Es ist eine Geschichte, die so auch nur in Texas spielen kann: Am 22. November 2021 versammelte sich eine kleine Menschenmenge am Dealey Plaza in Dallas. Das ist nicht weiter ungewöhnlich, wurde dort doch im Jahr 1963 der damalige US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Dass Menschen an den durch so manche Verschwörungstheorie geadelten Ort pilgern, kommt schon mal vor, auch wenn die meisten einfach hinkommen, um dem Toten Respekt zu zollen. Doch an diesem Tag war alle anders. Denn die Menschen mit ihren roten Trump’schen "MAGA"-Kappen und "QAnon"-Flaggen warteten auf niemanden anderen als JFKs Sohn John F. Kennedy Junior.

Das Problem dabei: Der ist auch schon verstorben. Stimme gar nicht, meinen die Gläubigen der Verschwörungstheorie um "QAnon": JFK junior werde sozusagen dem Grab entsteigen und den schnöde abgewählten Donald Trump wieder als Präsidenten der USA angeloben. So weit zumindest die Theorie der "QAnon"-Gutgläubigen, die jeden Unfug glauben - so absurd kann der gar nicht sein.

Unter den zahllosen Verschwörungstheorien hat sich die "QAnon"-Bewegung wohl fraglos als eine der bekanntesten - und man darf (siehe oben) auch sagen wirrsten - etabliert. Filmemacher Cullen Hoback ("Monster Camp") hat es sich für seine sechsteilige Dokumentation "Q: Into the storm", die am Freitag auf Sky ihre deutsche Premiere hat, zur Aufgabe gemacht, die Identität des titelgebenden, anonymen "Q" aufzudecken, der als vermeintlich seriöser Informant das Internet mit abstrusen Geschichten flutet.

Denn der ominöse "Q" (wohl nicht umsonst gleichen Namens wie das allmächtige Wesen in "Star Trek: Next Generation") soll vieles sein: ein hohes Tier in der US-Regierung, im Geheimdienst, im Umfeld von Trump, der Armee. "Q" hat Einblicke und die teilt er dem gierig wartenden Volk durch sogenannte "Drops" mit. Verschlüsselte Botschaften auf der zwielichtigen Website "8chan".

Und so macht sich Cullen Hoback auf die Reise in die dunklen Seiten des Internets, um nicht nur die Hintergründe von "8chan" zu ergründen, wo "Q" seine Nachrichten postet. Und wen er dabei trifft, das sind keineswegs nur geistig-verwirrte Verschwörungsanhänger, sondern auch etablierte Vertreter, die das Medium für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Eine der steilsten Thesen ist sicher die sogenannte "Adrenochrom"-Verschwörung. Aus den dunkelsten Ecken des Internets fabuliert die rechtsextreme "QAnon"-Bewegung da von einer einflussreichen Elite, die Kinder entführe und ermorde, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum, basierend auf ihrem Adrenalin, zu gewinnen. Geht es nach den Verschwörungstheoretikern, hat einzig und allein Ex-US-Präsident Donald Trump den Kampf gegen diese illegalen Machtstrukturen aufgenommen. Der Corona-Lockdwon im Frühjahr 2020 soll nur als Vorwand gedient haben, um gegen die Blutsauger in ihren unterirdischen Kinder-Gefängnissen vorzugehen, ist man bei "QAnon" überzeugt. Ein Unfug, der kaum durch etwas zu überbieten ist: Die Substanz Adrenochrom kann leicht synthetisch hergestellt werden und ist in jeder Apotheke verfügbar. Jung macht sie leider trotzdem nicht.

Vielsagender Versprecher

Ihren Ursprung haben ihre Theorien in den offenen Internetforen von "8chan". Von hier aus gelang es Initiator "Q", seine Ideologie ungehindert zu verbreiten. Filmemacher Cullen Hoback verschaffte sich über drei Jahre lang einen beispiellosen Zugang zu den wichtigsten Akteuren der Bewegung. In Gesprächen mit "8chan"-Gründern Jim und Ron Watkins, deren Rivalen Fredrick Brennan, dem eigentlichen Schöpfer des Forums, sowie unzähligen "Q-Tubern" und kritischen Journalisten geht er der Frage nach: Welchen Einfluss hat dieses Phänomen auf unsere Gesellschaft und Politik? Und welche Folgen bringt eine uneingeschränkt freie Meinungsäußerung?

Am Ende der Serie will Hoback "Q" selbst demaskiert haben. So viel sei verraten: Eine Person verplappert sich. Ob man das für zutreffend halten mag, ist (wie bei allem) eine Glaubensfrage. Wie der Tod von JFK. Der soll ja auch . . . - oder auch nicht? Wer weiß das schon genau?