Die Rolle ist offensichtlich noch ungewohnt. Mit akkurat aufgezwirbeltem Bart sitzt ein junger ukrainischer Social-Media-Influenzer vor seinem Rechner und erklärt den digitalen Abwehrkampf, den er und seine Freunde gerade gegen die russische Invasion in seinem Land führen. In bestem HD-Stream mit Profi-Headset, das vor wenigen Tagen wohl noch für Gaming-Streams verwendet wurde, erklärt der Mann (dessen Namen wir hier bewusst nicht nennen), wie junge Unkrainerinnen und Ukrainer der Armee helfen können. Nicht mit Waffen, "von denen wir nicht einmal wissen, wie man sie halten soll". Auf den Sozialen Medien. "Kämpfen ist für die Soldaten. Wir machen das, was wir am besten können."

Und so fluten beide Seiten die Sozialen Medien von Twitter über Facebook bis TikTok mit Inhalten. Szenen aus den Kellern, Videos vom Beschuss, der den Nachthimmel kurz erleuchtet, bis ein dumpfer Knall folgt. Junge Menschen, die Molotowcocktails bauen, die sie gegen Panzer werfen wollen. Sie nennen es "Kampf". "Selbstmord" nennt das ein Armee-Oberst Dienstag in der "ZiB2".

Vom Angriff auf den Fernsehturm in Kiew wissen wir, weil davon Videos im Netz kursieren. "Die nachfolgenden Videos beinhalten drastische Darstellungen", warnt Twitter, bevor das Video startet. Man sieht die Leichen von ukrainischen Soldaten, die neben dem Fernsehturm blutig in den Trümmern liegen.

Wohl noch nie in der Geschichte waren wir als Zuseher so nahe an einem Krieg dran wie in diesem. Musste man sich bei Vietnam noch auf Bilder in Zeitungen und Magazinen verlassen, war das Fernsehen im Irak schon live dabei. "Embedded Journalism" nannte man das damals - TV-Teams, die die Einheiten begleiten und dokumentieren. Der Krieg als TV-Inszenierung.

Mehr als 25 Jahre später hat das Fernsehen seine Führungsrolle völlig aus der Hand gegeben. Wer heute am Geschehen dran sein will, braucht schon lange kein CNN mehr. Ein paar Social-Media-Accounts reichen völlig, um das Gefühl zu haben, aus erster Hand informiert zu werden.

Aber werden wir das wirklich? Und was macht das mit uns? Ersteres kann man mit einem klarem "Ja, aber . . ." beantworten. Denn nirgendwo wird so ungeniert manipuliert, getäuscht und gelogen wie auf den Sozialen Medien. Die Algorithmen dieser Dienste sorgen zudem dafür, dass es einen Wettbewerb um die grausamsten Bilder, die krassesten Geschichten und die lautesten Reaktionen gibt. Hier herrscht das Recht des Stärkeren: Besonnene Stimmen haben schon aufgrund der Bauart dieser Medien absolut keine Chance, durchzudringen. Die Sozialen Medien als Kriegsverstärker? Davon muss man, wie die Entwicklung zeigt, leider ausgehen.

Auf der anderen Seite ist auch die Quellenüberprüfung so schwierig wie nie zuvor. Experten warnen vor geradezu dreisten Falschmeldungen. So wurden offenbar bereits mehrfach Videos aus dem Computer-Militärsimulationsspiel "Arma 3" geteilt. Zu sehen: Bilder von Explosionen aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt im Gazastreifen oder alte Aufnahmen von schwerem Beschuss und Animationen von fliegenden Flugzeugen. Diese wurden jedoch als Videos der russischen Invasion in der Ukraine dargestellt. Bei TikTok ist man darob alarmiert: "Wir beobachten die Situation genau, mit erhöhten Ressourcen, um auf aufkommende Trends zu reagieren und Inhalte zu entfernen, einschließlich schädlicher Fehlinformationen und Förderung von Gewalt", so ein TikTok-Sprecher.

Doch man versucht, dem Problem der Falschmeldungen auch mit Sperren Herr zu werden: So hat Youtube die Kanäle der russischen Staatssender RT und Sputnik europaweit gesperrt. RT und Sputnik stehen Westen immer wieder als Propagandainstrument des Kreml in der Kritik. Zentraler Vorwurf: Der Sender verbreite im Auftrag des russischen Staates jede Menge Verschwörungstheorien und Desinformationen und rechtfertigen den Angriffskrieg in der Ukraine. Zudem soll auch deren Zugang zu europäischen Medien-Kanälen blockiert werden.

Die Bilder werden kleiner

Doch was macht dieser noch im Wesentlichen ungefilterte Strom an Informationen mit uns? Zunächst das naheliegende: Durch den Konsum auf dem Smartphone statt auf dem Fernsehschirm hat sich unsere Wahrnehmung verkleinert. Details sind weniger gut zu erkennen, die Videos wirken nicht so wuchtig wie auf dem großen Schirm. Ihre Fülle führt zudem zu einer leicht umsetzbaren Vermeidungsstrategie. Das Thema auszublenden ist dank Blockade- und Lernmöglichkeiten des Algorithmus so einfach wie nie zuvor. Zudem wird es immer leichter, der Gewalt ihre Basis in der Realität zu nehmen. Wenn Fälschungen an der Tagesordnung stehen, leidet auch die Glaubwürdigkeit von echten Bildern. Wer weiß denn schon, ob das alles stimmt? Ob es auch echt ist? Wird hier wieder übertrieben, was das Zeug hält? Zweifel wie diese machen es einfach, das Thema einfach auszublenden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Querdenker behaupten, man wolle ablenken und rasch eine andere Sau durchs Dorf treiben, weil sich Corona nun nicht mehr zur Kontrolle der Massen eigne.

Videos über die russische Invasion. Weinende Menschen in fensterlosen Luftschutzbunkern. Explosionen in ukrainischen Städten und rollende Panzer. Das Bild der "Spezialoperation" Russlands sieht in der Realität anders aus als gedacht. Auch den hohen Digitalisierungsgrad der Ukraine und den Willen der ukrainischen Nutzer hat man im Kreml offenbar unterschätzt. Dass beim Angriff auf Charkow offenbar geächtete Streumunition eingesetzt worden ist, wissen wir nur dank der Prüfung von Videos, die auf Sozialen Medien geteilt wurden. "Fake News", hieß es dazu aus dem Kreml.

Dass Russland zudem die letzten unabhängigen Medien, einen ausgerechnet 1990 gegründeten TV- und den Radiosender Echo, nun abdreht und zugleich die Twitter-Geschwindigkeit massiv drosselt, sagt ohnehin alles, was man wissen muss. Wer das offizielle Narrativ in Frage stellt, wird gecancelt. Ob diese Strategie aus dem Stalinismus im Jahr 2022 noch aufgeht, wird sich weisen.