Die Welt wäre sicherlich eine bessere, wenn man alle Sorgen und Probleme wegtanzen und wegsingen könnte. Eine Plattform für Spaß, Freude, Freunde und Geselligkeit - das wäre fein. Und genauso hat sich TikTok in den vergangenen Jahren etabliert. Kurze Videos, Musik und Tanzeinlagen für eine möglichst schöne Ablenkung in der digitalen Welt. Doch selbst in der buntesten Welt kann man nicht vor allem flüchten. Und so haben die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine, Zensur und eine Schmutzkübelkampagne von Facebook gegen den zu erfolgreichen direkten Mitbewerber die TikTok-Welt massiv erschüttert.

Gefährliche Herausforderung

Zwar spielte die Online-Plattform in Corona-Zeiten immer noch eine große Rolle und konnte stets mehr und auch immer jüngere Nutzer und Nutzerinnen an- und damit von anderen Plattformen abziehen, doch dann zeigte sich doch, dass Corona nicht spurlos an den Jugendlichen vorbeigezogen war und die Wettbewerbe, so genannte Challenges, in der realen Welt immer absurder und gefährlicher wurden. In Deutschland gingen die WCs in Schulen in Flammen auf, in Österreich klebten sich Jugendliche die Lippen an Körperteile anderer Menschen und in Australien warnten die Behörden vor der "Pass Out"-Challenge, bei der die Teilnehmer so lange wie möglich die Luft anhalten sollten und dabei reihenweise umkippten. Auch die Verharmlosung von Frauenmorden rückte kürzlich in den Fokus der Kritik. Einige Indizien dafür, dass es weltweit dringend bessere Angebote für Kinder und Jugendliche in Umgang mit dem Internet und Medien geben sollte.

Doch die Diskussionen riefen auch das US-Unternehmen Meta, Mutterkonzern von Facebook, auf den Plan. Wie sich herausstellte, scheute das Unternehmen in den USA und damit - in einer grenzenlosen, digitalen Welt - rund um den Globus nicht davor zurück eine unglaubliche Schmutzkübelkampagne gegen TikTok loszutreten. So wurde hervorgehoben, dass es sich um ein chinesisches Unternehmen handelt (die TikTok-Mutter ist das chinesische Unternehmen ByteDance, welches am heimischen Markt das Angebot unter dem Namen Douyin anbietet) und so entsprechende Ressentiments geschürt.

Hinter der Kampagne steht die Agentur "Targeted Victory", die sich selbst damit brüstet, mit "einer Perspektive rechts der Mitte Marketing-Herausforderungen zu lösen" und die von einem früheren Wahlkampfleiter des Republikaners Mitt Romney geleitet wird. Doch damit nicht genug: Facebook und Targeted Victory verbreiteten Falschmeldungen, etwa gefälschte Leserbriefe an Zeitungen und warnten vor dem gefährlichen TikTok-Erfolg. Wie sich herausstellte, stammten die darin angesprochenen Challenges gar nicht von TikTok, sondern nahmen ihr Ursprung ausgerechnet auf Facebook. Kritiker orteten daher die Facebook-Strategie, von den eigenen Problemen abzulenken (Datenschutz und ähnliches) und sie gleich einem unliebsamen und zu erfolgreichen Konkurrenten anzuhängen.

Unbemerkte Zensur

Wenig später wurde bekannt, dass die Betreiber von TikTok nicht nur in China Kommentare massiv zensieren, sondern auch im Ausland. Das Problematische an diesem "Shadowbanning" ist nicht so sehr, dass es passiert, denn die Moderation von Foren ist generell üblich und sinnvoll, sondern dass die Plattform keinerlei Transparenz oder gar Erklärung liefert. Wer einen Kommentar verfasst, der TikTok nicht passt, sieht ihn selbst noch angezeigt - für alle anderen Nutzer wird er verborgen, ohne dass die Absender es bemerken. Weder in Community-Guidelines noch in Transparenzberichten findet sich ein Hinweis, dass manche Kommentare ausgeblendet werden. So wissen die Anwender nicht, dass diese Maßnahme theoretisch angewandt werden kann und welche Begriffe erfasst werden. In der Liste der gefilterten Wörter finden sind Begriffe wie "LGBTQ", "queer" "Auschwitz", "gay", "homophob", "Nationalsozialismus", "Pornografie", "schwul" oder "Peng Shuai" - der Name der Tennisspielerin, die einen chinesischen Funktionär des sexuellen Missbrauchs beschuldigte und dann wochenlang verschwand. Interessant scheinen in diesem Zusammenhang die Erklärungsversuche von TikTok. Man wolle ein inklusives Umfeld fördern, in dem sich Menschen sicher fühlen und authentisch sein können. Das bedeutet auch, dass man gegen hasserfülltes Verhalten vorgehen und gleichzeitig die Gegenrede schützen müsse. Der Name Peng Shuai landete angeblich auf der Filterliste, weil er das Wort "Hua" enthalte - das Schimpfwort "Hure" in österreichischer Mundart. Demnach wird der Begriff schon seit mehr als einem halben Jahr blockiert und hängt nicht mit den aktuellen, politisch aufgeladenen Ereignissen zusammen. Zudem habe sich die Einschränkung nur auf den deutschen Sprachraum bezogen und man habe eine Menge relevanter und informativer Inhalte über die Tennisspielerin auf der Plattform. Apropos Plattform - nur ein kurzer Exkurs. TikTok und das chinesische Gegenstück Douyin sind nicht ident. Douyin ist weitaus stärker mit eCommerce versetzt, so können Produkte, die in den Videos gezeigt, auch gleich gekauft werden, es lassen sich Hotelzimmer über die App buchen und virtuelle Touren durch Restaurants ansehen.

Zur Manipulation geeignet

Auch der Krieg in der Ukraine zeigte die Grenzen von TikTok auf. Unzählige Videos sind auf der Plattform zu finden, Berichte zum Schrecken des Krieges ebenso wie Tanzvideos gegen den Krieg, doch ist große Vorsicht beim Betrachten des Bildmaterials geboten und kritisches Hinterfragen ein Muss. Die Anwendung eignet sich nämlich aufgrund ihrer speziellen und von den Anwendern hochgeschätzten Funktionen sehr für Manipulation. So kann man sehr leicht "Mashups" (verschiedene Inhalte werden zu einem vermengt) erstellen und dann auch sehr leicht Ton über das Video legen. Somit lässt sich oftmals sehr schwer nachprüfen, ob Videos aus der Ukraine auch wirklich aus dem Kriegsgebiet stammen. Hier ist es wichtig, auf verlässliche Quellen und Korrespondenten zu vertrauen, um nicht Falschinformationen zu erliegen.

Das große Problem von TikTok ist in dieser Zeit, dass es eben nicht als soziales Netzwerk entwickelt und erdacht wurde, sondern als eine App, die Unterhaltungsinhalte liefert. Kurze Schnipsel, die vor allem Kinder überfordern, aber dennoch einfache und schnelle Unterhaltung liefern. Keine Diskussionen oder stringente Erzählungen. Die Vermischung dieser beiden Welten mit den Algorithmen, die dahinter liegen und regeln, welche Inhalte, welche Nutzer zu sehen bekommen, geht sich in Krisenzeiten nicht mehr aus. Leider ist halt nicht immer alles nur Spaß.