Der ukrainische Geschichtslehrer Wassilyj Petrowytsch Holoborodko ist ein einfach gestrickter Mann. Er lebt nach der Scheidung wieder bei seinen Eltern, wo er sich im Feinripp-Unterhemd mit seiner Nichte um die Badbenützung streitet. Mit dem Nachbarn diskutiert man um den Parkplatz und im Übrigen muss er sehen, dass er seine Kreditraten abbezahlen kann. Doch eines Tages platzt Wassilyj der Kragen. Gegenüber dem Schulwart lässt er sich zu einer Wutrede hinreißen. Wie allgegenwärtig die Korruption in der Ukraine sei und was er nicht alles tun würde, wenn er Präsident wäre. Minutenlang redet er sich in Rage.

Was er nicht weiß: Einer seiner Schüler filmt heimlich mit und stellt das Video ins Internet. Millionen von Ukrainern stimmen begeistert zu und wollen, dass der "Mann des Volkes" bei der Wahl antritt. Seine Schüler bringen die "Wahlspende", die für den Antritt nötig ist, per Crowdfunding auf. Zum Entsetzen der Oligarchen gewinnt Wassilyj die Wahl tatsächlich und wird Präsident.

So beginnt die ukrainische Erfolgs-Sendung "Diener des Volkes". Ganz lustig, aber sicher kein Exportschlager. Wenn da nicht der Hauptdarsteller wäre: Wolodymyr Selenskyj. Seines Zeichens Drehbuchautor und Schauspieler sowie Teilnehmer am ukrainischen "Dancing Stars". 2015 konnte der muskulöse Mime seine Popularität mit der Polit-Serie nochmals extrem steigern. Was dann geschah, ist sozusagen die Fortsetzung der TV-Serie in der Realität: Selenskyj wurde 2019 tatsächlich zum Präsidenten gewählt. Und ist seitdem wohl in seiner Lebensrolle angekommen.

Auf Reagans Spuren

Ein Schauspieler als Präsident ist nicht weiter ungewöhnlich. Ronald Reagan war erfolgreicher Western-Darsteller, bevor er zu einem der beliebtesten Präsidenten der USA wurde. "Terminator"-Star Arnold Schwarzenegger schaffte es herkunftsbedingt immerhin noch zum Gouverneur Kaliforniens. Aber eine so direkte Karriere wie bei Selenskyj ist schon ungewöhnlich. Wenngleich Selenskyj immerhin studierter Jurist ist. Jedoch hat er ja exakt die Rolle des Quereinsteigers bereits im Fernsehen gespielt. Da wie dort gibt er Pressekonferenzen und hält Reden. In der Realität freilich muss er die Ukraine vor den Aggressionen schützen. Dass ihn, einem Mann mit jüdischen Wurzeln, der drei Familienmitglieder im Holocaust verloren hat, von Russland vorgeworfen wird, die Ukraine sei mit Nazis verseucht, könnte absurder nicht sein.

Doch davon ist in "Diener des Volkes" keine Rede. Aber auch hier bleibt sich die Figur des Holoborodko selbst treu. Angewidert lässt er sich nicht mit Vorzügen korrumpieren. Er entscheidet sich dafür, mit der korrupten Politik aufzuräumen. In Wirklichkeit war das schon der Grundstein seiner realen politischen Karriere.