Am 7. Februar war entschieden, was einige Tage bereits zuvor angekündigt wurde - der Streaminganbieter Spotify trennt sich von dem Musiker Neil Young und setzt auf den Podcaster Joe Rogan. Diese Entscheidung schlug aus verschiedensten Gründen hohe Wellen, doch kam sie nicht unerwartet. Was am Ende bleibt, ist die Frage, ob man das bestehende System wirklich ändern will und wer es ändern kann.

100-Millionen-Dollar-Anlage

Die Vorgeschichte in aller Kürze: Spotify kaufte sich Joe Rogan und die Rechte an seinem bisherigen 11-jährigen Schaffen und den künftigen Podcasts im September 2020 um nicht weniger als 100 Millionen Dollar ein. Rogan entfernte daraufhin alle seine Inhalte von anderen Plattformen und erklärte der digitalen Welt, dass er ab sofort nur mehr auf Spotify zu finden sei, das Unternehmen aber keinerlei Einfluss auf sein Schaffen und sein Werk haben werde. Somit rechneten auch nur sehr wenige Fachleute damit, dass Spotify auf Neil Young setzen würde. In der Abwägung des Unternehmens zwischen einem Künstler, der seinen Zenit überschritten hat, und einem Podcaster, der gerade im Zeitgeist herumwirbelt und Millionen an Geld einbringt, war dieses Ergebnis zu erwarten.

Interessant ist natürlich in diesem Zusammenhang, dass Spotify mit Rogan einen Entertainer beschäftigt, der unqualifizierte Äußerungen zur Corona-Pandemie tätigte und auch anderen sehr zweifelhaften Geistesgrößen eine Bühne bot. In Zeiten wie diesen auch nichts Neues. Verdient wird ja mit Corona-Kritik und medizinisch nicht haltbaren Meinungen derzeit sehr, sehr viel Geld. Rogan soll in einigen Ausgaben seines seit 13 Jahren bestehenden Podcasts "The Joe Rogan Experience" rassistische Begriffe und Vergleiche benutzt haben. Der Streaming-Dienst stellt sich demonstrativ hinter ihn. Und versucht gleichzeitig, durch Gesten seine Kritiker zu beschwichtigen.

Zahlreiche Künstler wollen die Plattform nun verlassen und es gibt Schätzung, wonach die "Causa Rogan" zur Abwanderung von 19 Prozent der Nutzer führen könnte, noch mehr, wenn weitere Musik entfernt wird.

Es ist zwar gar nicht so schwer, Plattformen zu verlassen, aber es passiert normalerweise sehr selten und meist mangelt es ja auch an Alternativen. Würden Konsumenten alle Plattformen verlassen, die sich mit zweifelhaften Meinungen, mangelndem sozialen Engagement, Rassismus, Sexismus und sonstigen Verfehlungen "hervorgetan" haben, gäbe es keine Plattformen mehr. Es ist nun aber vielmehr so, dass die Liberalen die Hoheit über die Erzählung verloren haben.

Man diskutiert nicht mehr

Der liberale Konsens - man hilft Menschen, handelt solidarisch, unterdrückt niemanden und diskutiert Kontroversen - ist verschwunden. Die Hoheit über die Erzählung ist strittig. Und in den USA fängt es nun damit an, dass es immer mehr rechte Netzwerke gibt, die nur mehr rechte Meinungen verbreiten. Es überrascht also nicht, dass es ein Angebot über 100 Millionen Dollar von Rumble, einer Rechtsaußen-Videoplattform, die gegen YouTube in den Ring steigt, an Joe Rogan gibt, wenn er von Spotify zu ihr wechselt.

Es ist nicht unbedingt so, dass hohe Summen die hohe Kunst und das Können der Künstler widerspiegeln, war aber eigentlich auch noch nie so. In technischer Hinsicht ist Streaming ein Meisterwerk, für die Künstler - zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht - jedoch ein Desaster. Mit dem Wachstum der Streaming-Plattformen hat sich ein zutiefst unfaires Vergütungsmodell etabliert.

Anders als beim Kauf von CDs fließt das Geld des Konsumenten nicht unbedingt an die Künstler, für deren Musik er sich entschieden hat, sondern in einen großen Topf, dessen Inhalt nach einem, von den Streamingdiensten festgelegten Schlüssel prozentual verteilt wird. Es profitieren diejenigen davon, die insgesamt gesehen am meisten gehört werden. Denn allein die Gesamtzahl der Klicks entscheidet über die Höhe der Tantiemen. Viele der acht Millionen Künstler auf Spotify können sich am Ende des Monats nicht einmal eine Tafel Schokolade vom Streaming kaufen. Die meisten Künstler verdienen weniger als 1.000 Dollar im ganzen Jahr. Nur mit Hits, die millionen- oder milliardenfach geklickt werden, kann man also reich werden. Die Einnahmen reichen - je nach Plattform - von 2,86 bis 17,48 Euro pro tausend Streams.

Zahlreiche Musikerinnen und Musiker wehren sich dagegen und haben sich deshalb zu der Initiative "Fair Share" zusammengeschlossen. Sie fordern ein gerechtes Vergütungsmodell, das die tatsächliche Musiknutzung entlohnt, das "User-Centric-Modell". Danach würden die Erlöse aus jedem einzelnen Abonnement exakt an die Künstler ausgeschüttet, deren Musik der Abonnent sich angehört hat.

Eine weitere Problematik liegt darin, dass es die 30-Sekunden-Regel bei vielen Angeboten gibt. Dies bedeutet, dass ein Lied dann als gehört gilt, wenn es 30 Sekunden gelaufen ist, darunter nicht und darüber spielt keine wesentliche Rolle mehr. Dies führt wiederum dazu, dass Lieder generell kürzer werden, damit mehr Songs auch mehr Klicks und mehr Geld bringen. Dies wird durch Plattformen wie TikTok noch weiter verstärkt, wo auch Videos von wenigen Sekunden laufen.