Nach zwölf Jahren in der "Zeit im Bild 2" hat Lou Lorenz-Dittlbacher zu Jahresbeginn die Chefredaktion von ORF III übernommen. Die 47-Jährige folgte damit Ingrid Thurnher nach, die zur ORF-Radiodirektorin bestellt wurde. Lorenz-Dittlbacher ist demnach schon die zweite "ZiB2"-Journalistin, die die Geschicke des kleinen Spartensenders lenkt. Zum Durchschnaufen blieb nach dem Wechsel freilich keine Zeit: Nach nur wenigen Wochen brach der Krieg in der Ukraine aus und katapultierte die beschauliche Tagesschiene von ORF III blitzartig in die Erste Liga der ORF-Berichterstattung mit bis zu sieben Stunden Live-Strecke zur Kriegsberichterstattung. Die routinierte TV-Journalistin über kleine Teams und Barrieren im Kopf.

"Wiener Zeitung": ORF III hat sich schon unter Ihrer Vorgängerin ein ganzes Stück zum journalistischen Tagesbegleiter gewandelt. Wie sind Ihre Pläne?

Lou Lorenz-Dittlbacher: Tagesbegleiter gefällt mir schon, aber grundsätzlich bin ich dafür, etwas mehr als ein Begleiter zu sein. Wir wollen Orientierung liefern und machen extrem viele eigene Interviews. Das geht in der Wahrnehmung manchmal ein bisschen unter. Wir konnten in der Ukraine-Krise auch Pressekonferenzen mit allen wichtigen Playern wie Selenskyj, Lawrow, Macron, Johnson, Scholz live übertragen. Das konnten wir machen, weil wir in Sonderschichten vier Dolmetscher im Einsatz hatten. Aber darüber hinaus - und das ist auch der Ausblick für die Zukunft - haben wir sehr viele Experten interviewt und auf das Korrespondenten-Netzwerk zurückgegriffen, die für uns viele eigene Beiträge gestaltet haben. Mein Ziel ist: Wir bieten eine Ergänzung zu ORF 2, das zeitlich limitiert ist. Wenn man so viel Fläche hat wie wir, dreieinhalb Stunden am Vormittag, kann man noch mehr Hintergrund bieten.

Welche Rolle spielt ORF III in der Flotte des ORF?

Das Label "Kultur und Informationssender" gefällt mir schon ganz gut, aber "Informations- und Kultursender" wäre mir lieber (lacht). Wenn wir die Schwerpunkte auf diese beiden Bereiche legen, haben wir ganz viel Möglichkeit, Hintergrund und Analyse anzubieten. Zu zeigen, was sich in diesem Land tut. Was ich oft wahrnehme, ist, dass Gäste sagen: Bei ORF III ist so viel Zeit für Interviews. Das gibt uns die Möglichkeit, die Dinge sickern zu lassen und einzuordnen. Und das ist gut - und das ist auch unsere Nische.

Ist diese Möglichkeit, Dinge etwas mehr zu hinterfragen, nicht etwas, was dem ORF verloren gegangen ist?

Es liegt auch daran, dass die letzten Jahre so intensiv waren wie nie zuvor. Wir warten eigentlich seit Jahren, dass es wieder ruhiger wird. Wir hatten die Flüchtlingskrise, die ewig lange Bundespräsidentenwahl, Ibiza, Wahlen, Corona, wieder Wahlen und jetzt den Krieg. Da kann man kaum noch Luft holen und das macht sich dann auch in den Formaten bemerkbar. Wir haben in den vergangenen Wochen oft sieben Stunden live am Tag gesendet und wussten trotzdem nicht, was wir streichen sollen, weil so viel los war. Bei sieben Stunden! Das war oft schon verrückt.

Wie viele Leute bespielen denn diese enorme Zeit?

Es sind im Wesentlichen lediglich zwölf Leute für normalerweise dreieinhalb Stunden. Das ist ohnehin extrem wenig, aber sieben Stunden sind nicht zu stemmen. Ich habe dann mehrmals im Haus um Hilfe gerufen und wir haben drei Mitarbeiter dazu bekommen, gleichzeitig sind aber im Schnitt drei krank oder in Quarantäne gewesen. Diese Arbeitsleistung kann nur ein so tolles und sehr gut verzahntes Team bringen.

Ist das ein junges Team, in dem sich Leute erproben können und es auch Ausbildungsaspekte gibt?

Die Mehrheit ist sehr jung, aber durch die Zeit, die Ingrid Thurnher hier mit ihnen verbracht hat, auch bereits sehr versiert. Da lernt man natürlich viel. Mir ist auch wichtig, hier meine Erfahrung einzubringen.

Wo sehen Sie noch Nischen, auf die ORF III setzen könnte?

Ich glaube es ist wichtig, aus diesen letzten drei Wochen das Beste herauszuholen und daraus zu lernen. Wir haben gesehen, dass wir mit viel Fläche umgehen können. Und wir haben auch gelernt, dass man praktisch überall hinschalten kann, etwa mit Skype. Wir haben einfach nicht mehr diese Barrieren im Kopf, wen wir auch als kleiner Sender anfragen sollen. Wir können ruhig stolz auf unsere eigenen Leistungen sein. Unsere dreieinhalb Stunden am Vormittag kann man noch feiner zurechtfeilen, mit zusätzlichen Elementen, mit Experten und Faktenchecks. Ich habe da noch viele Ideen, die wir aber noch nicht besprechen konnten, weil wir ständig live senden.