Immer wieder gehen Bilder von Menschen, die sich freiwillig gelbe Davidsterne angeheftet haben mit der Aufschrift "ungeimpft" und damit unverhohlen auf die Judensterne im Nationalsozialismus anspielen, durch die Medien. Sie wähnen sich in einer NS-ähnlichen Diktatur, weil sie sich nicht impfen lassen wollen. Dieses Narrativ, das auf den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen der vergangenen zwei Pandemiejahre seinen Nährboden gefunden hat, ist trauriges Fallbeispiel dafür, wie relevant eine fundierte und umfassende Auseinandersetzung mit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg nach wie vor ist und wie schnell ein Abrutschen in Geschichtsrevisionismus und Trivialisierung geht, wenn man diese Auseinandersetzung nicht über den Geschichtsunterricht hinaus forciert.

Einige Projekte versuchen daher, die Erinnerungskultur neu zu gestalten, den historischen Kontext niederschwellig digital aufzubereiten, um auch - aber nicht nur - junge Zielgruppen über die ihnen vertrauten Kanäle und Erzählweisen abzuholen.

Das Anne Frank House veröffentlichte etwa 2020 das Anne Frank Video-Tagebuch auf YouTube mit 15 Episoden, 2021 folgte die zweite Staffel. Besonders während der Lockdowns bekam die Relevanz solcher Projekte eine weitere Dimension: Menschen konnten nicht zu Erinnerungsorten und Gedenkstätten kommen, also mussten die Erinnerungsorte zu ihnen gebracht werden.

Schüler als erste Zielgruppe

Auch für Maximilian Schnürer vom Wiener Konzept- und Designstudio buero butter war die Zeit im Lockdown nötiger Impuls für seine Diplomarbeit: Anne Frank - der Podcast wurde am 27. Jänner 2022 veröffentlicht und ist eine multimediale Auseinandersetzung mit dem Anne-Frank-Tagebuch. Kernstück ist der Podcast, in dem 46 bekannte Persönlichkeiten unterschiedlicher Branchen von Kabarett bis Journalismus das Tagebuch einlasen. Begleitet wird das Ganze durch eine Website, die in einer virtuellen Zeitachse sowohl die einzelnen Kapitel des Tagebuchs verortet und abspielt, als auch auf wesentliche politische Ereignisse genauer eingeht und somit den autobiografischen Bericht in historischen Kontext setzt.

"Ursprünglich war das Projekt auf Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 18 ausgerichtet", sagt Schnürer. "Wir haben aber im Lauf der Zeit gesehen, dass Volljährige bei Corona-Demos mit Judensternen auf die Straße gehen oder mit Schriftzügen wie ‚Impfen macht frei‘. Das ist Verharmlosung. Daran merkt man, wie relevant dieses Thema immer noch ist." Deshalb habe man Stimmen aus unterschiedlichen Generationen für das Projekt angefragt. "Das ist ein gesellschaftliches Grundthema, und nicht nur eines der Jugend."

In Podcast und Sozialen Medien sieht Schnürer den Vorteil der Niederschwelligkeit, allerdings ein zweischneidiges Schwert: "Diese Einfachheit, jederzeit an Inhalte zu kommen, birgt große Chancen, aber natürlich auch Gefahren."

Auf Instagram werden unter @annefrank.digital Informationen zu den einzelnen Lesenden und zu historischen Ereignissen geteilt. Dafür habe man sich ganz bewusst entschieden, um die Aufmerksamkeit auf den Podcast zu lenken und weil es bereits einige Instagram-Projekte gab. Wie etwa das Projekt @eva.stories vom israelischen Unternehmer Mati Kochavi aus dem Jahr 2019, das die Geschichte der ungarischen Jüdin Eva Heyman über Instagram-Stories erzählt; Heyman wurde 1944 im Alter von 13 Jahren im Vernichtungslager Auschwitz von den Nazis ermordet.

Einen ähnlichen narrativen Zugang wählte auch das Team hinter dem Instagram-Account @ichbinsophiescholl, ein Projekt der öffentlich-rechtlichen deutschen Sender SWR und BR, mit dem Unterschied, dass hier in nachempfundener Echtzeit gepostet wurde. Der Instagram-Account schildert von Mai 2021 bis Februar 2022 die letzten zehn Monate der Widerstandskämpferin, von ihrer Zugfahrt nach München, wo sie im Mai 1942 ihr Studium begonnen hat, bis zu ihrer Verhaftung am 18. Februar 1943, aus Point-of-View-Perspektive von Sophie Scholl, gespielt von Luna Wendler. Auch andere Protagonisten der Weißen Rose werden durch Schauspieler dargestellt. Hauptquellen für die Monologe und Dialoge waren die Briefe und Aufzeichnungen von Sophie und Hans Scholl, aber auch Sekundärliteratur.

