"Kiew" wird zu "Kyjiw", "Tschernobyl" zu "Tschornobyl" und "Charkow" zu "Charkiw": Wo im Deutschen nur ein paar Buchstaben neu sortiert und aneinandergereiht werden, wird für die ukrainische Gemeinschaft im Ausland politischer Widerstand gegen Russland. Denn die bisher im Deutschsprachigen gebräuchlichen Formen ukrainischer Ortsnamen orientieren sich an der Übersetzung aus der russischen Sprache. Diese Schreibungen sind deshalb noch verbreitet, weil die Ukraine lange unter der Herrschaft von Russland stand und kulturell wie sprachlich an das Imperium angeglichen wurde: Im Zarenreich etwa wurde Ukrainisch als "Kleinrussisch" zeitweise verboten und später in der Sowjetunion als Dialekt verunglimpft. Sieht man Sprache als politisches Werkzeug, stützt die ans Russische angelehnte Übersetzung und Schreibung die russische Dominanz. So sehen es jedenfalls viele Ukrainerinnen und Ukrainer und fordern deshalb, die deutschen Übersetzungen an die ukrainische Form anzupassen und damit die Souveränität zu betonen.

Der angelsächsische Raum hat die pro-russischen Relikte bereits mehrheitlich abgelegt: Im Jahr 2018 startete das ukrainische Außenministerium die Kampagne "KyivnotKiev", um englischsprachige Medien davon zu überzeugen, sich der Einflussnahme Russlands zu widersetzen und ukrainische Transliterationen bei den Ortsnamen zu übernehmen. Die Kampagne erwies sich dabei als erfolgreich: Internationale Medien wie die BBC, die "New York Times" oder die "Washington Post" schreiben mittlerweile "Kyiv", "Odesa" und "Kharkiv" und auch viele Flughäfen haben die ukrainischen Formen übernommen.

Mehr Einheitlichkeit

Ganna Gnedkova ist der Überzeugung, dass der englische Sprachraum auf diese Kampagne weniger konservativ reagiert hat als der deutsche. Gnedkova stammt selbst aus Kiew, seit 2015 lebt und arbeitet sie als literarische Übersetzerin und Journalistin in Wien. Sprache ist politisch, sagt sie: Es sei an der Zeit, dass Europa die Ukraine als postkolonialen Staat anerkennt und sie dabei unterstützt, sich vom russischen Imperium zu emanzipieren und auch sprachlich koloniale Rudimente abzuschütteln.

Dass diese sprachliche Emanzipation nicht ohne Schwierigkeiten verläuft, weiß Gnedkova aus eigener Erfahrung. 2017 übersetzte sie gemeinsam mit ihrem Mann Peter Marius Huemer und Christian Weise einen ukrainischen Reiseführer ins Deutsche und stieß dabei immer wieder auf Unsicherheiten, wie einzelne Namen genau transkribiert werden sollen. Aber sie ist zuversichtlich, dass durch den Krieg viele dieser Unsicherheiten mit der neu aufkeimenden Sprachsensibilität gelöst werden. "Der Anlass ist traurig, aber vielleicht bekommt das Ukrainische jetzt die Aufmerksamkeit, die man ihm schuldet," sagt sie.

Sie würde sich wünschen, dass im Deutschen für Ortsnamen einheitlich die ukrainische Transliteration verwendet wird. Weil es eine sprachpolitische Klarstellung ist, dass der ukrainische Staat kein Teil der Russischen Föderation und die ukrainische Sprache kein Ableger der russischen ist, wie Gnedkova sagt. Für sie als Ukrainerin sei es außerdem ein schönes Gefühl, ihre Heimatstadt auf der Anzeigetafel im Flughafen korrekt repräsentiert zu sehen. Denn dort steht im Englischen mittlerweile "Kyiv" - und nicht "Kiev".