Helge Timmerberg war müde. Er zündete sich erstmal eine Zigarette an. Dass man in den Cafés hier anders als fast überall in Europa noch rauchen darf, auch das gefalle ihm an Wien, sagte er und zog an der Zigarette, als könne er aus ihr neue Kraft saugen. Es war an einem Sonntagnachmittag Ende Oktober 2015. In der Nacht zuvor hatte Helge Timmerberg ein Buch abgeschlossen. Ein Buch "über Journalismus und Bielefeld, Havanna und den Himalaya", wie der Mann, der das Image pflegt, der wildeste aller deutschen Journalisten und Reiseschriftsteller zu sein, irgendwie nebenbei erwähnte. Eigentlich wollte er über Geister reden. Wiener Flaschengeister.

Efac, der Geist gegen das vorschnelle Wort. Snemelc, der Geist gegen die Angst vor Alkoholgenuss unter Antibiotika-Einfluss. Resul, der Geist gegen die Fehleinschätzung der Lage. Nestre Mi, der Geist für die ungestörte Lesung. Sumsini Mef, der Geist gegen den bösen Geist. Deeps, den Geist gegen unnötiges Bremsen. Redigür, der Geist gegen die Angst vor der Drittfrau. Sie alle standen vor ihm auf der Marmorplatte des Ecktischs im Café unweit des Stephansdoms, eingesperrt in kleine braune Apothekerfläschchen mit rot versiegelten Korken. Es sei zunächst nur "ein Witz gewesen", behauptete Timmerberg. Der Witz bestand darin, dass er Beipackzettel schrieb zu den Fläschchen, in denen angeblich Geister waren. "Ich erzähle Märchen auf Beipackzetteln."

Erzählen ohne Distanz

Dass der Mann, der in den 1980er Jahren den "New Journalism" aus den USA nach Deutschland und Österreich brachte, einen Journalismus, der ohne Distanz erzählt und wegen der verrückten, sehr persönlichen Herangehensweise derer, die ihn betreiben, Gonzo-Journalismus genannt wird, auch fabel- und märchenhaft schön schreiben kann, hatte er da schon längst bewiesen.

Im "Haus der sprechenden Tiere" zum Beispiel erzählte er eine Art "Romeo und Julia"-Geschichte zwischen einer Katze und einem Ferkel. "Nicht jede schlechte Situation ist wirklich schlecht. Fatal ist oft nur die Fehleinschätzung der Lage. Sind wir stark genug, um zu kämpfen, oder schnell genug, um wegzulaufen, oder ist es ein guter Tag, um zu sterben?", schrieb Timmerberg auf einen seiner Beipackzettel. "Auf Partys gingen die Dinger weg wie warme Semmeln", erzählte er.

Wobei: "Redigür, das gab sofort Ärger. Ein Geist gegen die Angst vor der Drittfrau provoziert natürlich bei der Erstfrau die Frage: Du hast eine Zweitfrau?" Frauen spielen in vielen der wilden Geschichten des Helge Timmerberg eine Rolle, ebenso wie Drogen, Partys und Gurus.

Erzählt hat er diese Geschichten in seinen Büchern, schrieb aber unter anderem auch für den "Stern", die "Zeit", "Tempo", den "Playboy". Eine große Journalistenkarriere, sicher. Aber keine, die er geplant hat, versicherte Timmerberg in dem Buch, das er in jenem Oktober 2015 abgeschlossen hat: "Die rote Olivetti". "Ich wollte nie Karriere machen, und planen wollte ich das, was ich nicht wollte, auch nicht", schrieb er in dem Buch, das er nach seiner alten Reiseschreibmaschine benannt hat. Fleiß und Talent, ja, das seien wichtige Dinge, wenn man Erfolg haben will mit dem, was einem am Herzen liegt. Das Wichtigste aber sei die Leidenschaft. Die hat er während seiner Ausbildung bei der Regionalzeitung in seiner Geburtsstadt Bielefeld noch nicht so ganz entwickelt.

