Margarita Simonjan ist eine der einflussreichsten Frauen in der weltweiten Medienlandschaft. Das liegt daran, dass Simonjan seit 2005 Chefredakteurin des Fernsehsenders RT, der früher Russia Today hieß, und seit 2013 auch Chefredakteurin der staatlichen Medienagentur Rossija Sewodnja ist.

Das Narrativ von Russia Today, die Rolle von Sputnik und anderen "alternativen Angeboten" nicht nur im aktuellen Kriegsgeschehen, sondern auch während der Wahlen oder der Corona-Pandemie wird nun heftiger und lauter diskutiert. Nicht alle Experten meinen etwa, dass die Sperre der Angebote sinnvoll ist. Doch ist klar, dass es für die offene Ausstrahlung von Propagandasendern in einer Gesellschaft einer wesentlichen Größe bedarf, die allzu oft fehlt - nämlich eines mündigen, denkenden und hinterfragenden Publikums.

Ritt auf mehreren Pferden

"Russia Today reitet stets auf zwei Pferden gleichzeitig", so Stephen Hutchings, Professor für Russischstudien an der Universität Manchester, in einem virtuellen Pressegespräch, veranstaltet vom Presseclub Concordia. Hutchings und sein Team haben kürzlich eine umfassende Studie über "die Rolle von RT bei der Präsentation Russlands für ein internationales Publikum" fertiggestellt.

Das Kalkül von Russia Today folgt dabei einigen klar erkennbaren Strategien. Je nach politischer Situation in dem jeweiligen Land - RT ist auf Russisch, Englisch, Deutsch, Arabisch, Mandarin, Spanisch und Französisch auf unterschiedlichen Kanälen verfügbar - werden auch die Inhalte entsprechend adaptiert: Die spanische Version ist eindeutig "linker" als die französische oder deutsche. Ein Team aus muttersprachlichen Journalisten stellt den passenden Content parat, heftig diskutierte Themen werden dann als Mittel genutzt, um Konsumenten auf die eigenen Seiten zu holen und dort mit politischem Propaganda und dem quer über alle Plattformen gelebten Narrativ zu füttern. Das offizielle Leitbild von RT lautet: "Wir zeigen den fehlenden Teil zum Gesamtbild. Also genau jenen Part, der sonst verschwiegen oder weggeschwiegen wird." So positioniert sich der Sender, gemeinsam mit seinem weitaus aggressiveren Pendant "Sputnik" (dessen Eigendefinition lautet - "Wir berichten über das, worüber andere schweigen") als Teil der medialen Widerstandsbewegung, der Gegenöffentlichkeit im Netz.

Trotz der "großen Präsenz in der internationalen Rundfunkarena" mit etwa 22 Büros weltweit und rund 1.000 Journalisten sei der Einfluss von RT im Westen überschaubar. Die Zuschauerzahlen der Fernsehsender in der westlichen Welt bezeichnete Hutchings als "bescheiden". Nur bei RT spanisch und arabisch seien die Zahlen besser. Erfolgreicher agiere RT in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter sind es zwei Millionen Follower und auf Instagram zeige sich ein rasches Wachstum. Der Youtube-Kanal habe rund 4,5 Milliarden Seher. Youtube hatte allerdings mitgeteilt, RT auf der Videoplattform, einschließlich mehrerer russischer Kanäle, spürbar einzuschränken.

Gelbwesten und Anti-Corona

In Frankreich wurden etwa die Anliegen der Gelbwestenproteste befeuert, in Deutschland und Österreich die Anti-Corona-Bewegung. Stets dabei die Agenda dahinter. So zeigt sich aktuell in den einschlägigen Telegram-Kanälen, wie sich nun über das Fehlen einer ausführlichen Corona-Berichterstattung ("Es scheint, als gebe es kein Corona mehr") lustig gemacht wird und die neue Ablenkung des Westens der erfundene Krieg sei, zu dem die Nato und die geimpfte Welt aufrufen und sich Russland wehren muss. Eine gefährliche Verquickung der Corona-Demonstrationen mit ihrer Symbolik (Ungeimpft-Sterne oder Sophie Scholl) mit der "Entnazifizierungs-Rhetorik" des Kreml.

Zwei wesentliche Punkte sind es wert, noch genauer betrachtet zu werden. Zum einen die Querverlinkungen der sogenannten "Alternativen Medien" untereinander - RT verlinkt auf Sputnik und umgekehrt. Dazwischen gibt es nationale Verschwörungsplattformen und Sender, die ebenfalls untereinander die gleichen Inhalte teilen, um so ihre eigenen Echokammern zu bilden, die einen breiten Konsens vorspielen sollen. Zum anderen steckt man in dem Dilemma fest, was es bedeutet, wenn anerkannte Experten Auftritte bei RT oder ähnlichen Medien geben. Wird ein Experte der "anderen Seite" eingeladen, gilt dies als Beispiel für ausgewogene Berichterstattung - was die "Mainstream-Medien" ja nicht machen. Gleichzeitig wird die andere Meinung durch eine Vielzahl von Gegenstimmen live lächerlich gemacht oder sogar angegriffen.

Dennoch hält Hutchings wenig von einem Verbot von RT. Das Verbot diene dann bloß der "russischen Erzählung" über westliche Scheinheiligkeit, wonach westliche Medien Dinge ausblenden, die sie nicht hören wollten. Auch erwartet Hutchings, dass westliche Journalisten betroffen sein könnten und nicht mehr aus Russland berichten dürften. "Das bedeutet, dass die Gegendarstellung, die Botschaft, die wir den einfachen Russen vermitteln wollen, ihnen verwehrt wird."