden. Faltbare Smartphones, kluge Datenbrillen für Ausflüge in digitale Welten und kleine Ausblicke in die neue Welt der Roboter und künstliche Intelligenz sollen in naher Zukunft Investoren und Konsumenten zufriedenstellen.

Apropos zufriedenstellen. Auch hier gibt es im Silicon Valley ein bislang unbekanntes Problem: die Rückkehr aus dem Homeoffice und die Pandemie. Das sogenannte "Reboarding", das Zurückholen zehntausender Mitarbeiter in die Firmenzentralen scheint wesentlich schwieriger als gedacht. Nicht alle sind mit den Strategien und Überlegungen der Arbeitgeber wirklich zufrieden und selbst im so kreativen und flexiblen Unternehmen wie den IT-Konzernen - zumindest sehen sie sich selbst gerne so - kommt es zu Diskussionen.

Irgendwie scheinen auch die Erde und die Menschen für das Silicon Valley zu langweilig geworden zu sein. Der Mars ruft. Oder zumindest der Weltraum. Alles was geht, wird in den Himmel geschossen und soll von dem tristen Sein auf dem Blauen Planeten ablenken. Der private Wettlauf um das Universum ist eröffnet, aber immer noch so weit weg vom Normalverbraucher, dass es mehr verwundert, aber Bewunderung auslöst.

Neue Obsessionen

Künstlicher Intelligenz, Robotern und Bots wird aktuell mehr Zeit gewidmet als den Anforderungen der Konsumenten. Auch wenn böse Zungen behaupten, dass dies immer schon der Fall war, so ist es nun, mangels großer technischer Innovationen und Ankündigungen mit Wow-Effekt, sichtbarer geworden. Auch die diesjährige Consumer Electronics Show, immerhin weltgrößte Messe der Unterhaltungselektronik, konnte mit keinerlei bahnbrechenden Highlights aus dem Silicon Valley aufwarten.

Grundlegende Themen, seit Jahren bekannt, sind ebenfalls immer noch nicht ansatzweise gelöst. So etwa die mangelnde Diversität unter den Entwicklern oder auch demokratie- und gesellschaftspolitische Themen. Schadenersatzzahlungen und Klagen statt partizipativen Ansätzen, es ist auch hier schon erschreckend langweilig geworden im Silicon Valley. Zu viel im eigenen Saft schmoren und im Kreis drehen.

In Corona-Zeiten haben dafür einige Silicon-Valley-Größen ihre Leidenschaft für Wissenschaft und Forschung (wieder)entdeckt. War der Nachbau des menschlichen Gehirns und somit die Unsterblichkeit des Geistes immer schon ein großes Thema, einschließlich dem aktuell wieder großen Trend der Selbstoptimierung und des Ausreizens seiner eigenen Kapazitäten, etwa durch den Einsatz niedrig dosierter Mengen an Drogen, dem sogenannten "Microdosing", so kommt nun das Investment in die Forschung wieder in Mode. Schnell verfügbare Forschungsgelder haben sich in den letzten Monaten großer Beliebtheit erfreut - sowohl von Seiten der unterschiedlichsten Investoren wie auch der Wissenschaft. Das System scheint dabei aber durchaus eine Kopie der guten, alten Start-up-Methode. Man investiert in junge Forscher und ihre Teams und nimmt sich danach, was man braucht. Echte Grundlagenforschung scheint eher von geringerem Interesse zu sein.

Ein Knacks in der Branche

Das Ende des Silicon Valley ist es nicht, so viel ist sicher, aber ein bislang nicht gekannter drastischer Einschnitt. Auch wenn Unternehmen wie Apple selbst in der Krise neue Quartalsrekorde vermelden und weiterhin Flächen zukaufen, so hat auch die Abwanderung großer Firmen in den letzten Jahren zugenommen. Doch auch hier zeigt sich keine neue Entwicklung oder gar ein neuer Trend. Denn selbst wenn die US-amerikanische Technologiebranche ungleich größer ist, so sind die großen IT-Cluster immer noch dort, wo sie zu Zeiten des 64K-Desktop-PCs und der Floppy Disc waren. Die Bay Area, Seattle, Boston und Austin, Letztgenanntes in den letzten Jahren wieder mit großen Zuwächsen, sind und waren stets die Zentren. Auch Corona hat hier wenig geändert, doch einen Knacks erlebt die gesamte Branche gerade und noch ist nicht klar erkennbar, wie es weitergehen wird. Vielleicht braucht es auch ein paar Monate der Normalität, bevor man in der IT-Branche wieder Boden unter den (virtuellen) Füßen spürt.