Mit journalistischen Leitsätzen wie "Ein Journalist darf niemals die Augen vor etwas verschließen" kam er nicht zurecht. Ein Journalist muss sogar seine Augen ab und zu schließen, fand Timmerberg. Denn nur so könne er "nach innen blicken". Das tat der Lokaljournalist und bekam den Verdacht: "Glücklich ist, wer sich dem Fluss übergibt." Er selbst sei von Geschichte zu Geschichte geflossen. Mal sei es ihm dabei vorgekommen, mit einem Floß unterwegs zu sein, mal mit einem Schnellboot. Und irgendwann trieb ihn der Fluss zum Boulevard. Timmerberg ließ sich von der "Bunten" anheuern. Er bekam "ein Wahnsinnsbüro und Wahnsinnskohle", wollte aber dennoch bald wieder kündigen. Das habe an München, dem Sitz der "Bunte"-Redaktion, gelegen. Er konnte die Stadt nicht leiden. Ganz im Gegensatz zu Wien, das für ihn "eine der schönsten Städte der Welt" ist. Auch weil er findet: "Weisheit ist das eine, Wien das andere."

Die "Bunte" wollte ihren Star-Schreiber halten, der Chefredakteur sagte: "Du kannst von überall schreiben." Timmerberg entschied sich für Havanna. Fortan wurden ihm Informationen aus München per Fax nach Kuba geschickt. Er machte daraus Geschichten und faxte sie zurück. Das Schreiben wurde wieder zur Party, inklusive Alkohol- und Drogen-Exzessen. Der Fluss seines "ziemlich wilden Lebens zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja", wie der Untertitel des "Roten Olivetti"-Buches lautet, trieb Timmerberg irgendwann auch wieder von der "Bunten" und von Kuba weg.

Inzwischen lebt er im schweizerischen St. Gallen. Dort hat er nun ein weiteres Buch über sein Leben geschrieben. "Lecko mio - siebzig werden" heißt es. Natürlich geht es wieder um Frauen, um Alkohol, um Drogen und um Partys. Aber es ist auch ein recht nüchterner Blick zurück: "Mit zwanzig wurde mir klar, dass mir Schreiben und Reisen lag, und ich dockte bei einer Tageszeitung an. Zehn Jahre später verließ ich die kleine Welt der Lokalredaktionen, und das Reisen begann. Mit fünfzig ahnte ich dann, dass ich ab sechzig als rasender Reporter eine Fehlbesetzung sein würde und schaltete auf Bücher um, weil sie einen längeren Atem haben."

Und es geht in "Lecko mio" darum, dass das Alter für das Leben so etwas wie der Absacker nach einem guten Tag ist. Ein Absacker, den er allerdings nicht als Rentner im Heim trinken möchte. Timmerberg hat für sich entschieden: "Nie in Rente!" Denn: "Was macht ein Rentner? Endlich um die Welt reisen? Haha! Endlich ein Buch schreiben. Sehr lustig." "Lecko mio" ist das 17. Buch des Jubilars, der am 13. Februar 70 Jahre alt wurde. Als Rentner, weiß er, würde er nicht mehr schreiben. Weil dann der Druck fehlt. Denn Schreiben, das sei nun mal "geistige Knochenarbeit". Und so kommt Timmerberg, der nie Karriere machen wollte, mit 70 doch noch ein "endgültiges Karriereziel" in den Sinn: "Lieber Tod als Altenheim."

Bewusst ungesund

Ein Freund, erzählt Timmerberg, lebe bewusst ungesund, "um nicht älter als sein Gehirn zu werden". Wenn er selbst über seine letzte Reise fantasiere, komme ihm immer wieder der Himalaja in den Sinn. Aber er habe da auch einen Tipp aus der Steiermark bekommen: "Man kann auch prima besoffen vor dem Wirtshaus erfrieren. Das sei völlig schmerzlos und kurz vorher ziemlich lustig."

Er glaube zu 93 Prozent nicht an Geister, hat Helge Timmerberg vor gut sechs Jahren im Wiener Café Moser gesagt. Aber manchmal "übernehmen die sieben Prozent", schob er nach. "Und wenn ich dann spüre, dass da etwas ist, dann habe ich keine Angst." Das Alter, so scheint es, umgibt Helge Timmerberg wie ein Geist. "Lecko mio" ist der Beipackzettel dazu.