Der Krieg in der Ukraine ist einer der ersten, der auch und gerade Auswirkungen im digitalen Bereich zeigt. Cyberangriffe beziehungsweise deren Abwehr rücken in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und gewinnen an Bedeutung.

Aber auch das Internet selbst - als zentrale Plattform für Austausch - wissenschaftlich, wirtschaftlich, wie auch persönlich, wird zur Zielscheibe. Doch es ist auch offensichtlich, dass man das Internet nicht einfach abdrehen kann, und zum anderen wird deutlicher als jemals zuvor, dass man die digitale Datenautobahn eben nicht nur für Propaganda, Angriffe und Zensur nutzen kann, sondern der eigentlichen Intention nach, für Wissenstransfer, Information und das Überleben.

Wer kontrolliert das Internet?

Bevor es nun um die digitalen Entwicklungen und Auswirkungen im aktuellen Konflikt geht, ein kurzer Versuch, das "Internet" in seiner Basisfunktion zu erklären. Wer kontrolliert es? Wer bezahlt es? Und wer kann es abschalten? Sehr vereinfacht gesagt, ist das Internet ein Verbund vieler Computernetzwerke, die untereinander Daten austauschen. Das Internet(-protokoll) ist somit die Technologie, welche verschiedenste Prozesse wie E-Mail oder auch das World Wide Web (WWW) ermöglicht. Viele Menschen verwenden die Bezeichnung Internet fälschlicherweise für das WWW, dabei ist dieses nur eine der Anwendungen, die auf der Internetebene läuft. Cyberspace wiederum ist ein viel weiter gefasster Begriff, der für die Gesamtheit aller Aktivitäten und Informationen im digitalen Raum verwendet wird.

In Westeuropa fallen etwa 60 Prozent der Kosten des Internets durch Universitäten oder öffentliche Einrichtungen an, die restlichen 40 Prozent "bezahlen" Steuerzahler, Unternehmen, Kunden und Internet-Anbieter. In den USA ist dies etwa umgekehrt. Die Kosten des Internets entstehen durch Leitungsgebühren, Datengebühren, Rechner, Personal, Wartung, Pflege und Ähnliches. Wesentlich in diesem Netzwerk sind natürlich die Netzwerkinfrastrukturanbieter, diese schaffen die Knotenpunkte, das Backbone des Internets, welches den Austausch der Datenpakete erst ermöglicht.

Geregelter Austausch

Dabei wird zwischen Providern in verschiedenen Hierarchien unterschieden. Was die kontinentalen Infrastrukturen angeht, so werden diese von den großen "Tier-1" und "Tier-2"-Providern betrieben, die ihre Netze jeweils miteinander verbinden. "Tier-1" bedeutet, dass man jedes Stück des Internets erreichen kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. "Tier-2" bedeutet, das Unternehmen muss zwar zahlen, aber nur an wenige "Tier-1". Endkunden zahlen für den Zugang zum Internet an einen Provider, dieser zahlt wiederum einen oder mehrere Tier-2, die wiederum zahlen die Tier-1-Internetserviceprovider. Das Internet gehört niemandem, das ist zumindest am ehesten richtig. Das Internet als Ganzes gehört niemandem, auch wenn einzelne Teile bestimmten Unternehmen gehören.

Oft wird die US-amerikanische Behörde Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers), die die Registrierung von Domainnamen vornimmt, als Besitzerin des Internets bezeichnet. Sie ist zum Beispiel zuständig für Domains mit den Endungen .com, .net, .org und .info, doch da Domains nur ein Teil des Internets sind, gehört das Internet nicht der Icann. Diese Behörde ist allerdings für ihre Schlüsselzeremonie bekannt.

Die sieben Schlüssel

Bei dieser Zeremonie erneuern die Schlüsselträger den Generalschlüssel des Internets, mit dem auch bei einem Totalausfall des Internets ein Neustart möglich wäre. Und das funktioniert so: Es gibt sieben Schlüsselträger, sogenannte Krypto-Offiziere, diese besitzen sieben physische Schlüssel, die Schließfächer ihrer Besitzer auf der ganzen Welt öffnen. In den Schließfächern lagern Smartcards und diese gewähren vereint Zugriff auf einen Computer, der wiederum einen digitalen Generalschlüssel generiert - das Passwort der Icann-Datenbanken. Gleichzeitig ernannte Icann sieben Schattenträger. Diese besitzen keine physischen Schlüssel, sondern lediglich Smartcards, auf denen Stücke des Codes gespeichert sind. Das dient zur Absicherung des Systems.

