Der Sturm auf das Kapitol in Washinton hatte gesellschaftspolitische Auswirkungen in den USA, deren Aufarbeitungsprozess immer noch läuft. Doch die wesentlich größere direkte Auswirkung war die Sperre des Twitter-Zugangs von Donald Trump. Durch den Verlust des größten Sprachrohrs der konservativen Rechten - bis hin zu ganz Rechtsaußen - blieb eine Lücke zurück, die seither nicht mehr adäquat geschlossen werden konnte.

Nun nähern sich die nächsten richtungsweisenden Wahlen in den USA und mit einem Schlag starten neue, aber auch altbekannte Plattformen mit neuen Initiativen und Aufmerksamkeitskampagnen. Eines zeichnet sich dabei deutlich ab: Hinter vielen Angeboten stehen Vertraute des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Und es geht nicht um Fakten, aber das war schon vorher klar, es geht um Macht. Seit einigen Jahren kann man das Wort "Alternativ" vor jeden erdenklichen Begriff setzen und zeigt so seine persönliche oder politische Ausrichtung. Was früher "Anti" war und als eher links galt, ist nun also "Alternativ" und eher rechts. Schon kurz nach der Twittersperre von Trump im Jänner 2021 suchte das rechte Establishment neue Plattformen beziehungsweise den Aufbau anderer "alternativer" Sozialer Netzwerke.

Vom Freund zum Feind

Die neuen Feindbilder waren die ehemaligen Lieblinge: Facebook, Twitter und WhatsApp. Parler wurde so zum beliebtesten Twitter-Konkurrenten und Telegram zum alternativen Messengerdienst - auch in Europa in Corona-Zeiten. Da Telegram aber nicht unter der Kontrolle der Alt-Right-Bewegung steht, werden in den letzten Monaten immer wieder die Rufe nach einer Alternative zur Alternative laut, da man ein baldiges Aussperren der umstrittenen Kanäle fürchtet. Parlers Ende kam ebenso von außen, denn auch hier hatte man keinen Zugriff auf die Infrastruktur und konnte eine Schließung durch Amazon nicht verhindern.

Eine strategische Notwendigkeit, um eine "alternative Meinungsfreiheit" mit "alternativen Fakten" in der virtuellen Welt zu schaffen, ist daher eine Infrastrukturplattform, die sich denselben Werten verpflichtet. Zahlreiche App- und Dienstebetreiber aus dem rechtskonservativen Umfeld nutzen nun die Server- und Rechenkapazitäten des Unternehmens Right Forge. Der Online-Konzern wirbt mit den Slogans "American Ideas, American Internet" und "Our Code is Liberty".

Auch Trumps neue Plattform Truth Social hat dort ihre digitalen Wurzeln. Hinter Truth Social steht die vom früheren US-Abgeordneten Devin Nunes geführte Trump Media & Technology Group (TMTG). Das Unternehmen hatte im Dezember bei privaten Investoren rund eine Milliarde Dollar eingesammelt, und man will auch an die Börse gehen. TMTG steht auch in einer engen Partnerschaft mit Rumble, einer Videoplattform, die sich als Youtube-Alternative etabliert. Und auch hinter der Social-Media-App Gettr steht ein Trump-Vertrauter. Der ehemalige Trump-Berater Jason Miller gründete das Unternehmen, das nun mit Donald Trumps eigener Plattform Truth Social Konkurrenz bekommt.

Abgerundet wird das rechtskonservative Netz der sozialen Plattformen im digitalen Paralleluniversum durch eine Dating-App für Personen, die der politischen Bewegung nahestehen. The Right Stuff heißt die Dating-App, die vom ehemaligen Trump-Berater John McEntee ins Leben gerufen wurde und "Konservative auf einfache Weise verbinden will". Der Facebook-Investor und Tech-Milliardär Peter Thiel, der sich erst kürzlich aus dem Verwaltungsrat von Facebook zurückzog, um aktiver in die US-Politik einzugreifen, hat bereits einen Millionenbetrag in die Anwendung investiert.

Freiheit und Wahrheit sind die Schlagworte der neuen rechten Anwendungen und Konzerne. Die Anwender bekommen allerdings das ziemlich genaue Gegenteil - eine Meinung in vielen Echokammern. Das Ziel ist die Dauerbeschallung durch automatisierte Trump-Bots und die Kontrolle über die Diskurse. Bisher hatten die rechtskonservativen Plattformen nur sehr beschränkten Erfolg. Es ist fraglich, ob nun genug Geld investiert wurde, um länger sichtbarer und einflussreicher zu bleiben. Neue Studien zeichnen ein anderes Bild: Die Nutzer etablierter Plattformen wünschen den alternativen Angeboten viel Erfolg. Was auf den ersten Blick seltsam klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Man wünscht sich Plattformen ohne die andauernde Berieselung durch alternative Unwahrheiten.