Es handelt sich bei dem Account offenkundig um Fiktion, die sich an wahren Begebenheiten orientiert. "Voriges Jahr stand der 100. Geburtstag von Sophie Scholl an. Da sie im Sendegebiet des SWR geboren wurde und es schon sehr viel Material über sie gibt, wollten wir ihr Leben anders erzählen", sagt SWR-Redakteurin und Ideengeberin Susanne Gebhardt.

Das gilt übrigens auch für die Kommentarfunktion. Tatsächlich finden sich in den Kommentaren unter den Postings des Accounts einige Nachrichten von Usern, die direkt an Sophie Scholl gerichtet sind. In diesem Fall antwortete das Community-Management-Team in der Ich-Perspektive, teilweise mit Zitaten aus Sophie Scholls Aufzeichnungen, wenn Fragen zu historischen Hintergründen oder zum Projekt selbst aufkamen, antwortete der Account als Außenstehender.

750.000 Follower

Die interaktive Dimension, die die sozialen Medien im Kern ausmacht, spielt hier und in der digitalen Erinnerungskultur generell eine beachtliche Rolle. Auch mit @ichbinsophiescholl wollte man ursprünglich eine jüngere Zielgruppe erreichen: "Wir haben das Projekt für eine jüngere Zielgruppe konzipiert. Aber über die Laufzeit des Kanals hat sich gezeigt, dass der Großteil der Zielgruppe zwischen 25 und 35 ist", sagt Gebhardt. Der Instagram-Account hat einiges an Aufsehen erregt und zählt nach wie vor über 750.000 Follower.

Neben vielen positiven Reaktionen - das Projekt wurde erst vor kurzem mit dem New Media Journalism Award des ÖJC ausgezeichnet - kam auch Kritik auf, wie etwa der Vorwurf der Entkontextualisierung, die mit dieser Erzählweise einhergehe. "Die Idee ist, dass Sophie nur das erzählt, was sie zum damaligen Zeitpunkt wissen konnte", entgegnet Gebhardt. "Es ging darum, die Perspektive einer 21-Jährigen in der damaligen Zeit einzunehmen." Dazu gehören laut Gebhardt genauso unpolitische Alltagsmomente wie auch die schrittweise Politisierung Scholls. Man müsse das Projekt als komplexes Ganzes sehen, in der Gesamtheit seiner verschiedenen Instagram-Formate. "Man muss sich auch auf die subjektive Erzählweise einlassen. Unser Anspruch war nie eine historische Vollständigkeit." Viel eher gehe es darum, zum Diskurs anzuregen und die Followerschaft dazu zu bringen, sich selbst stärker mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Kritik am Kunstgriff

"Stell dir vor, es ist 1942 auf Instagram . . .", steht auf den ersten beiden Postings des Kanals Ende April 2021. Dass Sophie Scholl, hätte es damals wirklich so etwas wie Instagram gegeben, ihren Widerstand höchstwahrscheinlich nicht dermaßen öffentlich gemacht hätte wie der Kanal heute, ist ein Einwand, den man gelten lassen muss. Der Account bleibt letztlich ein "Kunstgriff", wie Gebhardt es nennt. Ein Kunstgriff, der versucht, die wachsende historische Distanz durch eine emotionale, "radikal subjektive" Erzählweise, die Soziale Medien wie Instagram verlangen, zu überbrücken.

Die subjektive, niederschwellige Darstellungsform, die Medien wie Instagram, aber auch Podcasts innewohnt, scheint jedenfalls mit der autobiografischen Perspektive - etwa in Form von Tagebüchern, Briefwechseln und Zeitzeugenberichten - zu korrelieren, die für die Erinnerung an Holocaust und Zweiten Weltkrieg längst charakteristisch ist. In einer Zeit, in der Zeitzeugenberichte aus erster Hand immer rarer werden, könnten kuratierte Erinnerungsprojekte eine neue Form der Zeugenschaft darstellen, wenngleich sie Gespräche mit Zeitzeugen, den Besuch von Gedenkstätten und eine umfassende historische Kontextualisierung keinesfalls ersetzen können. Aber diesen Anspruch stellen die Projekte selbst auch nicht. Fest steht, dass ein aktives Erinnern nur schwer auskommen wird ohne ein digitales Erinnern, um dem Vergessen gegenzusteuern.