Nach diesem Exkurs aber nun zurück zum Krieg in der Ukraine. Als eine der Maßnahmen, um Russland zum Ende der Invasion zu bringen, wurde entschieden, dass man das Land vom internationalen Internetverkehr abschneidet. So sollen Cyberattacken gegen die Ukraine, Propaganda und Ähnliches von russischer Seite unterbunden werden, zugleich schadet dies natürlich auch der russischen Wirtschaft. Allerdings, so warnen Journalistenverbände und NGOs, bedeutet dies natürlich auch, dass man die russische Bevölkerung immer mehr von unabhängigen Nachrichten abschottet und sie somit nur mehr die Kreml-Propaganda empfangen können. Dies wiederum spiele den Plänen von Wladimir Putin in die Hände, der das russische Internet unter komplette staatliche Kontrolle bringen möchte.

Dieses Aufsplittern der weltweiten Datenautobahn zu kleinen, zensurierten und beschnittenen nationalen Netzwerken bezeichnet man auch als "Splinternet". Am weitesten bei diesen Bemühungen ist bekanntlich China, doch ein staatlich eingeschränktes Internet findet sich etwa auch in Russland (schon vor dem Krieg), Syrien, Israel, Ungarn, Nord- und Südkorea und auch in Nordafrika. Und diese Liste ist bei weitem noch nicht am Ende angelangt.

In Russland gerät das Internet nun durch zwei Seiten unter Druck: Durch den Rückzug großer Transitprovider aus Russland muss der Internetverkehr umgeleitet werden und die Versorgung mit internationalem Internet wird immer schwieriger. War unabhängiger Journalismus schon vorher immens schwer, so ist es über die klassischen Wege nahezu unmöglich geworden. So setzen die Medien auf Plattformen, wie Youtube oder Tiktok, die noch nicht gesperrt sind. Für die Russen selbst bleibt für einen freien Austausch zudem noch die App Telegram.

Der Gründer Pawel Durow ist selbst Russe mit ukrainischen Wurzeln und vor einiger Zeit bereits nach Dubai ausgewandert. Dass der Dienst noch nicht gesperrt wurde, liegt wohl daran, dass auch die russische Propaganda darüber läuft. Und auch intern macht der Kreml mit der Schließung von Facebook, Instagram und Co. seine Zensur engmaschiger. Allerdings melden Hersteller entsprechender Software, dass in Russland nun auch verstärkt so genannte VPN-Dienste eingesetzt werden, mit denen sich Länderbeschränkungen umgehen lassen.

Da das Internet niemandem gehört, kann man es auch nicht einfach abschalten. Aber man kann bestimmte Adressen - etwa die Länderkennung.ru - unerreichbar machen. Daher setzt die russische Führung derzeit auch alles daran, dass die Unternehmen im Land auf russische Server, die sich nicht sperren lassen, wechseln. Zum einen schafft man so ein eigenes Internet im Lande, zum anderen erhöht dies aber die staatliche Kontrolle noch mehr.

Zwischen der Ukraine und Russland herrscht auch in der digitalen Welt Krieg. So berichten zahlreiche Experten von massiven Attacken gegen die ukrainische Internetinfrastruktur und Unternehmen. Mit Schadsoftware sollen nicht nur Webseiten lahmgelegt, sondern auch Daten gestohlen werden. Die Ukraine dürfte aber über eine ausgezeichnete digitale Verteidigung verfügen und - ähnlich wie Estland - die Bedeutung des Internets für einen Staat hoch einschätzen. Das Hackerkollektiv "Anonymous" meldet, dass es erfolgreiche Attacken auf die russische Infrastruktur gab. Dieser Krieg im Krieg ist für viele unsichtbar, wird von Fachleuten aber mittlerweile als ein zentrales Element gesehen. Es geht also nicht nur um die Ukraine, sondern auch um die Zukunft des Internets, wie wir es bisher kannten.