Ob Streetdance, Urban Dance, Breakdance oder Hip-Hop: Die heutigen Jugendkulturen teilen weltweit eine gemeinsame Tanzsprache - nicht nur live bei sogenannten Battles, sondern auch über die sozialen Medien. Die Corona-Pandemie mit ihren Beschränkungen hat diesem Phänomen zu einem noch rasanteren Tempo verholfen. Die globale Welle der Tanzbegeisterung ist vor allem auf TikTok, Instagram und Youtube zu beobachten. Der Kultur-Fernsehsender Arte geht dieser Jugendbewegung in der zweiteiligen Dokumentation "Die Geschichte des Streetdance" profund nach - zu sehen am 11. März im TV und bereits jetzt bis 8. Juni als Stream auf der Homepage des Senders.

Tanz auf Sklavenschiffen

Das Besondere an dieser tanzhistorischen Aufarbeitung ist vor allem die Auseinandersetzung mit den kulturellen Wurzeln der heutigen Tanzkultur, die weit in die Geschichte der Sklaverei zurückreicht. Die Tanzhistoriker Katrina Moore und James Frazier erklären dabei detailgenau die Zusammenhänge zwischen den ersten Sklavenschiffen in Verbindung zu den Tanzschritten: So mussten die Sklaven auf den Schiffen für Weiße tanzen - mit Ketten an den Fußgelenken. Dieser in seiner Bewegungsfreiheit beschränkte Tanz wurde zum späteren Shuffle Dance, der auch heute in der Jugendkultur zu sehen ist.

Der Savoy Ballroom

Auch berichtet die Doku über die amerikanischen Minstrel-Shows, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. In diesen rassistischen Unterhaltungsprogrammen - bestehend aus Liedern, Tänzen und Sketches - traten schwarzgeschminkte Weiße und in Ausnahmefällen Afroamerikaner auf, die zur Belustigung ihres Publikums die schwarze Kultur karikierten.

Menschenansammlung vor dem legendären Savoy in Harlem, New York City. - © Arte / Getty Images / Bettmann
Menschenansammlung vor dem legendären Savoy in Harlem, New York City. - © Arte / Getty Images / Bettmann

In Europa begeisterte Josephine Baker ihr Publikum. Einerseits bediente sie sich ebenfalls der Stereotypien, in dem sie grimassenschneidend im Bananenröckchen auftrat. Andererseits vereinte die talentierte Tänzerin in ihren Choreografien Cake Walk, Charleston oder Lindy Hop, die in der Jazz- und Swing-Ära im 20. Jahrhundert die Massenkultur erreichten.

Diesbezüglich ist auch der Blick der Dokumacher auf den Savoy Ballroom in Harlem, New York City, in Bezug auf Tanz wichtig, wird doch dieser legendäre Nachtklub meist nur mit seiner Bedeutung für die Entwicklung der Jazzmusik genannt. Dass dieser soziokulturelle Raum, in dem die Regeln von draußen nicht galten, die Keimzelle des Streetdance ist, wird selten erwähnt. Die wegweisende US-amerikanische TV-Sendung "Soultrain" wird in der Dokumentation ebenso berücksichtigt wie der stilprägende James Brown und Michael Jackson mit seinem Moonwalk - den er übrigens nicht erfunden hat.

Olympische Disziplin

Neben den geschichtlichen Wurzeln des Sammelbegriffs Streetdance zeichnet die Doku vor allem im zweiten Teil ein Bild der heutigen Szene, die in Frankreich, dort nennt man sie Danses Urbaines, seit zwei Jahrzehnten vom Rand der Gesellschaft in die Tempel der Hochkultur drängt und bereits auch an Hochschulen unterrichtet wird. Zu Wort kommt etwa Niels "Storm" Robitzky, der seit 1983 die Stilrichtungen Hip-Hop und Funk vertritt, einer der führenden Künstler und Pioniere auf diesem Gebiet ist und beim Wiener Impulstanz-Festival sehr gefragte Workshops abhielt.

Ein Höhepunkt dieser Tanzrichtung soll das Jahr 2024 werden, wenn Breakdance in Paris olympische Disziplin wird. Als Oberschiedsrichter dann mit dabei: Niels "Storm" Robitzky.